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Kategorie: PTBS

„Richtig“ essen

In der letzten Zeit befasse ich mich wieder öfter mit den Themen Ernährung und Gewicht. Ich hatte dazu schon mal zu bloggen versucht, aber wie so oft, seit ich dieses Blog hier schreibe, blieb ich mitten im Artikel stecken. Ich denke, ich habe noch immer nicht für mich rausgefunden, wo ich die Grenze zwischen Privatleben und Blog ziehe.

Ernährung ist kein konfliktfreies Thema für mich. Es ist verknüpft mit Traumatisierungen, und das auch noch in unterschiedliche Richtungen, so daß ich eigentlich ein wenig konfus fühle, was die Frage nach gesunder Ernährung betrifft. Ich habe mich in meinem Leben omnivor, ovo-lakto-vegetarisch und vegan ernährt und fühle mich insgesamt der Vollwertkost nach Bruker verbunden, wenngleich ich sie weder vollständig umsetzen kann noch will. Das Einzige, was ich wirklich als korrekte Aussage über gesunde Ernährung anerkenne, ist ein Satz von Pollmer. Sinngemäß hat er in einem Internetvortrag gesagt, daß der Terminus „gesunde Ernährung“ Schwachsinn sei, weil gesunde Ernährung für jeden Menschen etwas anderes ist. Meine eigene Idealernährung zu finden, ist ein Prozeß, der auch nach Jahren des Experimentierens nicht an einem vermeintlichen Ziel angekommen ist. Ich finde immer noch Neues heraus und habe auch noch immer Spaß daran.

Ich glaube, in den letzten zwei Jahren bin ich etwas gemäßigter geworden, was meine Überzeugungen von Richtig und Falsch angeht, nicht nur, aber auch in puncto Ernährung. Das Thema ist zu komplex und die einzelnen Dinge sind zu verwirrend miteinander verquickt, als daß ich alles im Blick haben könnte. Wenn man allein versucht, eine einzige Sache, die man als richtig für sich erkannt hat, konsequent zu verfolgen, zupft man damit an so vielen anderen Fäden, daß letztlich ja doch wieder das ganze Netz mitschwingt. Ich habe z.B. das Problem, daß ich mich eigentlich gern vorrangig regional ernähren würde, daß ich aber allein mit Äpfeln echt nicht durch den Winter komme. Ich würde gern plastikfrei(er) einkaufen, aber selbst Radieschen werden mit Gummiband verkauft. Ich neige dazu, bei sowas schnell extremistisch zu werden, und ehrlich gesagt tut mir das nicht besonders gut.

In den letzten Monaten habe ich mich wieder vermehrt mit Vollwertkost beschäftigt. Wie ich weiter oben schon schrieb, kann und will ich diese nicht konsequent umsetzen. Ja, sie funktioniert, ja, sie schmeckt, und ja, ich habe das auch schon zu 100% gemacht. In meiner derzeitigen Lebenssituation würde 100% Vollwert nach Bruker für mich aber einen Verzicht auf ein paar Dinge bedeuten, die ich sehr gern esse, wie etwa aushäusige Pizza (nachdem ich endlich einen Pizzabäcker gefunden habe, der milchfreien Teig anbietet, mir Pizza ohne Käse macht und einen Steinbackofen hat), ein paar süße und deftige Knabbereien, Zucker in den Tee etc. Freilich könnte ich für diese Dinge Alternativen finden – aber das würde ich nur tun, wenn es mir mit 100% Vollwert ernst wäre. Und das ist es eben nicht.

Ich kann mich wirklich für Ernährung, Kochen und Backen begeistern, aber mir ist auch klar geworden, daß das für mich immer ein Tanz am Rande des Vulkans ist. Ich habe eine Eßstörung, die schrägerweise ziemlich in Mode ist, nämlich Orthorexie. Das bedeutet, ich möchte mich möglichst gesund ernähren. Klingt ja erstmal etwas merkwürdig: warum soll es ein Problem sein, wenn man sich gesund ernähren will? Weil es zu Schwarz-Weiß-Denken führt und man im Extremfall einen Kontrollfimmel kriegt. Das Ganze hat sich bei mir natürlich nicht im luftleeren Raum entwickelt. Wie ich schon schrieb, hängen meine Traumatisierungen auch mit Essen, Körperbild und Bewertung zusammen, und wie alle Traumainhalte hat sich auch das in meinem Denken und Leben eingenistet – und in meinem Körper.

Traumata manifestieren sich ja in verschiedener Weise auf physischer Ebene. Beispielsweise kann man abbilden, daß das Gehirn eines Menschen mit kPTBS anders „feuert“ und damit anders funktioniert als das Gehirn eines Nicht-Traumatisierten. Auch ist der Hormonstatus von Traumatisierten verändert. Insbesondere die sog. Streßhormone machen uns zu schaffen, und dabei denke ich jetzt z.B. an Cortisol. In Streßsituationen schnellt das Cortisol nach oben, was uns dazu befähigt, schnell Energie freizusetzen, um zu kämpfen oder zu flüchten. Macht in Gefahrensituationen absolut Sinn. Wenn einem das Gehirn aber vorgaukelt, daß permanent Streß besteht und der Cortisolspiegel dadurch dauerhaft hoch ist, führt das zu Problemen. Eins davon ist Übergewicht. In der Regel haben Ärzte nicht allzu viel Ahnung von den Zusammenhängen von PTBS, Streß, Cortisol und den ganzen möglichen Manifestationen wie Bluthochdruck, Übergewicht und Co. Für Schulmediziner ist ein übergewichtiger Mensch mit Bluthochdruck mit Blutdruckmitteln therapierbar. Ist er das nicht, macht er was falsch. Das heißt, eigentlich macht er eh etwas falsch, weil er nämlich übergewichtig ist. Klar.

Normalerweise glauben Ärzte mir nicht, wenn ich ihnen erzähle, was und wie viel ich esse und daß ich regelmäßig Sport mache, weil ich dabei nämlich irgendwann in den letzten zehn, zwölf Jahren mal Gewicht hätte verlieren müssen. Aber genau das passiert nicht. Umgekehrt kann ich soviel Fast Food in mich reinstopfen, wie ich will, ich nehme dabei nicht zu. Stoisch bleibt mein Körper bei seinem Gewicht. Irgendwie ist das ja auch gut, denn ein stabiles Gewicht ist immer eine gute Sache, selbst wenn es stabil hoch ist. Aber irgendwie nervt mich das auch, wenn sämtliches Optimieren nichts bringt (hallo Orthorexie, schön, daß Du mal wieder reinguckst).

