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Kategorie: Spirit & Verse

Imbolc 2016

Imbolc hat dieses Jahr für mich einen Wendepunkt in meinem Leben markiert. Es war ein wichtiges Ereignis, das eine Menge Weichen gestellt hat. Ich habe den damit verknüpften Termin bewußt erlebt, das war schön. Mittags habe ich mich mit meinem Mann zum Essen getroffen, anschließend hatte ich das Bedürfnis, allein in den Wald zu gehen, dem Wind zu lauschen und…nun ja, allein zu sein und niemanden zu sehen oder zu hören.

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Ich habe geschaut, ob das Land noch schläft. Das tut es nicht. Es gibt die ersten kleinen Nesseln und das Lungenkraut ist auch schon heraus. In der Ebene blühen die Krokusse und ein paar Kirschen. Ich beobachte das nur, ich werte nicht. Der milde Winter macht mir keine Sorge, obwohl ich gern noch ein wenig länger in Klausur geblieben wäre. Diese Ruhe und das Zurückziehen in die Höhle, also die Geschenke des Winters, fehlen mir.

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Passend zu Imbolc, wo es für mich immer um Vorräte, Kraftreserven und Ressouren geht, habe ich am Abend ein paar Cupboard Goodies aufgebraucht, u.a. im letzten Sommer gesammelte Brombeeren, Custard aus England und Fladenbrote. Im übertragenen Sinne darf ich gerade erfahren, daß mir die Monate der Therapie und das ganze Knowhow, das ich mir über PTBS angeeignet habe, tatsächlich in manchen Hinsichten Ressourcen an die Hand gegeben haben, die mir derzeit sehr weiterhelfen.

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Ich wage einen kleinen Blick voraus, in dieses noch so neue 2016. Für dieses Jahr habe ich nicht viel geplant, außer dem Kauf einer Küche, was zuvor leider nicht geklappt hat. Ich möchte weiterhin Krafttraining machen und mich vielleicht mal ins Kino wagen. Dafür fehlte mir bisher der Mut. Mein Wort des Jahres ist OVERCOME, überwinden. Das bezieht sich auf die vielen Symptome, Intrusionen, Erinnerungen, die mit der PTBS verbunden sind. Mir ist bewußt, daß ich den Rest meines Lebens lang mit der Krankheit zu tun haben werde, aber ich will mehr Kontrolle und ihr nicht mehr so hilflos ausgeliefert sein.

Liam, 02.02.2016, 23:36 | Abgelegt unter: PTBS,Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

Wintersonnenwende

Wenn ich auf die letzten zehn Jahre hinsichtlich meiner Spiritualität zurückblicke, sehe ich eine bewegte Zeit. Ich habe mehrere Jahresläufe sehr bewußt durchwandert, was für mich das Feiern der Kreisfeste inkludierte. Ich habe mehrere Pilgerfahrten unternommen und mich dabei intensiv mit der Landschaft befaßt, in der ich gerade lebe. Ich habe mich darauf einlassen können, meine Spiritualität auch in Gruppen zu leben, durch gemeinsame Rituale und Feste, aber auch durch Diskussionen und Vorträge.

Was ist davon übrig?

Wenn ich ehrlich bin, fast nichts mehr. Seit die kPTBS so akut geworden ist, sind Kontakte, ist das Ausleben von Spiritualität für mich allgemein schwierig geworden. Ich fühle mich oft einfach nur gelähmt und eingefroren. Das Schlimmste aber ist, daß ich durch die PTBS meinen Glauben verloren habe. Merkwürdigerweise gab es nach den letzten Traumatisierungen eine Art spirituelles Hoch, in dessen Verlauf ich das Gefühl hatte, ich könnte die Traumata in meinen Lebenskontext einbinden. Und dann allmählich schlich sich das Gefühl von Sinnlosigkeit ein. Warum Jahreskreisfeste feiern? Warum schamanisch reisen? Warum Heilsteine oder Räucherwerk? Warum das alles?

