gruener-mann.de

Kategorie: Spirit & Verse

Warum eigentlich pilgern?

Die offensichtlichste Frage, wenn jemand erzählt, daß er pilgern gehen will, lautet: machst Du das aus religiösen Gründen? Noch immer ist es ja so, daß Pilger beim Ausstellen des Pilgerausweises angeben, was ihre Motivation für den Jakobsweg ist, und die meisten sagen tatsächlich, es seien religiöse Gründe. Andere oft genannte Gründe sind Umbrüche/Veränderungen im Leben und kulturelles Interesse. Es heißt, Menschen gehen den Jakobsweg, wenn sie in ihrem Leben keinen anderen Weg mehr sehen und neue Perspektiven brauchen – so wird der äußere zum inneren Umbruch. Manche gehen ihn, um Vergebung für ihre Sünden zu erlangen oder weil sie das Versprechen gegeben haben, nach Santiago zu marschieren. Ich nehme an, letztlich sind die Gründe so verschieden wie die Menschen selbst.

Während ich das hier nun schreibe, wird mir bewußt, daß ich seit Tagen an diesem Eintrag schreibe. Habe ihn x-mal begonnen, umgebaut, dann wieder gelöscht und nochmal angefangen. Warum ist es bloß so kompliziert, über meine Gründe für den Jakobsweg zu schreiben?

Ich bin nicht religiös. Das Göttliche und ich haben eine lange Irrfahrt miteinander unternommen, in der so ziemlich alles vorkam von Atheismus über Naturspiritualität, von einem Theologiestudium bis hin zum Kirchenaustritt. Heute sehe ich es einigermaßen pragmatisch: Religion und Spiritualität sind in bestimmten Gehirnbereichen verortet. Mein Gehirn ist strukturell durch die kPTBS geschädigt und demnach funktioniert das mit der Spiritualität nicht. Religion/Spiritualität scheinen mir im höchsten Maße von Emotionen geprägt zu sein und da ich keinen besonderen Kontakt zu meinen Emotionen habe, zündet da nichts. Religiöse Verzückung oder Schwärmerei liegt mir absolut fern. Finde ich eher skurril und für mich selbst komplett unnötig. Mag sein, daß es da „irgendwas“ gibt, aber dieses „Irgendwas“ kenne ich nicht näher und wir kommen ziemlich gut ohne einander aus. Kurz und gut, religiöse Gründe sind es sicher nicht, die mich den Jakobsweg machen lassen.

Kleiner Einschub: als ich schon längst die kPTBS hatte, hat es dennoch Zeiten gegeben, in denen das mit der Spiritualität geklappt hat. Das habe ich lange nicht begreifen können. Mittlerweile nehme ich an, daß die Auseinandersetzung in der Therapie und das Bewußtsein dafür, was es bedeutet, PTBS zu haben, dazu geführt haben, daß ich bestimmte Symptome besser bzw. deutlicher wahrnehme. Ich bin nicht mehr versucht, „irgendwie“ mit den Symptomen zu leben oder sie zu ummänteln, damit ein paar Dinge besser oder überhaupt klappen – anders als früher.

Zurück zum Pilgern. Vor etwas mehr als 20 Jahren kam der Gedanke, nach Santiago zu pilgern, das erste Mal für mich auf. Rückblickend verstehe ich das sehr gut, denn damals steckte ich in einer existentiellen Krise, die eine Pilgerschaft sehr gut vertragen hätte. Ich bin jedoch nicht gegangen, bin dem Ruf nicht gefolgt. Meine Gründe kann ich noch heute nachvollziehen, allerdings würde ich mit dem zeitlichen und emotionalen Abstand, den ich heute habe, der Person von damals gern zurufen: tu es! Der Weg hat eigentlich nie Ruhe gegeben. Immer ist er in meinem Leben mitgelaufen, mal ganz nah, mal weiter weg, mal haben wir uns aus den Augen verloren, mal stand ich mitten drauf. Offensichtlich bin ich in den ganzen Jahren schon ein Jakobspilger gewesen, ohne mir dessen bewußt zu sein.

In den letzten Jahren wurde der Ruf wieder drängender. Tatsächlich, ich empfinde das als einen Ruf. Von wem er ausgeht, weiß ich nicht, aber ich kann das Rufen immer drängender wahrnehmen. Mir ist klar geworden, daß ich es in der Stunde meines Todes als eines der größten Versäumnisse ansehen würde, den Jakobsweg nicht gegangen zu sein. Ich nehme an, wenn man das so deutlich sagen kann, sollte man alles daransetzen, es zu tun. Gleichzeitig spüre ich, daß das Wichtigste die Entscheidung war, es zu tun. Einfach nur Sehnsucht zu haben und zu glauben, der Jakobsweg sei für mich nicht machbar, führte nur dazu, daß die Sehnsucht schlimmer wurde. Mich entschieden zu haben, es zu tun, hat sehr viel Druck von mir genommen.

Ich denke, daß der Ruf wieder drängender geworden ist, und zwar soweit, daß ich ihn wirklich nicht länger ignorieren kann, liegt auch diesmal daran, daß ich mich in einer Art existentiellen Krise befinde. Ich spüre, daß ich vor einem großen Umbruch stehe und sehne ihn auch herbei. Noch ist er jedoch diffus, weil ich gar nicht alle Möglichkeiten kenne. Ich weiß nur, daß es nicht weitergehen kann wie bisher, auch wenn mir noch ein paar Puzzleteilchen fehlen. Ich erhoffe mir Klarheit vom Jakobsweg. Ein paar Wochen nur für mich Zeit haben, rausgelöst aus dem Alltag, erscheint mir sehr verlockend. Was ich wohl hören werde, wenn ich in die Tiefe lausche?