Mir sind die Zusammenhänge zwischen PTBS, Streß, Gewicht und Orthorexie bewußt und ich kann damit alles in allem ganz gut umgehen. Die meisten anderen Menschen (auch die in weißen Kitteln) haben davon keine Ahnung. Was sie sehr wohl haben, sind allerhand Vorurteile und Ratschläge: nicht soviel essen. „Besser“ essen. Weniger naschen. Keine Softdrinks. Sport machen. Gähn. Als hätten wir Dicken davon nicht auch schon mal gehört, so am Rande. Als hätten wir das nicht schon alles durch.

Ich finde es durchaus schwierig, mit ernährungsbezogenen Traumata in einer Gesellschaft zu leben, in der so getan wird, als sei das eigene Körpergewicht nicht mehr als eine Entscheidung, und in der Fehl- und Mangelernährung hip und trendy sind (Stichworte Proteindiät, Süßstoffe, Convenience Food, Koffeinmißbrauch, Magenverkleinerung, Kleidergröße null). In unserer Gesellschaft werden Binsenweisheiten, die sich längst überholt und selbst als falsch entlarvt haben, dennoch weiterhin kolportiert, wie z.B. daß Fett das Problem sei (Stichwort fettfreie Kost) und daß Abnehmen funktioniert, indem der Kalorienverbrauch die Kalorienaufnahme übersteigt. Doppelgähn.

Was ich mir für mich wirklich wünsche, ist, endlich gelassener mit dem Diktat des Schlankseins umgehen zu lernen, und mich auf das zu besinnen, was mir wichtig ist: möglichst vollwertige, abwechslungsreiche Kost mit viel Vollkorn, Gemüse und Obst, in der auch für drei Würfel Zucker täglich und gelegentliche fabulöse Burger mit in Mayo ersoffenem Salat Platz ist. Nur mit Gelassenheit und radikaler Akzeptanz werde ich den Dauerstreß senken können, und Essen, das mich nicht nur am Leben hält, sondern das beim Zubereiten und Verzehren Freude bereitet, ist ein wichtiger Aspekt meiner Therapie.

Liam, 24.08.2016, 10:17 | Abgelegt unter: Fruit & Root,PTBS | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

Schatz, ich bin so befriedigt…

Das wollte ich nur mal festhalten, an diesem frühen Samstagabend, und wo ich den Tag mit Brotbacken, Essenkochen und Küche-fertig-Einräumen verbracht habe.

Weil…..manchmal vergesse ich, wie gut sich das anfühlt, Korn zu mahlen, Teig zu kneten und ihn dann stundenlang zu betüddeln, frisches Gemüse und Obst zu schnippeln, in meinen Gewürzen zu schwelgen und am Ende bei Tisch satte, zufriedene Menschen sitzen zu haben.

Manchmal denke ich, Hausarbeit und Haushaltsführung sollte ich quasi „nebenher“ wuppen können, weil „das bißchen Arbeit“, richtig? Falsch. Die Entwertung meiner eigenen Arbeit und Leistung ist Teil meiner kPTBS. Ein Teil, der total tückisch sein kann, denn egal, wie sehr ich mich anstrenge, es ist natürlich nie genug. Das Spielchen kann ich auch bis zum körperlichen und mentalen Zusammenbruch spielen (was ich schon oft genug getan habe, lernfähig, wie ich bin *hüstel*), was mich dann in eine unangenehme Abhängigkeit von anderen treibt (die dann meine Aufgaben übernehmen müssen).

Gerade jetzt also, wo ich am Küchentisch sitze, auf dem Herd ein Massaman Curry brodelt und der Duft von Basmatireis vom Reiskocher aufsteigt, da will ich kurz innehalten und mir bewußt machen, wie wertvoll das hier ist. Das, was ich hier tue.

Ich will mir auch ins Bewußtsein rufen, daß ich soviel mehr kann, als ich selbst oft denke. Klar, irgendwo da draußen gibt es Unversehrte, die das, was ich tue, und einen Vollzeitjob unter einen Hut kriegen ohne zusammenzubrechen (Respekt!), aber für mich ist das alles hier eine große Leistung.

Ich glaube, dafür habe ich mir eine Belohnung verdient. Frisches Brot mit Mozzarella und gegrilltem grünen Spargel nachher in der Halbzeit klingt gut…

Liam, 18.06.2016, 17:15 | Abgelegt unter: Fruit & Root,Housekeeping,PTBS | RSS 2.0 | TB | 4 Kommentare

Sprich nicht für mich

Immer, wenn ich Zeug von Cis-Hetero-Menschen lese/höre/sehe, in dem sie sich als besonders LGBTQ-freundlich generieren und für LGBTQ-Awareness und -Pride „starkmachen“, kann ich nicht anders als Magenkrämpfe kriegen. Scheinbar ist aber noch niemand auf die Idee gekommen, daß die Cis-Hetero-Aneignung von LGBTQ-Themen nicht als coole Awareness, sondern als dumpfe Arschigkeit aufgefaßt werden könnte. Besonders gefressen habe ich Cis-Heteros, die, wenn ich ihnen schreibe/sage, daß ich ihre Aussagen anmaßend finde, antworten, daß sie schreiben/sagen dürften, was immer sie wollten. Ich nehme an, das kackfreche Überbügeln dieser Meinung, die von einem Mitglied der LGBTQ-Community kommt, ist dann wohl auch Awareness. Oder so.

Bin halt auch bescheuert. Da merke ich einfach nicht, daß diese super-awaren Cis-Hetero-Muttis, die meine Themen vereinnahmen und zum Rauskehren ihrer Coolness nutzen, mir eigentlich einen Gefallen tun wollen. Mensch, Mensch.

Liam, 09.06.2016, 18:45 | Abgelegt unter: PTBS | RSS 2.0 | TB | 3 Kommentare

Plastik und so

Plastik ist schlecht, das wissen wir inzwischen alle. Mich hat seinerzeit der Film „Plastic Planet“ und die daraufhin in sämtlichen sozialen Netzwerken und Blogs losbrechende Diskussion auf das Thema aufmerksam gemacht. Seither ist viel passiert und weil ich gerade „Besser leben ohne Plastik“ lese, will ich mal zurückgucken und eine kleine Bestandsaufnahme machen.

Dauerhaft geändert habe ich einiges an meinem Haushalt. Ich weiß nicht, ob mir jetzt alles einfällt, aber ich zähle mal ein bißchen auf.

