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Kategorie: PTBS

Wintersonnenwende

Wenn ich auf die letzten zehn Jahre hinsichtlich meiner Spiritualität zurückblicke, sehe ich eine bewegte Zeit. Ich habe mehrere Jahresläufe sehr bewußt durchwandert, was für mich das Feiern der Kreisfeste inkludierte. Ich habe mehrere Pilgerfahrten unternommen und mich dabei intensiv mit der Landschaft befaßt, in der ich gerade lebe. Ich habe mich darauf einlassen können, meine Spiritualität auch in Gruppen zu leben, durch gemeinsame Rituale und Feste, aber auch durch Diskussionen und Vorträge.

Was ist davon übrig?

Wenn ich ehrlich bin, fast nichts mehr. Seit die kPTBS so akut geworden ist, sind Kontakte, ist das Ausleben von Spiritualität für mich allgemein schwierig geworden. Ich fühle mich oft einfach nur gelähmt und eingefroren. Das Schlimmste aber ist, daß ich durch die PTBS meinen Glauben verloren habe. Merkwürdigerweise gab es nach den letzten Traumatisierungen eine Art spirituelles Hoch, in dessen Verlauf ich das Gefühl hatte, ich könnte die Traumata in meinen Lebenskontext einbinden. Und dann allmählich schlich sich das Gefühl von Sinnlosigkeit ein. Warum Jahreskreisfeste feiern? Warum schamanisch reisen? Warum Heilsteine oder Räucherwerk? Warum das alles?

Ich weiß nicht, woher das kam. Es brach über mich herein wie eine Krankheit, die ich seither auch nicht besiegen konnte. Mir erscheint das alles so sinnlos. Kümmert es Götter und Geister, was ich tue? Sind sie überhaupt da? Ich nehme an, das Gefühl, mir in entscheidenden Momenten immer nur selbst beizustehen, hilft mir nicht gerade, an irgendetwas zu glauben. Eine Zeitlang funktionierte Kundalini Yoga sehr gut, aber auch da gab es den Moment absoluter Stagnation und Isolation, den ich nicht durchschwimmen konnte. Ich habe einfach irgendwann aufgehört, die Erfahrungen der anderen zu teilen.

Nun könnte man sicherlich argumentieren, daß ich derzeit in anderem Rahmen erlebe, daß es Menschen gibt, deren Erfahrungen ich teile – und umgekehrt. Es sind Menschen, die ebenfalls mit PTBS zu kämpfen haben, und in deren Reihen ich mich anfangs nicht wie ein Alien, sondern sogar enorm verstanden fühlte. Doch auch das verändert sich und ich spüre, daß ich mich auch unter ebenfalls Traumatisierten wie ein Fremder zu fühlen beginne. Mir ist bewußt, daß es innerhalb der PTBS Graduierungen gibt. Trauma ist nicht unbedingt gleich Trauma. Faktoren wie Schwere, Tiefe und Komplexität der Traumata spielen da mit rein. Ich glaube, bisher habe ich mir immer etwas vorgemacht und gedacht, mein Fall sei gar nicht so schlimm. Aber im Austausch merke ich, daß er das sehr wohl ist. Es ist merkwürdig, wenn Menschen, von denen man dachte, daß sie auch schon krasse Sachen erlebt haben, beim Anhören meiner Geschichte merklich zusammenzucken und zurückschrecken. Ich glaube, den Umfang dessen, was mir passiert ist, erfasse ich erst jetzt allmählich. Das ist gut und schmerzhaft zur gleichen Zeit. Aber ich denke, erst, wenn ich das alles begreife und wirklich verstehe, kann ich es bearbeiten.

Ich denke, gerade für mich sollte die Wintersonnenwende, also der Punkt im Jahr, wo das Licht wendet und in die Welt zurückkehrt, besondere Bedeutung haben. Das Licht im Dunkeln sehen und so. Ich stelle jedoch gerade fest, daß mir das Licht nicht fehlt. Es genügt mir, daß es ein paar Stunden am Tag hell ist. Ich mag die Dunkelheit. Ich mag den Schutz, den sie bietet. Die Gelegenheit zur Selbstreflexion. Ich mag es, daß die ins Dunkel gesagten Worte nicht so wehtun.