Liam, 14.08.2016, 11:55 | Abgelegt unter: Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

Paßwortgeschützte Jakobsweg-Einträge

Vor kurzem habe ich davon geschrieben, daß ich im kommenden Jahr nach Santiago de Compostela pilgern werde. Im Vorfeld wird es hier ein paar Einträge über diese Reise geben, von denen manche paßwortgeschützt sein werden. Falls Du diese gern lesen möchtest, kannst Du mir eine E-Mail an william[at]gruener-mann[.]de schicken und das Paßwort anfordern. Falls wir uns noch nicht kennen sollten, schreib mir doch bitte dazu, wie Du auf mein Blog aufmerksam geworden bist und warum Dich die Pilger-Artikel interessieren. Bist Du selbst schon einmal nach Santiago gegangen oder möchtest das noch tun? Oder findest Du so eine Reise einfach spannend?

Liam, 09.08.2016, 10:45 | Abgelegt unter: Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

Räucherstäbchenfrau

Früher ist es mir oft passiert, daß ich „seltsame“, aber irgendwie doch immer bereichernde Begegnungen mit Menschen hatte. Ich habe im ursprünglichen Text an dieser Stelle ein paar Beispiele genannt, die ich aber wieder gelöscht habe, weil ich fand, daß sie nur für mich gedacht waren, obwohl es schön war, mich daran zu erinnern. Jedenfalls gab es in den letzten Jahren keine dieser Begegnungen mehr. Ich hatte die Tür zu anderen Menschen komplett geschlossen und wer selbst mit kPTBS und/oder sozialen Phobien lebt, wird das nachvollziehen können. Ich war nicht mehr offen und bereit für solche intensiven Begegnungen mit Fremden.

Durch die Therapie hat sich scheinbar etwas geändert. Ich kann es selbst nicht benennen, aber seit ein paar Monaten ergeben sich plötzlich wieder solche Begegnungen. Manchmal werde ich im Supermarkt angesprochen, manchmal auf offener Straße oder während ich in einem Wartezimmer sitze. Etwas an mir, meiner Gestik und Mimik muß sich geändert haben, denn mein eigentliches Verhalten habe ich nicht verändert. Jedenfalls scheine ich wieder zu signalisieren, daß ich offen bin.

Und das ist das Seltsame, denn wenn ich die Wahl hätte, würde ich solche Begegnungen nach wie vor vermeiden. Ich bin nicht gut mit Menschen. Mir leuchtet nicht ein, wozu Smalltalk gut sein soll, weil er vermutlich Ziele verfolgt, die nicht meine sind. Ich habe allgemein wenig Interesse an Menschen, halte sie in der Regel für unberechenbar und daher gefährlich (bestes Beispiel: Fahren auf der Autobahn). Mich auf Menschen einzulassen, war und ist immer ein Kampf. Ironischerweise ist mir oft gesagt worden, daß ich ein guter Zuhörer bin. Ich habe mich stets gefragt, warum niemand die auf der Hand liegende Frage stellt, nämlich: warum erzählst Du nichts von Dir? Irgendwann ging mir auf, daß ich sowas wie eine Fassadenidentität habe. Ich schaffe es also, Menschen glauben zu machen, daß sie sehr viel über mich wüßten oder daß es nicht viel zu wissen gäbe. Habe durch ein früheres Blogprojekt auch die Erfahrung gemacht, daß Menschen glauben, das, was ich ganz bewußt von mir im öffentlichen Raum zeige, gäbe Auskunft darüber, wer ich wirklich bin und was wirklich in meinem Leben und in mir drin passiert. Das fand ich immer rührend und irgendwie auch lustig, weil ich stets davon ausgegangen bin, daß anderen – genau wie mir selbst – klar ist, daß das, was man sieht, immer nur ein kleiner Ausschnitt ist, der verschiedene Instanzen der Zensur durchlaufen hat, bis er dann mal öffentlich wird. Aber vielleicht ticken andere Menschen gar nicht so. Vielleicht schützen andere Menschen sich selbst, ihre inneren Prozesse gar nicht so stark wie ich das tue. Ich nehme an, auch das unterscheidet Traumatisierte von Nichttraumatisierten.

Während ich jetzt gerade schreibe, merke ich, wie spannend ich das Thema finde, obwohl ich eigentlich etwas ganz anderes erzählen wollte 🙂

Heute jedenfalls hatte ich mal wieder eine kurze, intensive Begegnung mit einer Fremden. Ich saß im Auto, stand auf einem Parkplatz und wartete. Die Frau kam mit einer Kiste zu mir und drückte mir Räucherstäbchen in die Hand. Dazu erzählte sie mir die Geschichte von dem indischen Dorf, in dem diese Stäbchen aus Naturingredienzien handgerollt werden. Sie habe diese Räucherstäbchen mit nach Deutschland gebracht und verkaufe sie hier, um diesem Dorf zu helfen. Ich hörte ihr eine Weile zu, kaufte ihr dann zwei Päckchen ab. Drei Stäbchen schenkte sie mir noch dazu, und dann, als sei es ganz wichtig und der eigentliche Grund ihrer Kontaktaufnahme, hat sie mir etwas gesagt, das mich im Grunde geschockt hat. Weil es so paßt, zu mir, meinem Leben, meinen Wünschen und irgendwie auch zur aktuellen Zeit, wo das besagte Thema gerade mal wieder am Köcheln ist. Und das klingt jetzt in mir nach.