Statt teflonbeschichteter Pfannen habe ich auf Keramikpfannen umgestellt. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, daß es da in der Qualität riesige Unterschiede gibt. Ich habe z.B. in eine 40 € Keramikpfanne (20 cm ∅) plus 30 € Deckel investiert, die nach nicht zehnmaliger Benutzung schon nicht mehr vernünftig sauber zu kriegen war. Schrottding. Dann habe ich im Discounter eine gleichgroße Keramikpfanne für 12 € gekauft, die seit Jahr und Tag ihren Dienst tut. Eine keramikbeschichtete Grillpfanne für 70 € entpuppte sich leider ebenfalls als praktisch nicht zu reinigen. Fazit: nur anhand des Preises kann man keine gute Keramikpfanne identifizieren.

Plastikbrotdosen habe ich durch Edelstahldosen ersetzt. Paßt und funktioniert, ebenso wie die Glaszitruspresse. Plastiklöffel und -pfannenwender habe ich durch ebensolche aus Holz ersetzt und hatte dabei sogar noch das Glück, einen Löffelschnitzer zu treffen, der das Ganze aus heimischen Obstgehölzen herstellt. Paßt.

Dann wollte ich Vorratsdosen ebenfalls ohne Plastik kaufen und stellte fest: gibt’s nicht. Immerhin gab es Glasdosen mit Plastikdeckel. Ich glaube, niemals hat mich eine Vorratsdose mehr genervt! Geschickterweise habe ich gleich einen ganzen Schwung von denen in verschiedenen Größen gekauft. Glas ist schwer, Glas ist zerbrechlich, Glas ist schweinekalt, wenn es aus dem Kühlschrank kommt, Glas ist flutschig, wenn es leicht feucht ist (Kondenswasser!). Sie ließen sich nicht ineinanderstapeln. Und noch ein Minuspunkt: der blöde Deckel blieb nicht zu. Also, anfangs schon, dann aber nicht mehr. Nach ungefähr zwei Jahren und einigen zerschmissenen Glasunterteilen habe ich dann wieder reumütig auf Plastik umgestellt. Ein (halb-)reines Ökogewissen zum Preis von Nerverei mache ich nicht mit.

Ansonsten habe ich festgestellt, daß ich alles in allem eine relativ plastikfreie Küche habe. Habe z.B. schon lange Holzschneidebretter, gute Schneidemesser mit Holzgriff, einen Durchschlag aus Edelstahl, Trinkgläser, Keramikbecher, Steingutgeschirr und Edelstahlbesteck. Die Plastikteile, die ich noch besitze, möchte ich behalten bzw. würde sie sogar jederzeit nachkaufen wie etwa bereits erwähnte Plastikvorratsdosen, den Vitamix, die Front meines Ofens, meinen Kühlschrank und so.

Nachdem ich „Plastic Planet“ geguckt hatte, habe ich versucht, auf Plastik beim Einkaufen zu verzichten. Damals habe ich noch vegan gegessen und schwenkte für den Einkauf von Obst und Gemüse einfach auf den Hofladen um. Hat gepaßt. War aber um ein Vielfaches teuer. Meine Familie und ich verputzen pro Tag 1 bis 1,5 kg Gemüse zuzüglich Obst zuzüglich Beilagen. Das ging echt ins Geld. Als ich wieder auf omnivore Kost umstieg, habe ich pragmatisch mit den Schultern gezuckt und wieder auf Discounter-Gemüse umgestellt. Weil ich Käse, Wurst und Co. auch fast nur in Plastik verpackt bekomme. Klar gibt es Alternativen, im Bio-Markt, und in der Regel mit Laktose drin. Geht also selten bis gar nicht. Und ich finde, wenn ich eh schon gezwungen bin, Zeug aus Plastik zu essen, dann spielt es keine Rolle mehr, ob auch mein Gemüse in Plastik verpackt ist. Nach wie vor bevorzuge ich Sachen ohne Plastik, aber ich lasse mir da auch keine grauen Haare mehr wachsen…

…auch, weil ich finde, daß ich an vielen anderen Stellen sehr viel Plastik einspare. Wir trinken ausschließlich Leitungswasser, mein Brot backe ich selbst (Korn ist in Papier verpackt, weil es atmen soll!), Reis, Linsen und Co. muß ich zwar in Plastik eingeschweißt kaufen, nehme aber immer die größten Gebinde, wodurch ich immerhin Plastik einparen kann, und dann versuche ich zumindest, einen Teil meiner benötigten Kräuter und Gemüse selbst anzubauen bzw. sammle gern auch wild. Alles in allem finde ich meine Küche vom Plastikanteil her ok.

Was Kosmetikkram angeht, so fällt in einem reinem Männerhaushalt ehrlich gesagt nicht allzu viel an. Vorrangig Duschgel, denke ich. Ich habe jahrelang mit Stückseife geduscht und erst vor zwei Jahren wieder angefangen, Duschgel zu verwenden, und damit bin ich im Moment auch ganz glücklich – werde ich also nicht ändern. Das ist ein Berührungspunkt von Plastikfreiheit und PTBS. Ich glaube, ich habe viel zu viele Jahre relativ „mönchisch“ gelebt mir nur sehr wenig Annehmlichkeiten zugestanden, die über das Notwendige hinausgingen. Einfach weil ich mir das nicht gegönnt habe. Ich dachte, die einfache Variante von irgendwelchen Dingen (z.B. Zeug zum Duschen) müßte ausreichen. Erst vor knapp zwei Jahren habe ich begonnen, mich zu fragen, was ich eigentlich mag, also z.B. welchen Seifen- oder Duschgelduft, und den gibt es eben nur in der Plastikflasche. Brauche trotzdem nur so etwa zwei Flaschen Duschgel im Jahr, weil das Zeug halt sehr dickflüsssig ist und gut mit viel Wasser aufgeschäumt werden kann. Zusammen mit einer Packung Haargel und zwei Flaschen Shampoo war es das an Kosmetik-Plastik für mich. Ach nein, der Deckel meiner Zahncreme und meine Zahnbürste ist auch aus Plastik. Die Zahncremetube ist aus Alu und elektrische Zahnbürsten gibt es nicht aus Holz.