Ich weiß nicht, woher das kam. Es brach über mich herein wie eine Krankheit, die ich seither auch nicht besiegen konnte. Mir erscheint das alles so sinnlos. Kümmert es Götter und Geister, was ich tue? Sind sie überhaupt da? Ich nehme an, das Gefühl, mir in entscheidenden Momenten immer nur selbst beizustehen, hilft mir nicht gerade, an irgendetwas zu glauben. Eine Zeitlang funktionierte Kundalini Yoga sehr gut, aber auch da gab es den Moment absoluter Stagnation und Isolation, den ich nicht durchschwimmen konnte. Ich habe einfach irgendwann aufgehört, die Erfahrungen der anderen zu teilen.

Nun könnte man sicherlich argumentieren, daß ich derzeit in anderem Rahmen erlebe, daß es Menschen gibt, deren Erfahrungen ich teile – und umgekehrt. Es sind Menschen, die ebenfalls mit PTBS zu kämpfen haben, und in deren Reihen ich mich anfangs nicht wie ein Alien, sondern sogar enorm verstanden fühlte. Doch auch das verändert sich und ich spüre, daß ich mich auch unter ebenfalls Traumatisierten wie ein Fremder zu fühlen beginne. Mir ist bewußt, daß es innerhalb der PTBS Graduierungen gibt. Trauma ist nicht unbedingt gleich Trauma. Faktoren wie Schwere, Tiefe und Komplexität der Traumata spielen da mit rein. Ich glaube, bisher habe ich mir immer etwas vorgemacht und gedacht, mein Fall sei gar nicht so schlimm. Aber im Austausch merke ich, daß er das sehr wohl ist. Es ist merkwürdig, wenn Menschen, von denen man dachte, daß sie auch schon krasse Sachen erlebt haben, beim Anhören meiner Geschichte merklich zusammenzucken und zurückschrecken. Ich glaube, den Umfang dessen, was mir passiert ist, erfasse ich erst jetzt allmählich. Das ist gut und schmerzhaft zur gleichen Zeit. Aber ich denke, erst, wenn ich das alles begreife und wirklich verstehe, kann ich es bearbeiten.

Ich denke, gerade für mich sollte die Wintersonnenwende, also der Punkt im Jahr, wo das Licht wendet und in die Welt zurückkehrt, besondere Bedeutung haben. Das Licht im Dunkeln sehen und so. Ich stelle jedoch gerade fest, daß mir das Licht nicht fehlt. Es genügt mir, daß es ein paar Stunden am Tag hell ist. Ich mag die Dunkelheit. Ich mag den Schutz, den sie bietet. Die Gelegenheit zur Selbstreflexion. Ich mag es, daß die ins Dunkel gesagten Worte nicht so wehtun.

Die Wintersonnenwende habe ich also nicht gefeiert. Genau wie alle anderen Kreisfeste seit einer Weile. Aber ich spüre hinein in die Dunkelheit und finde in ihr einen alten Freund. Ich wünschte – auch wie immer -, ich könnte die Rauhnächte in Klausur verbringen. Der weihnachtliche Trubel ist mir zuviel und ich bin denkbar schlecht darin, Ferien und Urlaub auszuhalten. Daraus wird natürlich nichts werden, so daß ich versuche, die Zeit, die ich für mich allein habe, zu nutzen. Die Feiertage gehen für mich mit einer Therapiepause einher, und das empfinde ich als schwierig. Gerade in den Momenten solch intensiven Beisammenseins mit der Familie wäre die Therapie eine Hilfe.

Liam, 22.12.2015, 12:04 | Abgelegt unter: PTBS,Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

Ahnenfest/Samhain

Über Samhain, das Ahnenfest, zu schreiben, fällt mir nicht unbedingt leicht. Ich glaube, ich habe hier noch nie Persönliches über meine Familie geschrieben und das möchte ich auch weiterhin nicht tun, aber ich verrate wohl nicht zuviel, wenn ich sage, daß meine Beziehung zu meiner Herkunftsfamilie schwierig ist. Insofern kann ich meine Ahnen im Sinne meiner Blutsverwandtschaft nur sehr begrenzt ehren. Für mich macht es mehr Sinn, den Begriff der Ahnen auf all diejenigen Menschen auszuweiten, die mein Leben positiv berührt haben. Dazu zählen Menschen, die längst tot sind. Menschen, denen ich nie begegnet bin und deren Namen ich nicht einmal kenne. Menschen, deren Erfindungen, Ideen, Geistesleistungen, deren Mut, Courage, Aufrichtigkeit und Hinwendung zum Leben mich beeinflussen und beeindrucken.