Die Wintersonnenwende habe ich also nicht gefeiert. Genau wie alle anderen Kreisfeste seit einer Weile. Aber ich spüre hinein in die Dunkelheit und finde in ihr einen alten Freund. Ich wünschte – auch wie immer -, ich könnte die Rauhnächte in Klausur verbringen. Der weihnachtliche Trubel ist mir zuviel und ich bin denkbar schlecht darin, Ferien und Urlaub auszuhalten. Daraus wird natürlich nichts werden, so daß ich versuche, die Zeit, die ich für mich allein habe, zu nutzen. Die Feiertage gehen für mich mit einer Therapiepause einher, und das empfinde ich als schwierig. Gerade in den Momenten solch intensiven Beisammenseins mit der Familie wäre die Therapie eine Hilfe.

Liam, 22.12.2015, 12:04 | Abgelegt unter: PTBS,Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

Kleines Update

Es ist ein bißchen merkwürdig. In den letzten Wochen habe ich oft begonnen, Artikel zu schreiben, um sie dann wieder zu löschen. Ich denke, ich bin mir allgemein nicht so ganz sicher, worüber ich schreiben soll. Oder schreiben kann. Derzeit scheint PTBS wohl das größte Thema zu sein. Ich mache jetzt über ein Jahr lang Therapie und ich spüre, wie sich bestimmte Dinge allmählich regen, wie sie mir bewußt werden. Ich suche nach Wegen, an ihnen zu arbeiten, auch wenn ich den Gedanken, ich könnte jemals frei von PTBS sein, für unwahrscheinlich halte.

Über PTBS hätte ich also eine ganze Menge zu schreiben, nur wäre das sehr persönlich. Und im Grunde stellt sich genau diese Frage: wie persönlich soll mein Blog werden? Im Moment kann ich das nicht wirklich beantworten. Ich habe mich schon einmal im Internet sehr verletzlich gemacht, weil ich offen und ehrlich war, und das Gefühl, das daraus erwachsen ist, hat mir nicht gefallen. Andererseits bewundere ich alle, die es schaffen, ehrlich über so schwierige Dinge wie PTBS und Co. zu schreiben, ohne sich zu verstecken. Das ist eine Großtat und nicht selten haben genau diese großzügigen Menschen mir weitergeholfen. Hm.

Vielleicht erstmal nur ein kleines Update?

Derzeit ruht der Garten und ich gehe nicht Foragen, weil ich es einfach nicht schaffe. Ich bin heilfroh, wenn ich die Tage und Nächte „irgendwie“ herumbekomme und schaffe es nicht, mir irgendwelche Extras vorzunehmen. Selbst solche Dinge wie Foraging oder Malen bleiben auf der Strecke.

Ich habe in den letzten Wochen mein Schlafzimmer umgebaut. Es ist jetzt gemütlicher und übersichtlicher geworden und ich hoffe, das hilft mir, die dank PTBS durchaus üblen Nächte ein wenig positiver anzugehen.

Weihnachten und Sylvester stehen vor der Tür. Das ist nicht unproblematisch für mich, weil beides ungute Erinnerungen triggert, aber ich versuche mein Bestes, meinem Sohn dennoch schöne Feiertage zu bieten.

Und am Ende hätte ich da noch eine Frage: liest überhaupt irgendwer, der kein Bot ist, mein Blog?

Liam, 17.12.2015, 13:37 | Abgelegt unter: PTBS | RSS 2.0 | TB | 2 Kommentare

Trigger sind überall

Um zu entspannen, surfe ich auch im Internet. Ich weiß, daß ich auf bestimmte Inhalte besser nicht zugreife, weil sie mich triggern. Bestimmte Seiten mit bestimmtem Content kann ich meiden. Leider passiert es dennoch häufig, daß ich auf Seiten, auf denen ich andere Inhalte erwarte, auf triggernde Artikel, Bilder oder Videos stoße.

In alltäglichen Situationen brechen Trigger unvorhergesehen auf mich ein. Beim Einkaufen, beim Friseur oder beim Arztbesuch. Manchmal ist es ein Duft, manchmal ein Geräusch, manchmal die Situation, die sich ergibt.

Ich möchte einen Film schauen, dessen Inhaltsbeschreibung und Altersfreigabe auf seichte Unterhaltung hoffen lassen. Ich habe mich noch nicht daran gewöhnt, daß Kinder ab 12 heute für so reif gehalten werden, daß ihnen Gemetzelszenen wie im Hobbit (vor allem Teil 3) zugemutet werden. In meiner Kindheit waren Filme ab 12 noch ganz fluffy und easy. Selbst Filme ab 12 können also schon jede Menge Gewaltszenen beinhalten.