Reinigungsmittel brauchen wir auch eher wenig. In der Küche spüle ich mit einem Bio-Spüli auf Zuckertensid-Basis, das ich im 10-Liter-Eimer kaufe. Hält ewig, ein paar Jahre. Ist aber auch Plastik. Die Spülmaschine füttere ich mit in Plastik eingepackten Tabs. Als Badreiniger verwende ich im Winter oft Holzasche aus dem Ofen, ansonsten auch mal Entkalkerspray aus der Plastikflasche. Zum Waschen haben wir früher Pulver aus der Pappkiste (wahrscheinlich mit Plastikbeschichtung) genommen, aber das hat geklumpt, was bei vorrangig schwarzer Wäsche einfach doof ist. Seit ein paar Jahren benutzen wir Flüssigwaschmittel aus der 3-Liter-Flasche. Hält auch ewig, weil wir nur waschen, wenn eine Trommel voll ist. Weichspüler benutzen wir nicht.

Überhaupt glaube ich, daß es Sinn macht, nicht nur auf Plastikverzicht, sondern allgemein auf sinnvollen Umgang mit Ressourcen zu schauen. Ich werfe nur sehr wenig weg, und seit wir einen Komposter hinterm Haus haben, ist unser Restmüll oft nur wenig gefüllt. Ich kaufe nicht oft Kleidung, wenn auch inzwischen öfter als noch vor zwei, drei Jahren (hallo PTBS). Ich besitze genau ein Paar Schuhe (die haben aber Kunststoffe verarbeitet, geht nicht anders). Wenn ich Musik kaufe, dann als MP3. Überhaupt leihen wir viele unserer Medien (Bücher, Hörbücher, DVDs) nur noch aus, anstatt sie zu kaufen.

Ein großer Plastik-Posten ist jedoch Hardware (Computer, Notebook, Tablet, Handy und Co.), außerdem natürlich mein Auto (Innenausstattung ist eigentlich purer Kunststoff). Auch bei Möbeln kommt eine Menge Plastik zusammen. Oft gibt es das, was ich schön finde, nicht in Massivholz, und wenn doch, kann ich es nicht bezahlen.

Ich könnte definitiv den Selbermach-Anteil bei Kosmetik, Putz- und Waschmitteln und vermutlich auch bei Kleidung und Möbeln erhöhen. Könnte. Da ich für meine vorhandene menschliche Ressource aber schon sehr viel selbermache, sehe ich mich derzeit nicht mit Natron, Schlämmkreide, NaOH, Stoffbahnen oder Holzbrettern hantieren.

Außerdem muß ich ehrlich gestehen, daß mich die Hysterie, mit der „ecological correctness“ hierzulande oft praktiziert wird, inzwischen etwas….abstößt. Selbstverständlich macht es Sinn, das eigene Konsumverhalten zu überprüfen und das Machbare zu tun. Aber ich persönlich sehe inzwischen keinen Wert mehr darin, mich wegen nicht-fairer Kleidung (die es meist nicht in den Eigenschaften „Übergröße“ und „chic“ zusammen gibt) oder Palmöl in meinem Müsli zu zerfleischen. Nein, ich fühle mich deswegen nicht schlecht und schuldig, und vielleicht kommt mir da mein an Autismus grenzendes nicht vorhandenes Mitgefühl für meine Mitmenschen ja zur Hilfe, aber so ist es halt.

Liam, 04.06.2016, 20:01 | Abgelegt unter: Fruit & Root,Housekeeping,PTBS | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

Negativität fasten: Selbstverletzung

Diese Woche hat sich ein Konflikt entwickelt, mit dem ich nicht gerechnet habe. Ich finde es schon nicht einfach, Konflikte, die vorhersehbar sind, auszuhalten und souverän zu meistern, aber wenn ich ohne Vorwarnung in eine Situation gerate, in der ich das Gefühl habe, mit Ungerechtigkeit oder Ausgeliefertsein konfrontiert zu werden, kostet es mich alle Kraft, beherrscht und besonnen zu bleiben. Ich habe in der Vergangenheit erfahren, daß ich offenbar imstande bin, in Situationen, die mich verunsichern oder auch nerven nach außen sehr ruhig und eben souverän zu wirken, oft bis zur Arroganz. Das heißt ja eigentlich nur, daß ich es schaffe, das, was wirklich in mir vorgeht, zu verstecken – und da weiß ich nun nicht, ob das etwas Gutes ist. Das Bemühen, Situationen zu kontrollieren bzw. zumindest den Anschein zu erwecken, alles unter Kontrolle zu haben, ist für mich eng mit der PTBS verknüpft. Das Gefühl, die Kontrolle zu haben, gibt mir die Gewißheit, mein Leben und mich selbst samt aller Traumata und Erinnerungen im Griff zu haben. Wenn ich, wie in diesem oben angesprochenen Konflikt, die Kontrolle abgeben muß, ist das nur schwer zu ertragen.

Kontrollverlust kann zu Dekompensation führen, also dazu, daß bestimmte PTBS-Symptome schlimmer werden, daß Intrusionen auftauchen, daß ich dissoziiere und letztlich auch zu dem Wunsch, mich selbst zu verletzen. Diesen Teil meiner PTBS würde ich am liebsten ausklammern und gar nicht anschauen, denn er ist häßlich, fies und nicht vorzeigbar. Zumindest habe ich das sehr lange geglaubt. Ich habe versucht, mein selbstverletzendes Verhalten gar nicht als solches wahrzunehmen, weil es „nicht echt“ war. Als „echt“ habe ich Sachen wie Ritzen, Verbrennen und Bulimie/Magersucht angesehen – das war praktisch, denn da das alles nichts war, das ich tat, konnte das, was ich tue, ja nicht Selbstverletzung sein. Ziemlich krude Logik, aber naja.

Meiner Selbstverletzung ins Auge zu schauen, fiel mir sehr schwer. Ich bin dankbar dafür, daß ich das in therapeutischer Begleitung tun durfte und daß mir mit Akzeptanz und Offenheit begegnet wurde. Als ich die ersten Male vor einer anderen Person benannte, was ich tue, und wie sich dieser Schmerz und der Haß, der sich dadurch ausdrückt, anfühlen, war das ein wichtiger und seltsamer Moment. Wichtig, weil er mir ins Bewußtsein rief, was ich da tue. Seltsam, weil ich anfangs überhaupt kein schlechtes Gewissen dabei hatte, es im Gegenteil gar nicht begreifen konnte, daß mir jemand Mitgefühl (nicht Mitleid!) entgegenbrachte und es schade fand, daß ich diesen inneren Druck so kompensiere. Seither sind viele Monate vergangen. Ich habe es geschafft, über Dinge zu sprechen und sie so nach außen zu befördern. Ich wurde gehört. Meine Geschichte und meine Wahrnehmung spielen eine Rolle. Einen Zeugen zu haben, hat meine Perspektive auf viele Vorkommnisse verändert. Das alles nahm viel Druck, aber nicht den gesamten. Noch immer gibt es Momente, in denen ich dazu tendiere, mir wehzutun. Warum? Weil es ein über Jahre hinweg eingeübtes Ritual ist, das allein durch seinen einstudierten Ablauf beruhigt. Weil es leicht ist, in Momenten des Kontrollverlustes und der Dekompensation außer Schmerz nichts mehr zu fühlen bzw. nichts mehr fühlen zu wollen, und weil das dazu führt, daß ich mir sehr viel einfacher egal sein kann.