Ich habe das Gefühl, wieder auf dieser Welle zu reiten, wie ich das von früher kenne. Ich weiß nicht, ob ich dafür bereit bin, aber scheinbar muß ich dazu auch gar nicht mein Einverständnis geben – es passiert einfach so. Verwirrend und irgendwie auch schön…

Liam, 21.06.2016, 23:00 | Abgelegt unter: Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

Mittsommer 2016

Wie ich schon schrieb, ist mein Terminkalender gerade rappelvoll mit Terminen, die viel Zeit und Energie brauchen. Da ich seit Jahren keine eigentlichen Rituale mehr feiere, war ich etwas überrascht davon, plötzlich wahrzunehmen, daß ich zu Litha gern „irgendwas“ machen wollte. Mir war allerdings auch direkt klar, daß das sicher nichts mit Kerzen, Räucherwerk und unterm Vollmond tanzen zu tun haben würde 🙂

DSC01166 (450x600)

Am Samstag hatte ich ja meine alte Knetmaschine aus dem Keller geholt und war so begeistert davon, wieder ohne Hilfe Brot backen zu können, daß mir direkt in den Sinn kam, mal wieder ein Flechtbrot bzw. einen Hefezopf zu backen. Backen bzw. Kochen sind meine täglichen Rituale, die dem Alltag Struktur geben. Beides kann aber auch zu einem spirituellen Ritual werden.

DSC01169 (600x450)

Ich denke, der Unterschied zwischen diesen beiden Ritualformen ist eigentlich nur das Einlassen bzw. die Energielenkung. Im Alltag geht es meist darum, möglichst effektiv und damit zeitschonend zu kochen und dabei gleichzeitig meine Familie und mich selbst mit Nahrung und Gemeinschaft (beim Essen) zu versorgen. Dahinter steckt letztlich auch ein Wert, den ich gern pflege und weitergeben möchte, nämlich sich für die Mahlzeiten Zeit zu nehmen und das Essen bzw. den Koch zu würdigen. Mit PTBS ist es immer wieder ein Thema, für sich selbst gut zu sorgen und sich in jeder Hinsicht zu nähren.

DSC01171 (600x450)

Dahingegen macht für mich das spirituell-rituelle Kochen und Backen aus, mich auf einer Art Meta-Ebene auf das Geschehen einzulassen. Während ich das Korn mahle, wandern meine Gedanken zu John Barleycorn und zum Kornwolf. Die Eidotter in meiner Schüssel leuchten mir wie kleine Sonnen entgegen und lösen Erinnerungen an längst vergangene Zeiten aus, wo ich gar nicht fassen konnte, daß in jeder Eierschale so eine perfekte orange-goldene Kugel schwimmt.

DSC01172 (600x450)

Der Knetvorgang wirft für mich die Frage auf, aus welchen heterogenen Elementen ich selbst bestehe, und wie sie sich zusammen zu einer Einheit fügen. Ich schaue dem Teig zu und prüfe ihn hin und wieder. Es braucht seine Zeit. Wo will ich Dinge überstürzen, wo bin ich geduldig?

DSC01173 (600x450)

Der Teig muß bei der Wärme eigentlich nur eine halbe Stunde gehen, aber wie bei meinen Broten drücke ich ihn mehrmals zusammen und lasse die Hefe noch länger arbeiten. Wieder kommen Erinnerungen hoch. Vor 20 Jahren habe ich mit einem geschenkten Brotbackautomaten angefangen. War ich damals schon der, der ich heute bin?

DSC01180 (600x450)

Während ich den Teig auswelle, denke ich an den Tag, als ich das Holz gekauft habe, und während ich die Füllung auftrage und schließlich den Teig flechte, kommen mir Erinnerungen an andere Ritualbrote, die ich gebacken habe.

DSC01182 (600x450)

Beim Flechten der Teigstränge muß ich auch über die Frage nachdenken, mit wem ich verbunden bin. Bin ich bindungsfähig? Lieber ein einsamer Wolf? Wo bin ich Verknüpfungen eingegangen, aus denen ich mich gern lösen würde? Wo werde ich mit anderen „verbacken“, ohne das zu wollen?

DSC01185 (600x450)

Daß dazu die Sonne in meine Küche scheint – am bisher einzigen richtig sonnigen Tag seit langem – paßt absolut. Hin und wieder berühren meine Gedanken Dinge, die ich mit vergangenen Mittsommerfesten verbinde, und ehe ich es mich versehe, ist der Zopf im Ofen.

DSC01188 (600x450)

Am Abend spüre ich meinen Körper schwer und müde. Was sich in einem Blogpost in zwei Minuten liest, hat vier Stunden gedauert – definitiv ein langes Ritual. Ich esse vom Zopf, teile ihn mit anderen, und schaue mir noch einmal im Kurzdurchgang meine Gedanken und Emotionen vom Nachmittag an. Da war Sonne und Schatten, Süße und Bitterkeit. Wenn alles im Ausgleich ist, bin ich in Balance. Mittsommer markiert den Abschied von der Sonne, denn auch wenn uns die richtig heißen Tage noch ins Haus stehen, die Sonne wird von jetzt an weniger lang am Himmel stehen. Wie gehe ich in die Hitze hinein? Wie in die Dunkelheit?

Negativität fasten: Abschlußbetrachtung

Da die Fastenzeit nun vorbei ist, ist es Zeit, ein Resümee zu ziehen. Insgesamt bin ich sehr zufrieden damit, wie gut es doch geklappt hat, mir Negativität mir selbst gegenüber bewußt zu machen und dann auch wegzulassen. Einzig der Konflikt, von dem ich in meinem letzten Fastenzeit-Artikel geschrieben hatte, hat mich auf eine harte Probe gestellt…nur um sich dann als ganz harmlos zu entpuppen. Ich hoffe, ich kann daraus die Lehre ziehen, daß nicht alles, was für mich nach Problem riecht, auch eins ist. Da ist meine Wahrnehmung noch sehr von der PTBS geprägt.