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Für sie und für die Geister stelle ich zu Samhain ein Glas Hochprozentiges heraus, weil ich denke, daß Geister mit dem „Sprit“/Spirit etwas anfangen können. Der Alkohol verdampft und wird daher für sie verfügbar. Es ist ein Gruß aus dieser Welt in die andere, an den nichts geknüpft ist: keine Bedingung, keine Bitte, kein Deal.

Früher habe ich in dieser Nacht ein Ritual gefeiert oder eine schamanische Reise gemacht, aber seit einer Weile, seit die kPTBS sich so stark in den Vordergrund schob, fühle ich mich dazu nicht fähig. Sie hat die Inhalte auch aus meiner Spiritualität herausgesaugt und mich mit vielen Zweifeln und Fragen zurückgelassen. Ich kann nichts mehr für selbstverständlich nehmen. Ich kann die andere Seite oft nur ahnen, aber nicht richtig fühlen, wie ich mich selbst oft nur ahne und nicht richtig wahrnehme.

Ich versuche, die Verbindung nicht ganz abreißen zu lassen. Ich hoffe, es funktioniert.

Liam, 01.11.2015, 14:00 | Abgelegt unter: PTBS,Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

Schwule Spiritualität

Wenn ich versuche, über männliche Spiritualität zu schreiben, fühle ich mich hilflos. Schon vor rund einem Jahr schrieb ich darüber, daß es in meinen Augen so viel mehr zu weiblicher Spiritualität gibt: mehr Quellen, mehr Informationen, mehr Accessoires, mehr Bewußtsein, mehr Veranstaltungen und vor allem mehr Praktizierende. Männliche Spiritualität gibt es entweder nicht so sehr, oder sie entfaltet sich im Verborgenen. Das finde ich bemerkenswert, wo ich aus Richtung der weiblichen Spiritualitätsbewegung so oft vernehme, daß wir ja in einem Patriarchat leben (was wir zweifelsfrei tun) und daher Männer das Zentrum der Welt und der Wahrnehmung seien. Meines Empfindens werden da zwei Dinge vermischt, die nicht zusammengehören. Auch Männer leiden unter dem Patriarchat. Diese Herrschafts- und Gesellschaftsform hat auch uns Männern vieles genommen, hat uns von unseren Gefühlen, von unseren Werten und nicht zuletzt von unserer Spiritualität abgeschnitten. Da es aber nunmal Patriarchat („Väterherrschaft“) heißt, wird automatisch vorausgesetzt, daß „wir Männer“ uns alle im Patriarchat aufgehoben, wahrgenommen und identifiziert fühlen, ja daß wir das System nicht nur gutheißen, sondern in jeder Hinsicht unterstützen.