Warum schreibe ich das? Weil der Alltag mit PTBS wie ein Spaziergang auf einem Minenfeld ist. Egal, wie vorsichtig man auftritt, es kann einem doch alles um die Ohren fliegen. Trigger sind überall, und da manche einfach in einem sind, ist nicht einmal das eigene Zuhause, das eigene Bett (als Symbol für die Comfortzone) ein sicherer, triggerfreier Ort. Manchmal erscheint es mir wie ein Kampf, den ich jeden Tag auszuhalten habe, nur um ja nicht getriggert zu werden.

Mir ist klar, daß die Welt nicht triggerfrei ist. Es ist noch nicht einmal möglich, an alle möglicherweise triggernden Inhalte eine Warnung anzubringen, weil ja jeder PTBS-Patient von etwas anderem getriggert wird. Mir ist nur manchmal danach, überall kleine Trigger-Aufkleber draufzupappen, um Nichttraumatisierten vielleicht ein bißchen zu verdeutlichen, wie ihr Verhalten auf Traumatisierte wirken kann. Just saying.

Liam, 13.11.2015, 12:51 | Abgelegt unter: PTBS | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

In Bewegung geraten

Teil meiner PTBS-Symptomatik ist es, daß ich mich nicht nur eingefroren fühle, sondern daß mein Körper sich auch erstarrt verhält. Mich aus dem Sessel oder dem Bett zu erheben, ist oft ein schwerer Kampf. Nicht weil ich faul bin, sondern weil es sich anfühlt, als würde ich mich aus tiefster Tiefe heraufkämpfen müssen. Zäh, beängstigend und nicht unbedingt mit Aussicht auf Erfolg. Manchmal ist es so schlimm, daß ich regelrecht überrascht bin, wenn ich dann doch endlich auf den Beinen bin. Das hat überhaupt nichts mit physikalischen Gesetzen, sondern ausschließlich mit meiner durch die PTBS veränderten Wahrnehmung zu tun.

Diese Erstarrung bezieht sich auch auf Handlungen, die eigentlich ganz einfach wären, die ich aber einfach nicht hinkriege. Das kann so etwas Triviales wie das Wegräumen einer Teetasse in den Schrank sein, es kann sich aber auch bei größeren Dingen bemerkbar machen. Nach außen hin könnte das alles wie Faulheit wirken, wie „den Arsch nicht hochkriegen“. Dabei halte ich mich nicht für faul. Ich bin nur gelähmt. Sogar bei der Ausübung von Hobbies.

Seit dem Frühsommer mache ich jetzt Krafttraining. Ich versuche, alle zwei Tage eine Einheit (= zwei Stunden) zu absolvieren, und das gelingt mir ganz gut. Es ist wirklich jedesmal eine Überwindung, mich dazu aufzuraffen, zu beginnen, aber sobald ich diesen Punkt einmal überwunden habe, fühlt es sich großartig an. Ich habe nun das Gefühl, daß durch den regelmäßigen Sport auch andere Dinge in Bewegung geraten.

Zum einen mein Körper. Ich habe eine beachtliche Menge an Muskeln aufgebaut und die wollen beschäftigt werden. Ich kann viel weniger lang stillsitzen und möchte mich öfter neuplatzieren, recken und räkeln. Wenn ich stehe und gehe, spüre ich, wie die neuerworbenen Muskeln mich halten. Mehr noch als diese großen Bewegungen jedoch faszinieren mich Mikrobewegungen, die mein Körper macht. Mir ist bislang nie aufgefallen, wie sich mein Körper z.B. verhält, wenn meine Katze auf meinem Schoß sitzt oder wenn ich aufgeregt bin. Er reagiert auf alle Reize, und das in sehr differenzierter Weise.

Zum anderen mein Geist. Ich habe, eigentlich nur weil ich einen Gutschein dafür bekommen habe, ein Handyspiel heruntergeladen. Es ist ein Wimmelbildspiel, bei dem man bestimmte Gegenstände im Bild suchen und dann kleine Rätsel erfüllen muß. Ich habe bisher überhaupt nicht gespielt, weder am Handy noch am PC, denn es erschien mir wie Zeitverschwendung. Jetzt bemerke ich, daß mein Gehirn wirklich gefordert wird – nach zehn Minuten spielen fühle ich mich richtig matschig, als hätte ich gerade einen kniffligen Text gelesen, den ich erstmal verarbeiten muß. Ich nehme an, mein Gehirn strukturiert sich gerade ein bißchen neu, weil das ein ungewohnter Reiz ist. Durch diesen Anstoß kommen auch andere Gedanken und Prozesse in Bewegung. Spannend, das zu beobachten.