Schwieriger zu identifizieren und zu händeln sind negative Glaubenssätze, die ich mir über Jahre hinweg angeeignet habe und die eher wie ein Hintergrundrauschen mitlaufen. Manchmal sehe ich mich als einen Baum, der immer im Gegenwind stand und dem sehr früh ein paar Triebe, die mal Äste hätten werden können, gekappt wurden. Klar macht sich das am Wuchs bemerkbar. Das, was ich an diesen negativen Glaubenssätzen besonders gemein finde, ist, daß sie mir vorgaukeln, daß alle mich zwangsweise so sehen müssen, wie ich mich selbst sehe. Wenn ich mit anderen Kontakt habe, schaue ich also im Grunde nur wieder in den Spiegel, der genau das zurückwirft, was ich zu sehen erwarte, weil er gar nicht anders kann. Und weil das alles auf einer stark verinnerlichten, unbewußten Schiene läuft, komme ich nicht gut an dieses Zeug heran.

Mein Fazit lautet also: weitermachen!

Liam, 31.03.2016, 11:50 | Abgelegt unter: Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

Frühjahrsequinox 2016

Wenn es etwas gibt, daß die Symptome der PTBS erträglicher macht, dann sind es Regelmäßigkeiten und Alltagsrituale. Und auch wenn ich schon lange kein spirituelles Ritual z.B. zu den Jahreskreisfesten mehr gefeiert habe, fühle ich mich im Ablauf der Jahreszeiten gut eingebettet. Wie das Ein- und Ausatmen trägt mich der Jahreskreis mit seinen natürlichen Rhythmen und Zyklen. Er ist vertraut und dadurch sicheres Terrain.

Was mir noch immer fehlt, sind sinnhafte rituelle Handlungen, die mit den Jahreskreisfesten verbunden sind. Jahrelang habe ich keinen Zugang mehr zu Dingen wie Kürbisfratzenschnitzen zum Ahnenfest oder dem Flechten von Strohkreuzen zu Imbolc bekommen. Darum hat es mich überrascht, daß zum Equinox diesmal der Wunsch auftauchte, Eier zu färben. Wenn ich auf meine aktive Zeit zurückblicke, fallen mir so viele Rituale rund um das Ei ein, die ich gefeiert habe, daß ich direkt wieder das Gefühl bekommen könnte, nichts auf die Reihe zu kriegen. Aus irgendeinem Grund jedoch konnte ich das diesmal einfach schulterzuckend ignorieren und zwei Päckchen Eierfarbe kaufen. Und nicht nur das, ich habe es tatsächlich geschafft, mit Mann und Kind Eier abzukochen und zu gestalten. Davon war ich richtig überrascht, und es freut mich.

DSC_0054 (3) (600x337)

Als ich im letzten Winter meine über Jahre hinweg angesammelten Spiri-Sachen durchgeschaut und aussortiert habe, fand ich ein Ei wieder, das mir eine Freundin gestaltet hatte. Sie hatte das Ei rot gefärbt und aufwendig mit einer Schlange verziert, die aus lauter mit Glitzerpulver gestalteten Dreiecken bestand und Augen aus Straßsteinen hatte. Dieses Ei war mit einem Heilungszauber verbunden und begleitete mich seit vielen Jahren. Als ich das Ei im letzten Winter wiederfand, hatte ich das Gefühl, ich müßte es zerschlagen. Ich habe diesen Impuls nicht verstanden und empfand, obwohl diese Freundschaft längst nicht mehr besteht, ein schlechtes Gewissen bei diesem Gedanken. Die ganze Arbeit, die sie sich gemacht hatte. All ihre guten Wünsche, die an den Zauber gebunden waren. Lange saß ich da, das Ei in der Hand, bis ich es einfach tat. Es brauchte mehrere Anläufe, um die Schale zu zerschlagen, und als mir die ganzen Kräuter entgegenrieselten, mußte ich erstmal tief durchatmen. Ich hatte es echt getan. Ich bedankte mich noch einmal in Gedanken bei meiner verflossenen Freundin und als ich später nochmal auf die Scherben blickte, begriff ich, daß der Zauber, den sie damals für mich gewebt hatte, sich erfüllt hat. Darum konnte ich das Ei zerschlagen – mußte es zerschlagen.

Ähnlich ging es mir noch mit anderen Dingen, die ich von Menschen, die längst nicht mehr an meinem Leben teilhaben, bekommen hatte. Gestricktes, Gehäkeltes, Getöpfertes, Gefilztes, Genähtes…es war wirklich viel, mehr als zwei Kisten voll. Ich hatte alles aufgehoben, weil es mich mit einer wichtigen Phase meines Lebens verbunden hatte, von der ich gehofft hatte, ich könnte in sie zurückkehren – bis mir aufging, daß ich das gar nicht mehr will. Ich kann es nicht nur nicht, ich will es noch nicht einmal! Im Winter habe ich das alles aufgegeben. Manches wanderte in den Müll, aber die meisten Dinge habe ich ausgesetzt und sie wurden mitgenommen. Ich mag diesen Gedanken, daß Sachen, die mir Menschen gegeben haben und die für mich nicht mehr funktionieren, nun woanders ihre Wirkung entfalten, bezaubern und berühren. Durch das Loslassen ist mir klar geworden, daß für mich nicht die Dinge zählen, die ich von Menschen erhalte, sondern einfach nur die Tatsache, ob sie an meiner Seite stehen oder nicht. Ich brauche keine Erinnerungsstücke, sondern aktives Miteinander, aktives Gestalten, hier und jetzt.