Ich habe in der Therapie gelernt, daß Selbstverletzung nicht immer das Schlechteste ist. Das klingt zynisch, denke ich, zumindest für Menschen, die mit dem Thema nichts am Hut haben. Aber manchmal ist es der Schmerz und das Zulassen des Selbsthasses, was hilft, diese Emotionen zu fühlen und dann auch wieder gehen zu lassen.

Ich wäre stolz darauf, wenn ich diesen Artikel, den ich im Zusammenhang mit meinem Vorhaben schreibe, in der Fastenzeit auf Negativität gegenüber mir selbst zu verzichten, damit abschließen könnte, daß ich feststelle, mich schon sehr lange nicht mehr selbst verletzt zu haben. Leider kann ich das nicht. Gerade in diesem aktuellen Konflikt wurde Selbstverletzung der einzige Ausweg, den ich für meine Gefühl von Kontrollverlust, Zorn und Aggression gesehen habe. Anders als zuvor ist jedoch, daß ich meine Fastenzeit damit nicht als gescheitert betrachte. Vielmehr möchte ich es so sehen, daß ich einen weiten Weg gekommen bin, auf dem ich viel gelernt habe, daß es aber manchmal einen Rückschritt gibt, der mich dazu animiert, es nochmal zu versuchen.

Liam, 16.03.2016, 19:59 | Abgelegt unter: PTBS,Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | 1 Kommentar

Negativität fasten: ich habe einen Körper

In den letzten zwei Wochen bin ich damit sehr zufrieden, wie mein Fastenprojekt läuft. Negative Gedanken über mich selbst kommen seltener auf, was ich insgesamt jedoch der Arbeit in der Therapie und nicht allein der Fastenzeit zurechne. Wichtiger noch finde ich, daß, selbst wenn negative Gedanken entstehen, ich diese leichter wieder ziehen lassen kann als zuvor. Das ist für mich eine Entlastung und ich hoffe, daß ich diesen gedanklichen Flow, diese Nichtanhaftung, noch weiter einüben und vertiefen kann bzw. daß ich für Phasen, in denen es wieder mehr selbstkritische Gedanken geben wird, etwas Gelassenheit mitnehmen kann.

Negativität zu fasten ist auch verbunden damit, den Blick für das Gute zu schärfen bzw. das Schöne ins Leben einzuladen. Für mich aufgrund der PTBS nicht unbedingt einfach. Im Augenblick ist „Selflove“ chic und sowohl im Netz als auch in den Printmedien (Fernsehen schaue ich nicht) wird man damit regelrecht überfrachtet. Ich verstehe das meiste, das mit dieser Selflove-Welle schwappt, nicht oder nur bedingt. Warum eine „Buddha Bowl“ mich anders als ein Müsli mit Obst drin erfreuen soll (als Symbol für die Eigenliebe), ist mir nicht verständlich, aber ich akzeptiere, daß es zwischen mir und nicht-traumatisierten Menschen immer diese Verständnisbarriere gab und geben wird. Das heißt auch, daß mir vieles, was für andere Wellness oder Selbstfürsorge ist, suspekt erscheint bzw. daß es mich triggern kann. Ein Dankbarkeitstagebuch z.B. könnte dazu führen, daß ich mich als ein Versager fühle, weil ich nicht in der Lage bin, jeden Tag Dinge aufzuzählen, für die ich abseits vom bloßen Überleben dankbar bin. Also führe ich so ein Tagebuch erst gar nicht. Jede Form von Druck ist für mich kontraproduktiv, und gerade diesem Selflove- und Wellbeing-Druck möchte ich mich nicht aussetzen.

Für viele PTBS-Patienten ist der eigene Körper Schlachtfeld der Traumatisierungen. Das erklärt, warum Dinge, die nicht-Traumatisierte als Wohltat empfinden (wie eine Massage oder einen Besuch beim Friseur), triggern und dadurch negative Empfindungen auslösen können. Erst wenn bestimmte Inhalte aus dem Alarmgedächtnis ins Langzeitgedächtnis überführt wurden, können Traumatisierte beginnen, sich damit auseinanderzusetzen, was sie mögen, was sie brauchen und letztlich, wer sie eigentlich sind. Oft wird die Arbeit an der PTBS in drei Phasen eingeteilt: Stabilisierung, Konfrontation und Integration. Diese drei Phasen vermischen sich, verschwinden, kommen wieder. Eine klare Abgrenzung funktioniert nur in der Theorie, nicht in der Praxis, nicht im Leben mit PTBS. Im Moment befinde ich mich in einer Integrationsphase. Das heißt, ich arbeite daran, Dinge zu akzeptieren und sie in meinen Lebenskontext sinnvoll einzusortieren. Dazu gehört auch die Akzeptanz dafür, daß ich einen Körper habe, der wiederum Bedürfnisse, Erinnerungen und Emotionen hat. Im Augenblick will mein Körper ganz viel Aufmerksamkeit. Ich verspüre Impulse, die ich bislang nicht kannte. Ohne mich zuvor stabilisiert zu haben, würde ich das nicht aushalten.

In der letzten Woche habe ich mich überwunden und bin in ein Geschäft für große Männer gegangen. Bisher habe ich das tunlichst vermieden, denn ich wollte nicht wahrgenommen und schon gar nicht beraten werden. Ich hatte mir im Vorfeld einige Websites, Bücher und Videos mit Styling-Ideen für große Männer angeschaut – auch das war neu und es kam aus dem Nichts. Ich habe festgestellt, daß vieles, was ich ohnehin gern trage wie z.B. Krawatten, dunkle Farben und schlichte, klassische Formen allgemein für große Männer empfohlen werden, und war auf der Suche nach etwas, das dazu paßt und in dem ich mich vor allem wohlfühle. Mir selbst etwas zu gönnen, das im Grunde purer Luxus und nicht absolut notwendig ist, ist sehr schwer für mich. Ich bin ein Experte darin, Dinge zu vereinfachen und lebe inzwischen in einem recht minimalistischem Haushalt, und so eine Shoppingtour ist das absolute Gegenteil von dem, was ich normalerweise mache. Im Anschluß war ich total k.o., aber auch stolz darauf, es geschafft zu haben. Das Schöne und Gute ausprobiert zu haben, auch wenn es mich Überwindung gekostet hat und ich es nicht in jedem Moment genießen konnte, weil ich aufgeregt gewesen bin.