Durch diese neue Bewegungsfreiheit im Innen und im Außen habe ich es diese Woche geschafft, zwei Dinge zu tun, die ich schon lange aufgeschoben hatte. Es hat sich befreiend und gut angefühlt, sie zu erledigen, und ich hoffe, daß mir das ein so positives Erlebnis verschafft, daß ich noch andere Dinge angehen kann. Auf Dauer würde ich z.B. gern mein Zimmer neugestalten, weil es mich schon lange stört, wie die Möbel stehen. Aber das braucht noch Zeit und vor allem Ideen.

Was ich in diesem Prozeß außerdem noch sehr hilfreich fand, war und ist mein Skizzenbuch, das ich unterwegs immer dabei habe. In ihm halte ich die Welt so fest, wie ich sie sehe, was für mich eine Versicherung ist, daß meine Wahrnehmung gültig ist.

Liam, 12.11.2015, 13:04 | Abgelegt unter: PTBS | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

Ahnenfest/Samhain

Über Samhain, das Ahnenfest, zu schreiben, fällt mir nicht unbedingt leicht. Ich glaube, ich habe hier noch nie Persönliches über meine Familie geschrieben und das möchte ich auch weiterhin nicht tun, aber ich verrate wohl nicht zuviel, wenn ich sage, daß meine Beziehung zu meiner Herkunftsfamilie schwierig ist. Insofern kann ich meine Ahnen im Sinne meiner Blutsverwandtschaft nur sehr begrenzt ehren. Für mich macht es mehr Sinn, den Begriff der Ahnen auf all diejenigen Menschen auszuweiten, die mein Leben positiv berührt haben. Dazu zählen Menschen, die längst tot sind. Menschen, denen ich nie begegnet bin und deren Namen ich nicht einmal kenne. Menschen, deren Erfindungen, Ideen, Geistesleistungen, deren Mut, Courage, Aufrichtigkeit und Hinwendung zum Leben mich beeinflussen und beeindrucken.

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Für sie und für die Geister stelle ich zu Samhain ein Glas Hochprozentiges heraus, weil ich denke, daß Geister mit dem „Sprit“/Spirit etwas anfangen können. Der Alkohol verdampft und wird daher für sie verfügbar. Es ist ein Gruß aus dieser Welt in die andere, an den nichts geknüpft ist: keine Bedingung, keine Bitte, kein Deal.

Früher habe ich in dieser Nacht ein Ritual gefeiert oder eine schamanische Reise gemacht, aber seit einer Weile, seit die kPTBS sich so stark in den Vordergrund schob, fühle ich mich dazu nicht fähig. Sie hat die Inhalte auch aus meiner Spiritualität herausgesaugt und mich mit vielen Zweifeln und Fragen zurückgelassen. Ich kann nichts mehr für selbstverständlich nehmen. Ich kann die andere Seite oft nur ahnen, aber nicht richtig fühlen, wie ich mich selbst oft nur ahne und nicht richtig wahrnehme.

Ich versuche, die Verbindung nicht ganz abreißen zu lassen. Ich hoffe, es funktioniert.

Liam, 01.11.2015, 14:00 | Abgelegt unter: PTBS,Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

31 Days LWSZ, Tag 19

Am heutigen 19. Tag der LWSZ-Challenge versorgte Ruth uns mit der Idee, sich einen Spa-Tag daheim zu gönnen. Dafür hat sie uns einige Rezepte für selbstgemachte Wellness-Produkte wie Badezusätze oder Gesichtsmasken per Mail geschickt.

Heute ist definitiv ein Tag, an dem ich merke, daß mich die kPTBS offenbar stark von anderen unterscheidet. Spa? Wellness? Irgendwas mit meinem Körper machen müssen, das über das Normalmaß hinausgeht? No, thanks.

Vor ein paar Jahren hat mein Mann mir vorgeschwärmt, wie toll Thaimassagen seien. Ich wollte das auch mal ausprobieren und buchte eine zwanzigminütige Teilmassage. Es war die Hölle. Auf dem Bauch liegen müssen, desorientiert im Raum, dann noch berührt werden (und zwar schmerzhaft)…das muß ich nie wieder haben. Ich hätte das vorher wissen können, wenn mir damals schon klar gewesen wäre, daß meine „merkwürdigen“ Regungen eine kPTBS sind. Wußte ich aber noch nicht.