Welche Erkenntnis paßt besser zum Equinox als diese? Jetzt, wo sich das Leben wieder regt und alles gedeiht und aufblüht, habe ich eine Ahnung davon erhalten, daß auch ich nach vorn schauen, dem Licht entgegenwachsen darf. Das, was war, darf zu Kompost zerfallen, darf die Basis sein, aber ich verspüre Sehnsucht nach neuen Erfahrungen.

Liam, 25.03.2016, 14:08 | Abgelegt unter: Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | 1 Kommentar

Negativität fasten: Selbstverletzung

Diese Woche hat sich ein Konflikt entwickelt, mit dem ich nicht gerechnet habe. Ich finde es schon nicht einfach, Konflikte, die vorhersehbar sind, auszuhalten und souverän zu meistern, aber wenn ich ohne Vorwarnung in eine Situation gerate, in der ich das Gefühl habe, mit Ungerechtigkeit oder Ausgeliefertsein konfrontiert zu werden, kostet es mich alle Kraft, beherrscht und besonnen zu bleiben. Ich habe in der Vergangenheit erfahren, daß ich offenbar imstande bin, in Situationen, die mich verunsichern oder auch nerven nach außen sehr ruhig und eben souverän zu wirken, oft bis zur Arroganz. Das heißt ja eigentlich nur, daß ich es schaffe, das, was wirklich in mir vorgeht, zu verstecken – und da weiß ich nun nicht, ob das etwas Gutes ist. Das Bemühen, Situationen zu kontrollieren bzw. zumindest den Anschein zu erwecken, alles unter Kontrolle zu haben, ist für mich eng mit der PTBS verknüpft. Das Gefühl, die Kontrolle zu haben, gibt mir die Gewißheit, mein Leben und mich selbst samt aller Traumata und Erinnerungen im Griff zu haben. Wenn ich, wie in diesem oben angesprochenen Konflikt, die Kontrolle abgeben muß, ist das nur schwer zu ertragen.

Kontrollverlust kann zu Dekompensation führen, also dazu, daß bestimmte PTBS-Symptome schlimmer werden, daß Intrusionen auftauchen, daß ich dissoziiere und letztlich auch zu dem Wunsch, mich selbst zu verletzen. Diesen Teil meiner PTBS würde ich am liebsten ausklammern und gar nicht anschauen, denn er ist häßlich, fies und nicht vorzeigbar. Zumindest habe ich das sehr lange geglaubt. Ich habe versucht, mein selbstverletzendes Verhalten gar nicht als solches wahrzunehmen, weil es „nicht echt“ war. Als „echt“ habe ich Sachen wie Ritzen, Verbrennen und Bulimie/Magersucht angesehen – das war praktisch, denn da das alles nichts war, das ich tat, konnte das, was ich tue, ja nicht Selbstverletzung sein. Ziemlich krude Logik, aber naja.

Meiner Selbstverletzung ins Auge zu schauen, fiel mir sehr schwer. Ich bin dankbar dafür, daß ich das in therapeutischer Begleitung tun durfte und daß mir mit Akzeptanz und Offenheit begegnet wurde. Als ich die ersten Male vor einer anderen Person benannte, was ich tue, und wie sich dieser Schmerz und der Haß, der sich dadurch ausdrückt, anfühlen, war das ein wichtiger und seltsamer Moment. Wichtig, weil er mir ins Bewußtsein rief, was ich da tue. Seltsam, weil ich anfangs überhaupt kein schlechtes Gewissen dabei hatte, es im Gegenteil gar nicht begreifen konnte, daß mir jemand Mitgefühl (nicht Mitleid!) entgegenbrachte und es schade fand, daß ich diesen inneren Druck so kompensiere. Seither sind viele Monate vergangen. Ich habe es geschafft, über Dinge zu sprechen und sie so nach außen zu befördern. Ich wurde gehört. Meine Geschichte und meine Wahrnehmung spielen eine Rolle. Einen Zeugen zu haben, hat meine Perspektive auf viele Vorkommnisse verändert. Das alles nahm viel Druck, aber nicht den gesamten. Noch immer gibt es Momente, in denen ich dazu tendiere, mir wehzutun. Warum? Weil es ein über Jahre hinweg eingeübtes Ritual ist, das allein durch seinen einstudierten Ablauf beruhigt. Weil es leicht ist, in Momenten des Kontrollverlustes und der Dekompensation außer Schmerz nichts mehr zu fühlen bzw. nichts mehr fühlen zu wollen, und weil das dazu führt, daß ich mir sehr viel einfacher egal sein kann.

Ich habe in der Therapie gelernt, daß Selbstverletzung nicht immer das Schlechteste ist. Das klingt zynisch, denke ich, zumindest für Menschen, die mit dem Thema nichts am Hut haben. Aber manchmal ist es der Schmerz und das Zulassen des Selbsthasses, was hilft, diese Emotionen zu fühlen und dann auch wieder gehen zu lassen.