Ich denke gerade sehr viel darüber nach, was es heißt, nicht nur Verantwortung für meine mentale, sondern auch für meine körperliche Gesundheit zu übernehmen. Einem wird viel zu oft der Eindruck vermittelt, daß andere Instanzen wie Ärzte, Zeitschriften, Coaches o.ä. mehr darüber wüßten, was für den eigenen Körper gut ist als man selber. Ich nehme an, all das, was mir in Hinblick auf Übergewicht, Fat-Shaming und Male Body Positivity durch den Kopf geht, wäre nochmal einen eigenen Artikel wert.

Liam, 26.02.2016, 23:42 | Abgelegt unter: PTBS,Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

Negativität fasten: Ernährung und Selbstakzeptanz

Die Fastenzeit ist jetzt noch nicht besonders alt, aber in den letzten paar Tagen habe ich eine für mich interessante Entdeckung im Kontext mit meiner Ernährung gemacht, doch im Grunde kann ich das auf jeden Bereich meines Lebens ummünzen.

Meine Ernährung ist ein Thema, seit ich die Grundschule besucht habe. Ich will das jetzt nicht auswalzen, aber das Gefühl, frei zu sein, zu essen, was und wann ich möchte, kenne ich eigentlich nur aus meiner frühen Kindheit. Ich war keine 10 Jahre alt, als es anfing, daß ständig bewertet wurde, was ich wann wovon in welcher Menge aß. Ich habe das nicht kritiklos hingenommen, aber dennoch verinnerlicht, weil das eine sehr häufig benutzte „Autobahn“ in meinem Gehirn war. Dazu kommt, daß mit Essen mehrere Traumatisierungen verbunden sind, die nicht dafür gesorgt haben, daß die Nahrungsaufnahme etwas Natürliches, Entspanntes blieb (oder wieder wurde).

In den letzten 25 Jahren habe ich hinsichtlich meiner Ernährung eine ganze Menge ausprobiert, jeweils in längeren Phasen. Zum Beispiel Ovo-Lakto-Vegetarismus, Vollwert-Ovo-Lakto-Vegetarismus nach Bruker, Vollwert-Veganismus, Vollwert-Omnivorismus mit geringem Fleischanteil, omnivore Paleo-Ernährung und dann gab es auch eine fast zwei Jahre dauernde Phase, in der ich zwei Mahlzeiten täglich durch Shakes ersetzt habe. Das Einzige, das ich nie über einen längeren Zeitraum durchgehalten habe, war Rohkost pur. Ich bin also schon recht weit rumgekommen, was Ernährungsweisen angeht.

Neben der weitgefächerten praktischen Seite von Ernährung habe ich mich, teils zwangsweise, auch viel mit Ernährungstheorie auseinandergesetzt, vorrangig also mit der Frage, was denn nun eine optimale Ernährung für den Homo sapiens urbanus sei. Wer das selbst ein bißchen verfolgt (und im Grunde kommt man da ja gar nicht drumrum, weil das Thema in den Medien dauerpräsent ist), weiß, daß es schon jede denkbare Theorie darüber gab, was wir in welcher Menge essen sollten und was nicht. Will man sich an die sog. Ernährungsexperten halten, kann man im Grunde alles essen – oder eben auch nicht, je nachdem, was gerade chic ist. Im Moment sind Kohlenhydrate die Bösen, wobei die meisten „Experten“ es versäumen, darauf hinzuweisen, daß weißer Auszugszucker, Honig und Datteln genau wie Weißmehl und Vollkornmehl allesamt als Kohlenhydrate gelten, sicher aber nicht den gleichen Nährwert besitzen. Wenn man nur will, kann man sich mit der ganzen Ernährungstheorie das Leben so richtig madig machen, bloß um am Ende festzustellen, daß niemand weiß, was tatsächlich die optimale Ernährung für uns moderne Menschen ist – und ob man das überhaupt für alle Menschen gleich definieren kann.

Diese Woche habe ich, nachdem ich mich mal wieder intensiver mit Ernährung befaßt hatte, entdeckt, daß ich im Grunde nur zwei echte Aussagen über mein persönliches Erleben unterschiedlicher Ernährungsgewohnheiten treffen kann. Erstens: ich muß das, bei dem mein Körper eine Unverträglichkeit signalisiert, weglassen. Und zweitens: für mein Wohlbefinden und vor allem auch für mein Gewicht ist es absolut irrelevant, ob ich mich vegan, vegetarisch oder omnivor ernähre – das inkludiert sogar einen recht hohen Anteil von Fast Food -, solange die Basis meiner Ernährung volles Getreide sowie Gemüse und Obst sind.

Nach über 25 Jahren relativ irrlichtener Reisen durch Ernährungstheorien und -praktiken war diese simple Zusammenfassung für mich verblüffend. Oder entlarvend. Aber auf jeden Fall erleichternd. Ich habe mir so lange so intensiv über die optimale Ernährung den Kopf zerbrochen, daß ich gar nicht gesehen habe, daß ich sie schon längst gefunden hatte.

Übertragen auf das Fasten negativer Gedanken ist mir aufgefallen, daß ich dieses Verhalten in vielen Bereichen meines Lebens an den Tag lege. Obwohl bestimmte Sachen für mich schon lange funktionieren, stelle ich sie immer wieder in Frage, mitunter weil sie gemessen an dem, was mir als „normal“ oder „richtig“ vorgespiegelt wird, anders sind. Und in vielen Bereichen meines Lebens wird von mir irgendwie erwartet, daß ich mich mit Dingen auseinandersetze, weil diese jetzt gerade „chic“, „richtig“ oder „angesagt“ sind (Stichworte Plastikfreiheit, Müllvermeidung, Lebensmittelrettung, Flüchtlinge, Queerness, Upcycling, Social Media etc.), selbst wenn sie mich überhaupt nicht interessieren.