Überhaupt ist es für mich unmöglich, Körperpflege als Genuß oder als special treat wahrzunehmen. Ich mache, was ich mit meinem Körper machen muß, schaue dabei möglichst nicht in den Spiegel. Ich bezeichne das als Körpermanagement. Ich bin sauber und gepflegt. Mehr ist nicht drin.

Liam, 19.10.2015, 18:48 | Abgelegt unter: Allgemein,PTBS | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

31 Days LWSZ, Tag 8

Ruths heutige Aufgabe für die Challenge-Teilnehmer bestand darin, sich darauf vorzubereiten, morgen einen Hausputz durchzuführen.

Oh, der Hausputz… Das ist eins meiner ewigen und stark mit der kPTBS und körperlichen Einschränkungen verknüpften Themen. Ich bin ein Mensch, der Ordnung und Sauberkeit braucht wie die Luft zum Atmen. Dinge zu sortieren (auch auszusortieren), zu ordnen und meinen Haushalt in Schuß zu halten, gibt mir das Gefühl, Kontrolle über mein Leben zu haben. Es schenkt mir einen kontrollierten, sicheren Lebensbereich in dem Chaos, das die Traumatisierungen verursacht haben.

Leider braucht meine Familie nicht halb so viel Ordnung wie ich. Darüber gab und gibt es immer wieder Diskussionen. Wir haben auch schon eine ganze Menge von Ordnungs- und Organisationssystemen versucht. Es hat sich gezeigt, daß es meiner Familie hilft, eine wöchentliche Liste mit anstehenden Aufgaben zu verschriftlichen, so daß man die Aufgaben nicht aus dem Blick verliert. Ich selbst braucht so etwas nicht, mache aber mit, weil es das Klima innerhalb der Familie verbessert.

Da meine Kraft definitiv nicht dafür reicht, ständig irgendwelche Haushaltsmarathons zu machen, schaue ich, daß ich stets ein gutes Level von Ordnung halte. Put things away, not down (leg Sachen weg, nicht ab). Das beinhaltet auch, daß ich versuche, immer etwas mitzunehmen, wenn ich einen Raum verlasse und einen anderen betrete. Wenn ich mir z.B. ein Glas Wasser aus der Küche holen will, nehme ich eine leere Klopapierrolle aus dem Bad mit, wenn ich gerade da bin. Ist jetzt sicher keine neue Technik, funktioniert aber.

Für mein Zimmer und mein Bad habe ich eine gute Putzroutine etabliert, die für mich funktioniert. Wäsche mache ich immer dann, wenn sie anfällt, teile mir aber größere Mengen Bügelwäsche in mehrere Packen. Die gemeinsamen Bereiche versorgen wir zusammen. Auch unser Sohn hat schon bestimmte Aufgaben, um die er sich regelmäßig kümmern muß.

Was mir beim Ordnunghalten hilft, ist, daß mein Haushalt per se nicht mehr über viel „Zeug“ verfügt und daß ich regelmäßig ausmiste. Ich mache das nicht unbedingt nach dem „kauf ein Teil und wirf dafür ein Teil weg“-Prinzip, aber ich bin beim Durchgucken und Aussortieren schon sehr penibel.

Was mich jedenfalls gefreut hat, war, daß dieses große Clean Up im Zuge der LWSZ-Challenge gerade zur rechten Zeit kommt, denn ich bin mitten in meinem Herbstgroßreinemachen und habe in den letzten zwei Wochen schon jede Menge ausgemistet, sortiert und geputzt, so daß morgen gar nicht viel zu tun ist.

Und sonst so? Ich habe heute ein paar Dinge eingekauft, weil sich die Gelegenheit dazu geboten hat. Beispielsweise Herbstschuhe für den Sohn, eine neue Futterglocke für die Vögel im Garten (die Alte ging leider kaputt), ein paar Backzutaten und Halloween-Süßigkeiten für die Kinder, die bei uns klingeln werden. Überlebenswichtig war davon nichts, aber ich hätte mich geärgert, wenn ich vegane Walnußfüllung für Stuten stehen gelassen hätte…

Liam, 08.10.2015, 21:58 | Abgelegt unter: Allgemein,PTBS | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

Weihnachtspost und Geburtstage

Habe gerade meinen Schreibtisch aufgeräumt und dabei jede Menge Weihnachtskarten gefunden. Mir ging auf, daß ich dieses Jahr niemandem eine Karte schreiben werde. Ich habe keine Familie (abgesehen von der Familie, mit der ich zusammenlebe) und keine Freunde mehr, mit denen ich mir regelmäßig Post schicke. Irgendwie ein trauriger, merkwürdiger Gedanke.