Ich wäre stolz darauf, wenn ich diesen Artikel, den ich im Zusammenhang mit meinem Vorhaben schreibe, in der Fastenzeit auf Negativität gegenüber mir selbst zu verzichten, damit abschließen könnte, daß ich feststelle, mich schon sehr lange nicht mehr selbst verletzt zu haben. Leider kann ich das nicht. Gerade in diesem aktuellen Konflikt wurde Selbstverletzung der einzige Ausweg, den ich für meine Gefühl von Kontrollverlust, Zorn und Aggression gesehen habe. Anders als zuvor ist jedoch, daß ich meine Fastenzeit damit nicht als gescheitert betrachte. Vielmehr möchte ich es so sehen, daß ich einen weiten Weg gekommen bin, auf dem ich viel gelernt habe, daß es aber manchmal einen Rückschritt gibt, der mich dazu animiert, es nochmal zu versuchen.

Liam, 16.03.2016, 19:59 | Abgelegt unter: PTBS,Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | 1 Kommentar

Negativität fasten: ich habe einen Körper

In den letzten zwei Wochen bin ich damit sehr zufrieden, wie mein Fastenprojekt läuft. Negative Gedanken über mich selbst kommen seltener auf, was ich insgesamt jedoch der Arbeit in der Therapie und nicht allein der Fastenzeit zurechne. Wichtiger noch finde ich, daß, selbst wenn negative Gedanken entstehen, ich diese leichter wieder ziehen lassen kann als zuvor. Das ist für mich eine Entlastung und ich hoffe, daß ich diesen gedanklichen Flow, diese Nichtanhaftung, noch weiter einüben und vertiefen kann bzw. daß ich für Phasen, in denen es wieder mehr selbstkritische Gedanken geben wird, etwas Gelassenheit mitnehmen kann.

Negativität zu fasten ist auch verbunden damit, den Blick für das Gute zu schärfen bzw. das Schöne ins Leben einzuladen. Für mich aufgrund der PTBS nicht unbedingt einfach. Im Augenblick ist „Selflove“ chic und sowohl im Netz als auch in den Printmedien (Fernsehen schaue ich nicht) wird man damit regelrecht überfrachtet. Ich verstehe das meiste, das mit dieser Selflove-Welle schwappt, nicht oder nur bedingt. Warum eine „Buddha Bowl“ mich anders als ein Müsli mit Obst drin erfreuen soll (als Symbol für die Eigenliebe), ist mir nicht verständlich, aber ich akzeptiere, daß es zwischen mir und nicht-traumatisierten Menschen immer diese Verständnisbarriere gab und geben wird. Das heißt auch, daß mir vieles, was für andere Wellness oder Selbstfürsorge ist, suspekt erscheint bzw. daß es mich triggern kann. Ein Dankbarkeitstagebuch z.B. könnte dazu führen, daß ich mich als ein Versager fühle, weil ich nicht in der Lage bin, jeden Tag Dinge aufzuzählen, für die ich abseits vom bloßen Überleben dankbar bin. Also führe ich so ein Tagebuch erst gar nicht. Jede Form von Druck ist für mich kontraproduktiv, und gerade diesem Selflove- und Wellbeing-Druck möchte ich mich nicht aussetzen.

Für viele PTBS-Patienten ist der eigene Körper Schlachtfeld der Traumatisierungen. Das erklärt, warum Dinge, die nicht-Traumatisierte als Wohltat empfinden (wie eine Massage oder einen Besuch beim Friseur), triggern und dadurch negative Empfindungen auslösen können. Erst wenn bestimmte Inhalte aus dem Alarmgedächtnis ins Langzeitgedächtnis überführt wurden, können Traumatisierte beginnen, sich damit auseinanderzusetzen, was sie mögen, was sie brauchen und letztlich, wer sie eigentlich sind. Oft wird die Arbeit an der PTBS in drei Phasen eingeteilt: Stabilisierung, Konfrontation und Integration. Diese drei Phasen vermischen sich, verschwinden, kommen wieder. Eine klare Abgrenzung funktioniert nur in der Theorie, nicht in der Praxis, nicht im Leben mit PTBS. Im Moment befinde ich mich in einer Integrationsphase. Das heißt, ich arbeite daran, Dinge zu akzeptieren und sie in meinen Lebenskontext sinnvoll einzusortieren. Dazu gehört auch die Akzeptanz dafür, daß ich einen Körper habe, der wiederum Bedürfnisse, Erinnerungen und Emotionen hat. Im Augenblick will mein Körper ganz viel Aufmerksamkeit. Ich verspüre Impulse, die ich bislang nicht kannte. Ohne mich zuvor stabilisiert zu haben, würde ich das nicht aushalten.

In der letzten Woche habe ich mich überwunden und bin in ein Geschäft für große Männer gegangen. Bisher habe ich das tunlichst vermieden, denn ich wollte nicht wahrgenommen und schon gar nicht beraten werden. Ich hatte mir im Vorfeld einige Websites, Bücher und Videos mit Styling-Ideen für große Männer angeschaut – auch das war neu und es kam aus dem Nichts. Ich habe festgestellt, daß vieles, was ich ohnehin gern trage wie z.B. Krawatten, dunkle Farben und schlichte, klassische Formen allgemein für große Männer empfohlen werden, und war auf der Suche nach etwas, das dazu paßt und in dem ich mich vor allem wohlfühle. Mir selbst etwas zu gönnen, das im Grunde purer Luxus und nicht absolut notwendig ist, ist sehr schwer für mich. Ich bin ein Experte darin, Dinge zu vereinfachen und lebe inzwischen in einem recht minimalistischem Haushalt, und so eine Shoppingtour ist das absolute Gegenteil von dem, was ich normalerweise mache. Im Anschluß war ich total k.o., aber auch stolz darauf, es geschafft zu haben. Das Schöne und Gute ausprobiert zu haben, auch wenn es mich Überwindung gekostet hat und ich es nicht in jedem Moment genießen konnte, weil ich aufgeregt gewesen bin.