Mein Fazit also zum Ende der ersten Fastenwoche: ich will darauf achten, mich weniger (und am besten gar nicht mehr) zu zerfleischen, weil ich bestimmte gesellschaftlich kolportierte Verhaltensweisen nicht verstehe, nicht umsetzen kann/will oder weil sie mir schlicht gleichgültig sind. Verbunden damit erkenne ich an, daß ich an PTBS erkrankt bin und nicht so funktioniere, denke oder fühle wie nichttraumatisierte Menschen. Das, was für mich normal und gut ist, muß es nicht für andere sein – und umgekehrt. Ich will mehr auf mich selbst achten und weniger oft die Maßstäbe anderer an mich selbst anlegen.

Liam, 14.02.2016, 13:14 | Abgelegt unter: PTBS,Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | 1 Kommentar

Imbolc 2016

Imbolc hat dieses Jahr für mich einen Wendepunkt in meinem Leben markiert. Es war ein wichtiges Ereignis, das eine Menge Weichen gestellt hat. Ich habe den damit verknüpften Termin bewußt erlebt, das war schön. Mittags habe ich mich mit meinem Mann zum Essen getroffen, anschließend hatte ich das Bedürfnis, allein in den Wald zu gehen, dem Wind zu lauschen und…nun ja, allein zu sein und niemanden zu sehen oder zu hören.

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Ich habe geschaut, ob das Land noch schläft. Das tut es nicht. Es gibt die ersten kleinen Nesseln und das Lungenkraut ist auch schon heraus. In der Ebene blühen die Krokusse und ein paar Kirschen. Ich beobachte das nur, ich werte nicht. Der milde Winter macht mir keine Sorge, obwohl ich gern noch ein wenig länger in Klausur geblieben wäre. Diese Ruhe und das Zurückziehen in die Höhle, also die Geschenke des Winters, fehlen mir.

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Passend zu Imbolc, wo es für mich immer um Vorräte, Kraftreserven und Ressouren geht, habe ich am Abend ein paar Cupboard Goodies aufgebraucht, u.a. im letzten Sommer gesammelte Brombeeren, Custard aus England und Fladenbrote. Im übertragenen Sinne darf ich gerade erfahren, daß mir die Monate der Therapie und das ganze Knowhow, das ich mir über PTBS angeeignet habe, tatsächlich in manchen Hinsichten Ressourcen an die Hand gegeben haben, die mir derzeit sehr weiterhelfen.

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Ich wage einen kleinen Blick voraus, in dieses noch so neue 2016. Für dieses Jahr habe ich nicht viel geplant, außer dem Kauf einer Küche, was zuvor leider nicht geklappt hat. Ich möchte weiterhin Krafttraining machen und mich vielleicht mal ins Kino wagen. Dafür fehlte mir bisher der Mut. Mein Wort des Jahres ist OVERCOME, überwinden. Das bezieht sich auf die vielen Symptome, Intrusionen, Erinnerungen, die mit der PTBS verbunden sind. Mir ist bewußt, daß ich den Rest meines Lebens lang mit der Krankheit zu tun haben werde, aber ich will mehr Kontrolle und ihr nicht mehr so hilflos ausgeliefert sein.

Liam, 02.02.2016, 23:36 | Abgelegt unter: PTBS,Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

PTBS und Konsum

Die Überschrift klingt ein bißchen, als hätte ich da zwei beliebige Begriffe, die nichts miteinander zu tun haben, in Relation gesetzt, finde ich, dabei sind sie für mich eng verbunden.

Ich mag Minimalismus. Ich habe 2009, als ich das erste Mal nach zehn Jahren in einer Wohnung umgezogen bin, damit begonnen, meinen Besitzstand radikal zu reduzieren. Ich besaß z.B. mehrere tausend Bücher, von denen ich einen Großteil zurückließ. Bei einem weiteren Umzug zwei Jahre später sortierte ich noch einmal mehrere hundert Bücher aus und seither versuche ich, mit den zwei Bücherregalen hinzukommen. Ich kaufe mir nur selten neue Bücher und nutze stattdessen kostenfreie Bücherquellen wie Bibliotheken und Bücherschränke. Auf diese Weise habe ich eine gute Fluktuation und bekomme nicht das Gefühl, von der schieren Menge an Büchern überwältigt zu werden.

Bücher waren jetzt nur ein Beispiel aus meinem Alltag. Dasselbe Verhalten habe ich aber auch bei vielen anderen Dingen. Ich bin gut darin, Besitztümer loszulassen und auszumisten, und ich habe nie verstanden, warum Menschen an ihrem Besitz festhalten. Aus dem Blickwinkel des Minimalismus betrachtet, ist das ziemlich erstrebenswert, und ehrlich gesagt macht es die Pflege des vorhandenen Besitzes einfacher und übersichtlicher.

Daß ich aber ein echtes Problem damit habe, Dinge in Besitz zu nehmen und mir mal etwas zu gönnen, ist die Kehrseite der Medaille. Und hier kommt die PTBS ins Spiel. Bevor ich mit der Therapie begonnen habe, habe ich jahrelang nicht geschafft, auf meine Bedürfnisse zu achten, weil ich nicht imstande war, sie zu identifizieren. Insofern war es leicht, Dinge wegzugeben, denn ich konnte nicht spüren, ob sie mir wichtig waren, ob ich sie brauchte oder ob sie mir dienten. Ganz zu schweigen von der Empfindung, ein Ding einfach zu mögen. Wenn sich das Gefühl von „ich mag XY“ überhaupt mal regte, habe ich das ganz schnell mit rationalen Argumenten unterdrückt: „was willst Du denn damit? Es staubt nur voll und Du benutzt es sowieso nicht“. Wenn Menschen davon sprachen (und sprechen), daß sie sich etwas leisten, etwas gönnen, ist das, als würde ich versuchen, auf einen blinden Fleck zu gucken. Ich verstehe das nicht. Warum sollte man sich etwas gönnen wollen?

In der Therapie habe ich begriffen, daß ich mich selbst nicht spüre und daher auch keine Aussagen darüber treffen kann, was ich mag, was ich brauche, was mir guttut und letztlich: wer ich bin. Das zu verstehen, hat mir viele merkwürdige Momente in meinem Leben erklärt, beispielsweise das große Problem, Steckbriefe auszufüllen oder so simple Fragen wie „was ist Deine Lieblingsfarbe?“ oder „welchen Film möchtest Du schauen?“ zu beantworten. Zu den meisten Dingen habe ich keine Meinung. Wenn ich eine Meinung habe, dann ist diese oft von der PTBS und den traumatisierenden Erfahrungen geprägt und daher für Nichttraumatisierte nicht oder nicht richtig nachvollziehbar. Die PTBS verändert die Funktionsweise des Gehirns und ein Symptom ist, daß man zur Wahrnehmung bestimmter Dinge nicht mehr fähig ist, wohingegen die „Fähigkeit“, Dinge, die man als potentiell belastend oder gefährlich einstuft, wahrzunehmen, ansteigt. Unterm Strich führt das dazu, daß man durch die PTBS eine ziemlich eingeschränkte Wahrnehmung der Realität mit all ihren Möglichkeiten hat – das trifft auch auf die eigenen Vorlieben und Bedürfnisse zu.