Ich habe mich für unsentimental gehalten, aber es war auch traurig und merkwürdig, daß mir dieses Jahr abgesehen von meiner Familie nur die Sparkasse zum Geburtstag gratuliert hat. Ich habe noch ein paar automatisch verschickte Glückwunsch-Mails von Foren bekommen, in denen ich mal war, aber mehr nicht.

Ich bin gern allein, aber diese Bilanz ist irgendwie gerade schmerzhaft.

Liam, 03.10.2015, 16:58 | Abgelegt unter: PTBS | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

Der Dissoziation entkommen

Ich habe neulich darüber geschrieben, wie ich dissoziative Zustände empfinde. Heute möchte ich erzählen, welche Techniken ich persönlich anwende, um ihnen zu entkommen. Falls Du das Thema aufgreifen möchtest, würde ich mich freuen, wenn Du mir hier einen Link zu Deinem Posting dazu hinterlassen und Deine Skills teilen würdest.

Zunächst einmal muß ich sagen, daß ich verschieden starke/tiefe Formen von Dissoziation erlebe. Es gibt eher leichte Dissoziationen, aus denen ich auch wieder herauskommen kann, doch es gibt auch so schwere, daß ich nicht gegen sie ankomme. Diese sind am schwierigsten zu ertragen, weil ich mich ihnen absolut ausgeliefert fühle. Gegen sie habe ich noch überhaupt kein Mittel gefunden, nicht einmal stärkste Reize oder Schlaf oder sonstwas. Meine Mittel, gegen Dissoziationen anzugehen, betreffen also nicht diese krassen Ausprägungen.

Das beste und wirksamste Mittel gegen Dissoziation ist es, wenn ich mich einfach für längere Zeit (mehr als 8 Stunden, am besten incl. Nachtschlaf) zurückziehen und allein sein kann. Im Alleinsein ist Dissoziation nicht so schwer zu ertragen, weil ich dann keine Außenwirkung („alles ist ok, es geht mir gut“) aufrechterhalten muß, sondern so grumpy, genervt, ängstlich oder was auch immer sein kann, wie ich will und wie ich es fühle. Wenn ich dissoziiere, machen sämtliche Erwartungshaltungen anderer Menschen es schlimmer, vor allem wenn von mir erwartet wird, daß ich in irgendeiner Weise reagieren oder aktiv werden soll. Das betrifft insbesondere auch meinen Sohn, der als Kind natürlich den Anspruch hat, daß ihm interessiert zuhören und mit ihm interagieren soll. Das macht Dissoziation übrigens sogar oft noch schlimmer, weswegen ich dann froh und dankbar bin, wenn mein Mann übernimmt und ich mich einfach zurückziehen kann.

Ein weiteres gutes, aber nicht ganz unproblematisches Mittel ist es, aktiv zu werden, also z.B. etwas im Haushalt oder etwas Kreatives zu machen. Auch Sport hilft. Das Problem ist allerdings, daß meine Form von Dissoziation mit einer inneren und äußeren Erstarrung einhergeht, daß ich also gerade dann, wenn ich es am nötigsten bräuchte, nicht unbedingt in der Lage bin, mich zu bewegen. Es kostet dann sehr viel Überwindung und Kraft, mich zu regen. Manchmal fühlt sich das an, als wäre ein Sofa kein Sofa, sondern eher eine Art Urwald oder Sumpf, aus dem man sich regelrecht herauskämpfen muß…

Neue Reize sind ebenfalls ein gutes, aber nicht unproblematisches Mittel. Normalerweise bin ich ja gern viel unterwegs, aber wenn ich dissoziiere, bereitet mir eine neue und nicht vertraute Umgebung Unbehagen. Das kann also funktionieren, kann aber auch dazu führen, daß ich noch stärker dissoziiere. Wichtig ist in jedem Fall, daß jemand dabei ist, dem ich vertraue und der schon Erfahrung damit hat, daß ich möglicherweise ängstlich reagieren könnte, sobald ich neuen Reizen ausgesetzt bin.