Ich denke gerade sehr viel darüber nach, was es heißt, nicht nur Verantwortung für meine mentale, sondern auch für meine körperliche Gesundheit zu übernehmen. Einem wird viel zu oft der Eindruck vermittelt, daß andere Instanzen wie Ärzte, Zeitschriften, Coaches o.ä. mehr darüber wüßten, was für den eigenen Körper gut ist als man selber. Ich nehme an, all das, was mir in Hinblick auf Übergewicht, Fat-Shaming und Male Body Positivity durch den Kopf geht, wäre nochmal einen eigenen Artikel wert.

Liam, 26.02.2016, 23:42 | Abgelegt unter: PTBS,Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

Negativität fasten: Ernährung und Selbstakzeptanz

Die Fastenzeit ist jetzt noch nicht besonders alt, aber in den letzten paar Tagen habe ich eine für mich interessante Entdeckung im Kontext mit meiner Ernährung gemacht, doch im Grunde kann ich das auf jeden Bereich meines Lebens ummünzen.

Meine Ernährung ist ein Thema, seit ich die Grundschule besucht habe. Ich will das jetzt nicht auswalzen, aber das Gefühl, frei zu sein, zu essen, was und wann ich möchte, kenne ich eigentlich nur aus meiner frühen Kindheit. Ich war keine 10 Jahre alt, als es anfing, daß ständig bewertet wurde, was ich wann wovon in welcher Menge aß. Ich habe das nicht kritiklos hingenommen, aber dennoch verinnerlicht, weil das eine sehr häufig benutzte „Autobahn“ in meinem Gehirn war. Dazu kommt, daß mit Essen mehrere Traumatisierungen verbunden sind, die nicht dafür gesorgt haben, daß die Nahrungsaufnahme etwas Natürliches, Entspanntes blieb (oder wieder wurde).

In den letzten 25 Jahren habe ich hinsichtlich meiner Ernährung eine ganze Menge ausprobiert, jeweils in längeren Phasen. Zum Beispiel Ovo-Lakto-Vegetarismus, Vollwert-Ovo-Lakto-Vegetarismus nach Bruker, Vollwert-Veganismus, Vollwert-Omnivorismus mit geringem Fleischanteil, omnivore Paleo-Ernährung und dann gab es auch eine fast zwei Jahre dauernde Phase, in der ich zwei Mahlzeiten täglich durch Shakes ersetzt habe. Das Einzige, das ich nie über einen längeren Zeitraum durchgehalten habe, war Rohkost pur. Ich bin also schon recht weit rumgekommen, was Ernährungsweisen angeht.

Neben der weitgefächerten praktischen Seite von Ernährung habe ich mich, teils zwangsweise, auch viel mit Ernährungstheorie auseinandergesetzt, vorrangig also mit der Frage, was denn nun eine optimale Ernährung für den Homo sapiens urbanus sei. Wer das selbst ein bißchen verfolgt (und im Grunde kommt man da ja gar nicht drumrum, weil das Thema in den Medien dauerpräsent ist), weiß, daß es schon jede denkbare Theorie darüber gab, was wir in welcher Menge essen sollten und was nicht. Will man sich an die sog. Ernährungsexperten halten, kann man im Grunde alles essen – oder eben auch nicht, je nachdem, was gerade chic ist. Im Moment sind Kohlenhydrate die Bösen, wobei die meisten „Experten“ es versäumen, darauf hinzuweisen, daß weißer Auszugszucker, Honig und Datteln genau wie Weißmehl und Vollkornmehl allesamt als Kohlenhydrate gelten, sicher aber nicht den gleichen Nährwert besitzen. Wenn man nur will, kann man sich mit der ganzen Ernährungstheorie das Leben so richtig madig machen, bloß um am Ende festzustellen, daß niemand weiß, was tatsächlich die optimale Ernährung für uns moderne Menschen ist – und ob man das überhaupt für alle Menschen gleich definieren kann.

Diese Woche habe ich, nachdem ich mich mal wieder intensiver mit Ernährung befaßt hatte, entdeckt, daß ich im Grunde nur zwei echte Aussagen über mein persönliches Erleben unterschiedlicher Ernährungsgewohnheiten treffen kann. Erstens: ich muß das, bei dem mein Körper eine Unverträglichkeit signalisiert, weglassen. Und zweitens: für mein Wohlbefinden und vor allem auch für mein Gewicht ist es absolut irrelevant, ob ich mich vegan, vegetarisch oder omnivor ernähre – das inkludiert sogar einen recht hohen Anteil von Fast Food -, solange die Basis meiner Ernährung volles Getreide sowie Gemüse und Obst sind.

Nach über 25 Jahren relativ irrlichtener Reisen durch Ernährungstheorien und -praktiken war diese simple Zusammenfassung für mich verblüffend. Oder entlarvend. Aber auf jeden Fall erleichternd. Ich habe mir so lange so intensiv über die optimale Ernährung den Kopf zerbrochen, daß ich gar nicht gesehen habe, daß ich sie schon längst gefunden hatte.

Übertragen auf das Fasten negativer Gedanken ist mir aufgefallen, daß ich dieses Verhalten in vielen Bereichen meines Lebens an den Tag lege. Obwohl bestimmte Sachen für mich schon lange funktionieren, stelle ich sie immer wieder in Frage, mitunter weil sie gemessen an dem, was mir als „normal“ oder „richtig“ vorgespiegelt wird, anders sind. Und in vielen Bereichen meines Lebens wird von mir irgendwie erwartet, daß ich mich mit Dingen auseinandersetze, weil diese jetzt gerade „chic“, „richtig“ oder „angesagt“ sind (Stichworte Plastikfreiheit, Müllvermeidung, Lebensmittelrettung, Flüchtlinge, Queerness, Upcycling, Social Media etc.), selbst wenn sie mich überhaupt nicht interessieren.