Nicht zu wissen, wer man ist, und sich selbst nicht oder nur teilweise spüren zu können, führt dazu, daß man sich selbst gegenüber nicht richtig fürsorglich sein kann. Es ist sehr schwer für mich, darauf zu achten, genug Schlaf zu bekommen, vernünftig zu essen, mir Pausen einzuräumen etc. Alles, was dann auch noch über die Erfüllung der absoluten Grundbedürfnisse hinausgeht, ist kompliziert. Ich finde es nicht einleuchtend, warum ich mir Extras kaufen oder besondere Erlebnisse gönnen sollte. Schon mit Vokabeln wie „Selbstliebe“, „Selbstfürsorge“, „sich verwöhnen“ und „sich etwas gönnen“ habe ich meine Probleme. Werbung gleitet absolut an mir ab – ich könnte mich nicht daran erinnern, wann ich überhaupt je losgegangen bin, um mir ein beworbenes Produkt zu kaufen.

Mir ist durch die Therapie und die begleitende Lektüre von Fachbüchern bewußt geworden, daß es für PTBS-Patienten ziemlich normal ist, sich für wertlos zu halten. Dieses Wissen hilft mir zumindest manchmal über das schlechte Gewissen hinweg, das ich wegen des Gefühls der eigenen Wertlosigkeit habe. Es hilft mir auch, zu verstehen, warum ich teilweise extrem unangemessen reagiere – warum ich z.B. lachen muß, wenn ich jemandem von den erlittenen Traumatisierungen erzähle und er dabei weinen muß oder wieso ich auf die emotionale Bedürftigkeit von anderen scheinbar hämisch, verletzend oder gleichgültig reagiere.

Das Gefühl der eigenen Wertlosigkeit, die empfundene Scham hinsichtlich irgendwelcher „Vergünstigungen“ oder „Belohnungen“ sowie die Unsicherheit über die eigene Person und die eigenen Vorlieben führen letztlich dazu, daß ich es vermeide, Sachen für mich zu kaufen, die über die Erfüllung von Grundbedürfnissen hinausgehen. Darum, nehme ich an, ist meine minimalistische Haltung zumindest zu einem Teil krankheitsbedingt.

An diesem Artikel schreibe ich jetzt seit mehreren Wochen und habe immer noch das Gefühl, daß ich nicht wirklich in der Lage bin, das auszudrücken, was ich sagen möchte: es fühlt sich seltsam an, daß Minimalismus so gehyped wird, wo ich ihn als Symptom der PTBS identifiziere. Mein Haushalt ist leicht sauber zu halten, aber mir wäre lieber, ich würde mich hier nicht nur als Gast fühlen, sondern mit den Dingen wirklich etwas verbinden können. Ein Gefühl von Heimat in meinem Haus und in mir selbst entwickeln können…

Liam, 15.01.2016, 13:39 | Abgelegt unter: PTBS | RSS 2.0 | TB | 2 Kommentare

Zwischen den Jahren

Immer noch zwischen den Jahren, irgendwie, obwohl ein Teil des Alltags schon wieder da ist. Auto in der Werkstatt, Kind hat noch Ferien, ich hatte auch schon wieder den ersten Arzttermin. Überhaupt ist diese Woche voll. Zu voll. Ich würde gern noch an diesem Ort zwischen den Jahren bleiben, wenn der Feiertagsstreß bereits abgefallen ist, aber alles noch verlangsamt passiert. Das ist die Zeit, die für mich die Jahresend-/Jahresanfangstage ausmacht.

Mir scheint, die meisten Dinge sind gerade noch im Nebel verborgen. Rauhnachtsenergie. Eigentlich wollte ich diesmal die Rauhnächte ganz bewußt erleben, aber es kam anders. Hatte mal wieder ein leidiges Schlafproblem und verbrachte viele Tage übermüdet und voller schrecklicher Bilder im Kopf. Trotzdem scheint es, hat sich etwas Grundlegendes geändert: ich kann endlich akzeptieren, daß ein Symptom meiner kPTBS nunmal Schlafstörungen sind. Es macht keinen Sinn, krampfhaft zu versuchen, einen „normalen“ Schlafrhythmus oder eine „normale“ Schlafmenge etablieren zu wollen. Das erzeugt nur Druck. Es klappt am besten, wenn ich keine Erwartungen erfüllen muß – auch nicht meine eigenen. Seit ich meinen Schlafbereich umgestaltet habe, fühle ich mich dort wohler. Geborgener. [Was für ein merkwürdiges Wort…kommt mir vor, als hätte ich es gerade in einem Antiquitätenladen gefunden]. Andere mit dem Schlaf verknüpfte Probleme lassen sich nicht so leicht lösen. Liegen triggert. Dann geht der Blutdruck hoch. Das macht Alpträume. Dadurch fürchte ich den Schlaf noch mehr. Ein Teufelskreis. Aber ich arbeite daran.

Im Augenblick habe ich mir, glaube ich, ein paar Dinge zuviel aufgebürdet. Ich habe mich für eine Aquarell-Challenge angemeldet, bei der man jeden Tag im Januar ein Bild malt (Zeitlimit: 30 Minuten). Ich habe mir mehrere wirklich interessante, hilfreiche Bücher aus der Bibliothek geholt, die ich gern lesen würde. Außerdem ist am 1. Januar das Life Book 2016 gestartet, und weil gestern schon die zweite Woche eingeläutet wurde, habe ich da gerade ein paar Projekte in der Schleife. Einerseits ist es gut, wenn ich mich beschäftige, andererseits neige ich leider dazu, mich gleich zu überfrachten und dann frustriert einfach gar nichts zu schaffen. Naja, auch daran arbeite ich.

Pläne für das neue Jahr habe ich eigentlich keine. Gute Vorsätze schon gleich gar nicht. Ich möchte einfach weiter an mir arbeiten und ein paar gute Gewohnheiten wie regelmäßigen Sport beibehalten.

Liam, 05.01.2016, 11:57 | Abgelegt unter: Allgemein,PTBS | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare
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