Abgesehen von neuen Reizen (vor allem einer Umgebungsveränderung) helfen auch starke bis unangenehme Reize wie z.B. das Lutschen eines minzigen Bonbons, das Essen von etwas sehr Scharfem, das Riechen an Ammoniak. Die Gefahr ist aber auch hier, daß diese Reize, wenn sie mich auf dem falschen Fuß erwischen, mich noch weiter dissoziieren lassen könnten. Kommt immer auf die Tageskondition an. Blöderweise gehört leider auch Schmerz zu den Mitteln, die durchaus helfen können (selbstverletzendes Verhalten). Ich versuche seit einiger Zeit, die Selbstverletzung zugunsten anderer, nicht-invasiver Mittel beiseite zu lassen, aber das ist ein langwieriger Prozeß, vor allem, weil Selbstverletzung so viele Jahre lang funktioniert hat und daher entsprechend eingeübt wurde.

Als hilfreich bei Dissoziation empfinde ich alles, was vertraut ist. Daheim ist das natürlich recht leicht umzusetzen, weil da alles vertraut ist. Für unterwegs habe ich immer bestimmte Gegenstände dabei bzw. im Auto, die helfen, mich zu stabilisieren. Für mich gehört dazu z.B. mein Aquarell-Skizzenbuch, das ich überall mit hinschleppe, aber auch mein Handy, auf dem ich Lieblingsmusik und Photos habe.

In den letzten Monaten ist mir außerdem klar geworden, daß Dissoziation zu bestimmten Tageszeiten besser bzw. schlechter wird und daß sie auch wetterabhängig sein kann. Das finde ich ziemlich interessant.

Liam, 19.09.2015, 12:30 | Abgelegt unter: PTBS | RSS 2.0 | TB | 2 Kommentare

Dissoziation – Versuch einer Erklärung

Ich habe heute auf Hinterherleben einen Beitrag über das persönliche Empfinden dissoziativer Zustände gelesen. Dieser Artikel hier ist der Versuch, zu erklären, wie sich Dissoziation für mich anfühlt.

Zum ersten Mal habe ich dissoziiert, als ich ungefähr 14/15 war, zur Zeit, wo die ersten Traumatisierungen stattfanden. Ich habe das so empfunden, als würde ich aus mir heraustreten, mich irgendwie von mir selbst lösen oder in eine Art „Raumtasche“ gleiten. Diese „Raumtaschen“ sind ein Bild, das ich erst viele Jahre später fand, im Zuge von Erlebnissen mit Ketamin. Es fühlt sich an, als würde es auf einmal einen Schlitz in der Realität geben, welcher sich in eine Tasche öffnet. In diese Tasche kann man hineingleiten. Ist man darin, gelten die Regeln, die außerhalb dieser Tasche funktionieren, nicht mehr. Zeit und Raum funktionieren dadrin anders, Naturgesetzmäßigkeiten sind aufgehoben. In dieser Raumtasche kann sich alles auflösen, auch ich mich selbst, meine Psyche/Seele, selbst mein Körper. Dadrin ist alles fremd und komisch und weit weg. Beängstigend.

Normalerweise ist Dissoziation eine Fähigkeit, ein Skill. Der Körper schaltet auf disso um, weil er Dinge (Reize, Gedanken, …) nicht mehr erträgt. Eine Schutzfunktion. Merkwürdigerweise hat sich Dissoziation für mich nie nach Schutz angefühlt, sondern nur nach Irrewerden. Mit 14/15 habe ich versucht, über diesen Zustand zu reden. Ich habe gesagt „ich fühle mich so daneben, von mir selbst entfernt, als wenn nichts mehr real ist“. Das hat niemand verstanden. Der Psychiater/Neurologe, bei dem ich war, wußte damals nichts über PTBS und Dissoziation. Er riet mir in seiner Ahnungslosigkeit dazu, ab und zu mal eine Zigarette zu rauchen, und behandelte mich später auf Schizophrenie, obwohl ich keine habe. Das war nicht hilfreich, denn ich habe gelernt, wenn ich dissoziiere, bin ich gefährdet, von Menschen für irre gehalten und falsch/mißbräuchlich behandelt zu werden. Das hat natürlich nicht dazu geführt, daß ich nicht mehr dissoziiere, sondern dazu, daß ich einen extrem undurchdringlichen Panzer trage. Selbst meine Therapeutin kann nicht erkennen, was ich fühle, was in mir vorgeht oder ob ich dissoziiere. Wenn ich dissoziiere, übernimmt ein Persönlichkeitsanteil von mir, der extrem beherrscht ist. Er übernimmt die Führung, weil ich das nicht mehr kann. Er lächelt und kann alles managen, kann sogar mich managen, bis ich in Sicherheit (=allein!) bin und „durchdrehen“ oder „wegdriften“ kann.