Mein Fazit also zum Ende der ersten Fastenwoche: ich will darauf achten, mich weniger (und am besten gar nicht mehr) zu zerfleischen, weil ich bestimmte gesellschaftlich kolportierte Verhaltensweisen nicht verstehe, nicht umsetzen kann/will oder weil sie mir schlicht gleichgültig sind. Verbunden damit erkenne ich an, daß ich an PTBS erkrankt bin und nicht so funktioniere, denke oder fühle wie nichttraumatisierte Menschen. Das, was für mich normal und gut ist, muß es nicht für andere sein – und umgekehrt. Ich will mehr auf mich selbst achten und weniger oft die Maßstäbe anderer an mich selbst anlegen.

Liam, 14.02.2016, 13:14 | Abgelegt unter: PTBS,Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | 1 Kommentar

Negative Gedanken fasten

Genau wie letztes Jahr habe ich mir überlegt, ob und wie ich die Fastenzeit nutzen möchte. Und genau wie im letzten Jahr sehe ich auch dieses Jahr keinen Grund dafür, irgendwelche Lebensmittel zu fasten. Ich halte jetzt seit über einem Jahr hier fest, was ich abends koche, und das hat mir geholfen, nachzuhalten, wie zufrieden ich mit der Vielfalt, dem Gemüse- und dem Vollkornanteil meiner Ernährung bin. Derzeit wüßte ich nicht, was ich noch optimieren oder gar weglassen sollte. Ich fühle mich gesund und fit und die letzte Erkältung ist auch schon ziemlich lang her. Das alles kann also so bleiben, wie es ist. Dasselbe gilt für meinen ziemlich clutterfreien Haushalt, für meine Computerzeit und auch sonst ungefähr alles, jedenfalls ungefähr alles, das im Außen passiert.

Im Innen sehe ich gerade durchaus den Bedarf, zu fasten, vor allem in Hinblick auf meine nicht unbedingt besonders positive Selbstwahrnehmung. Ich möchte versuchen, besser von mir selbst zu denken und dabei negative oder sogar destruktive Gedanken über mich selbst fasten.

Den ersten Schritt (die Bewußtmachung der negativen Gedanken) habe ich dank Meditation und Therapie schon relativ gut verinnerlicht, d.h. ich merke, wenn diese Gedanken aufkommen. Der zweite Schritt (das Transformieren dieser Gedanken) erfordert noch immer Mühe und es gelingt mir bei weitem nicht immer, die negativen Dinge positiv umzuformulieren. Mir ist dabei wichtig, daß ich die positiven Umformulierungen wirklich glauben können muß. Zwar heißt es, daß, wenn man nur lange genug Positives (zu sich selbst) sagt, irgendwann der Glaube daran folgt, aber das erscheint mir wenig erfolgversprechend, wenn ich mir die Vergangenheit ansehe. Ich versuche also stattdessen, negative Gedanken so umzuformulieren, daß sie etwas Positives enthalten, das ich glaube/glauben kann. Der dritte Schritt (das Loslassen sogar noch von positiven Gedanken, um zu einem gleich-gültigen Geisteszustand zu gelangen), gestaltet sich manchmal erstaunlich einfach, ist manchmal aber auch verflixt schwer. Ich arbeite daran.

Mir ist durch die Therapie allerdings auch klar geworden, daß es allgemein nicht mein höchstes Ziel ist, diesen gleichgültigen Zustand zu erreichen, ob nun durch Reprogrammierung meines Gehirns durch Therapie, Meditation oder durch schiere Willensanstrengung. Wäre mir alles gleichgültig, hätte alles denselben Wert (oder Nicht-Wert?) für mich, dann würden bestimmte Vorkommnisse für mich ihre Gültigkeit verlieren, und das wiederum wäre verknüpft mit dem Verlust des Wissens über (Teile) meine(r) Identität. Ich muß wissen, daß bestimmte Dinge wirklich geschehen sind, weil ich nur dann begreife, daß ich nicht aus dem Nichts heraus geworden bin, was/wer ich bin. Ich muß wissen, daß das alles real ist.

Dabei hilft mir, für bestimmte Dinge oder Vorkommnisse Bilder und Symbole zu finden, die ich sozusagen wie in einen Container lege, außerhalb von mir selbst (alte Plätzchendose, Notizbuch etc.). Ich kann sie dann von den immer noch aktiven Erinnerungen (was ja typisch für ein Trauma ist) in das Langzeitgedächtnis überführen, sie aber immer wieder ansehen oder durchlesen, wenn ich mich vergewissern muß, daß meine Erinnerung und meine Wahrnehmung für mich wahr sind.

Ich bin unter diesem Aspekt betrachtet gespannt auf die Fastenzeit. Ich würde mir gern noch ein Symbol oder einen Gegenstand suchen, der mich im Alltag immer wieder daran erinnert, kurz zu kontrollieren, wie es gerade um meine Gedanken bestellt ist. Wichtig ist mir auch, das Ganze nicht zu verkniffen zu sehen. Es ist kein Wettkampf, sondern soll etwas Nettes sein, das ich für mich selbst mache.

Liam, 09.02.2016, 23:06 | Abgelegt unter: Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare
gruener-mann.de läuft unter Wordpress 4.8.2
Anpassung und Design: Weazel