Immer wieder bin ich in den letzten Monaten mit der Frage konfrontiert worden, was in meinen Augen einen „echten“ Mann ausmacht. Es ist schwierig, darauf eine Antwort zu finden. Ich habe mir angeschaut, wie das in dem Milieu war, in dem ich aufgewachsen bin. Da galt: ein Mann, ein Wort. Ein ganzer Kerl mußte ordentlich was einstecken können und auch kräftig mitanpacken. Er mußte was vertragen (Alkohol und Nahrung) und hatte daheim die Hosen an, wenigstens vordergründig. Für die Kindererziehung hätte er allenfalls am Wochenende Zeit gehabt, aber da war er von der Maloche so fertig, daß er vorm Fernseher verschlumperte, den Familiensonntagsausflug mal beiseite gelassen. Ein echter Mann hat sich die Hände dreckig gemacht, verstand was von Technik und Maschinen, war derjenige, der das Auto fuhr, der mit der dicken Uhr am Handgelenk. Er bekam das beste Stück vom Sonntagsbraten, aß sein Gemüse nur widerwillig und schaute am liebsten Fußball und Western. Er war heterosexuell – das stand gar nicht zur Debatte. Seine kreativen Hobbies waren Modellbau und das Reparieren von Haushaltsgeräten. Gefühle zeigte er nicht, weil er gewohnt war, der unerschütterliche Fels zu sein. Mit einem Buch in der Hand hat man ihn nie gesehen, wohl aber mit der Zeitung. Das Wort Spiritualität kannte er nicht. Mit Mitte 40 hatte er eine Halbglatze und einen Kugelbauch. Seine Körperpflege beschränkte sich auf Waschen und Duschen mit der Stückseife und gelegentliches Rasieren.

Klischee? Sicherlich. Aber damit bin ich groß geworden. Daß mit mir etwas nicht stimmte, wurde spätestens klar, als ich mein Coming Out hatte. Es gibt so viele Unterschiede zwischen mir und dem Bild von Mann, mit dem ich aufgewachsen bin, daß es für mich einfach nicht zutrifft. Vielleicht abgesehen von „ein Mann, ein Wort“ – das ist ein Wert, der mir nahsteht. Möglicherweise ist überhaupt meine Homosexualität die große Fußfessel im Finden männlicher Identität. Als Schwuler in einer heteronormativen Welt aufzuwachsen, ist manchmal spannend, manchmal lustig und sehr oft schmerzhaft. Ich weiß nicht, wie oft ich mich fremd und komisch gefühlt habe, verkleidet, angepaßt, verstellt. Wie ein Lügner. Es war nicht nur die Erkenntnis, daß ich auf Jungs stehe, es waren diese kleinen und großen Akte von Theaterkunst, die mein eigenes Empfinden verdrehten und es schwierig machten, zu begreifen, wer ich bin, als Mann.

Ist männlich-schwule Spiritualität noch mal etwas anderes als männliche Spiritualität, wo schwules Leben per se anders ist als heterosexuelles? Dabei bin ich bestimmte schwule Klischees auch so müde… Es gelingt mir nicht, mich mit dem jungen, gehörnten Gott zu identifizieren – ich gebe zu, er erscheint mir immer wie eine Karikatur. Überhaupt scheint Schwulsein oft in der Karikatur zu enden, beim tuckigen Jungspund, beim dauergeilen jungen Mann, beim vom Leben frustrierten Mann mittleren Alters, der, wenn er es überhaupt schafft, sich gegen die ständige Bedrohung durch HIV und andere Geschlechtskrankheiten zu schützen, immer noch von seiner Libido getrieben wird, und letztlich beim älteren, alten Mann, der durch seine Lebenserfahrung und sein unerfülltes Leben als Schwuler vom Leben selbst angeekelt ist – oder bestenfalls jugendliche Liebhaber sammelt. Haben wir schwulen Männer uns emanzipiert? Ich weiß es nicht. Ich nehme wahr, daß unaufgeregter Umgang mit Schwulen noch nicht Alltag ist, daß es aber viele Schwule gibt, denen wichtig ist, jenseits der Klischees zu leben und wahrgenommen zu werden. Und ich selbst? Fühle mich in meiner Idylle von Familie und Co. angekommen und eher irritiert angesichts all der Klischees, mit denen ich konfrontiert werde. „Ach, Du bist schwul? Hätte ich gar nicht bemerkt!“. Heißt das, ich bin normal? Oder bloß, daß ich angepaßt und feige bin? Schwulsein scheint immer noch etwas Erwähnenswertes, selbst für den Schwulen.