Ich erlebe Dissoziation dreigeteilt. Erstens ist da die Depersonalisation. Das ist ein Gefühl, als wäre ich nicht mehr ich selbst. Das ist ein gefährlicher Zustand, denn nichts, was mir begegnet, erscheint real. In diesem Zustand gab es schon zu oft Regungen wie „ich könnte mich jetzt einfach aus dem Fenster werfen“ oder „ich könnte jetzt einfach vor den LKW laufen“, einfach weil es ja nicht real wäre. Ich spiele keine Computerspiele, aber ich nehme an, ungefähr so wäre das. Man glaubt, man kann machen, was man will, weil man dann einfach auf Reset drückt und alles ist wiederhergestellt – nur daß es das sicher nicht wäre. Wenn ich in depersonalisiertem Zustand an mir runtergucke, gehören meine Arme nicht zu mir. Meine Hände sind fremd, als wären sie auf einmal an mich drangenäht.  Zweitens ist da die Derealisation. Nichts ist mehr real. Ich erlebe alles wie auf Droge, wie in Watte gepackt. Alles ist weit weg. Ganz normale Dinge erscheinen monströs oder absurd. In diesem Zustand kann ich Angst vor allem Möglichen entwickeln, insbesondere vor anderen Menschen, weil sie unberechenbar sind und ich davon ausgehe, daß sie mir grundsätzlich übelgesonnen sind. Es gibt kein verläßliches Hier und Jetzt mehr, sondern nur dieses wie von außen wahrgenommene Geschehen, das nichts mit mir zu tun hat. In diesem Zustand ist Autofahren extrem gefährlich, weil ich es dann z.B. für unwahrscheinlich halte, daß ein Baum, auf den ich zufahre, tatsächlich zu einem Crash führen könnte. Drittens gibt es die allgemeine Dissoziation, die verschieden stark ausgeprägt sein kann. Manchmal passieren auch Dinge, bei denen ich mich frage, ob ich gerade dissoziiere (z.B. wenn ich Sachen nicht erwartet habe oder Lichtpunkte vor den Augen, wenn ich in die Sonne geschaut habe oder so).

Dissoziation läßt mich meist verzweifeln. Ich weiß eigentlich erst jetzt, was genau da passiert, und daß es normal ist, daß sich das abspielt, weil ich eben traumatisiert bin. In den letzten 22/23 Jahren hielt ich mich dabei immer nur für irre und verrückt und krank. Insofern machen mir dissoziative Zustände Angst. Ich habe aber noch nicht gefunden, was wirklich dagegen hilft. In der Therapie habe ich gelernt, daß alles hilfreich sein kann, das mich HIER und JETZT verankert, nur daß ich noch nichts gefunden habe, was das tut. Körperliche Reize (Düfte, Berührungen, Geräusche etc.) finde ich in dissoziativem Zustand eher unangenehm. Essen hilft manchmal und hilft noch am besten. Schmerz hilft manchmal auch. Wenn ich dissoziiere, möchte ich allein sein, am liebsten bei Nacht und wenn alles still ist. Ich finde Menschen ohnehin schon so verwirrend, und wenn ich dissoziiere, verwirren und ängstigen sie mich noch mehr. Insgesamt führt die Dissoziation also dazu, daß ich mich isoliere, mehr noch als ich das ohnehin schon tue, weil ich PTBS habe. Ich ertrage keine Berührungen, will nicht reden, nicht zuhören, nicht reagieren müssen.

In dissoziativen Zuständen bin ich mir selbst gegenüber noch emotionsloser gnadenloser als ich das ohnehin schon bin. Ich möchte das nicht ausführen, aber es hat mit selbstverletzendem und selbstverachtendem Verhalten zu tun.

Manchmal fühlt sich dissoziieren an, als würde ich mich auflösen. Ungefähr wie sich eine Tablette in Wasser auflöst. Stücke fliegen vom Rand weg, werden absorbiert, weitere Stücke folgen, am Ende ist man einfach weg. In diesem Zustand nehme ich mich als so eine Art Augen im Nirgendwo wahr. Ich sehe ja noch, aber der Rest gehört nicht zu mir dazu.

Wenn ich dissoziiere, kann ich mich nicht mehr konzentrieren. Alles ist zuviel. Ich erstarre, mein Körper erstarrt. Manchmal bin ich wie gelähmt und kann mich nicht mehr bewegen.

Während ich das hier schreibe, dissoziiere ich ebenfalls stark. War vielleicht blöd, diesen Artikel in einer akuten Phase zu schreiben.

Liam, 08.09.2015, 12:32 | Abgelegt unter: PTBS | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare
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