Schwule Spiritualität ist für mich nur schwer zu fassen, weil so viele Systeme, so viele Traditionen stark binär sind, also auf das weibliche und das männliche Prinzip hin ausgerichtet. Das schwule Dilemma manifestiert sich in der (von Heteros) gestellten Frage: wer ist denn bei Euch die Frau? Eigentlich müßte die Frage lauten: wer von Euch ist der Empfangende? Für diesen Empfangenden habe ich aber noch keinen Archetyp gefunden, mit dem ich arbeiten möchte. Und mit dem Gebenden, zumindest in Form des gehörnten, geilen Gottes, habe ich meine liebe Not. Das eigentliche Problem ist nicht der Aspekt der Wildheit oder der Geilheit, denn beides erlebe ich auch im Grünen Mann, da jedoch in gewisser Weise moderater – als Wildheit/Geilheit unter Willen. Das ist für mich etwas anderes als Zahmheit. Nur wer gereift ist, kann die Energien lenken. Mag sein, daß das an meinem Alter und nicht an den Impulsen selbst liegt, jedenfalls steht mir das näher. Sehe ich das empfangende Prinzip auch im Grünen Mann? Durchaus. Er empfängt die Sonne, den Regen und letztlich auch das, was wir Menschen aussenden. Er transformiert es, verändert und lenkt diese Energien, bringt anderes hervor. An dieser Stelle setzt die feministische Spiritualität gern die Frage ein, ob wir Männer Gebärneid hätten, weil ein Mann doch kein Leben hervorbringen kann. Für mich persönlich ist diese Frage absurd. Sie erscheint mir lediglich als Versuch, mal wieder vom männlichen Blickpunkt auf den weiblichen umzuschwenken. Ich kann nicht gebären, aber ich kann dennoch etwas in die Welt bringen und mich am Leben erfreuen, sowohl an meinem Sohn als auch an den Pflanzen, die ich ziehe, oder an kreativen Dingen. Das Gebären überlasse ich gern anderen…

Im Grünen Mann sehe und erlebe ich die Union von empfangendem und gebendem Prinzip. Es würde mich interessieren, das empfangende männliche Prinzip näher kennenzulernen, aber irgendwie gibt es da eine Barriere, die ich noch nicht überwinden kann. Für mich scheint die schiere Existenz des empfangenden männlichen Prinzips außerhalb des Patriarchats zu stehen bzw. außerhalb dessen zu leben. Der empfangende Mann muß für das Patriarchat ein Anti-Mann sein in seiner Aufnahmebereitschaft, seiner Hingabefähigkeit und seiner Öffnung. Ich mag den Gedanken.

Liam, 24.10.2015, 11:26 | Abgelegt unter: Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

Dein Sohn sein

Ich frage mich,
bin ich Manns genug
für den Grünen Mann,
für den Gehörnten Gott,
für John Barleycorn
und all die wilden
und zahmeren Götter?
 Bin ich Manns genug
für die Befruchter des Landes
mit ihren Riesenphalli,
für die Alten Weisen
mit ihren langen Bärten,
für die Bären und die Bärenhäuter,
für die Bienenschamanen
und die Trommelbauer?
Bin ich Manns genug
um als Hirsch durch den Wald zu streifen,
um mir ein Feuer zu schlagen
und Unterschlupf zu bauen,
um ein Leben zu nehmen,
um mich zu nähren,
um den Stimmen des Waldes zu lauschen,
die mich tief in mich selbst führen?
Bin ich Manns genug
ohne die Frau an meiner Seite,
ohne Begehren für eine Frau,
ohne den Wunsch,
weibliche Mysterien zu ergründen,
ohne Gebärneid oder Menstruationssehnsucht,
ohne das Gefühl,
die Frau in mir erkennen und leben zu müssen?
Bin ich Manns genug
trotz all der Zweifel,
die mein Mannsein ausmachen,
trotz all der Mängel,
all der Verluste,
all der nie erfahrenen Chancen,
die mit meinem Mannsein verknüpft sind?
Und bin ich Manns genug,
durch die finsterste Nacht zu reisen,
einem Ziel entgegen,
das ich nicht kenne,
mich meinen Dämonen zu stellen,
nackt und unbewaffnet,
voller Selbstzweifel
und Ungewißheiten?
Ich weiß es nicht
und ich frage mich
– nimmst Du mich trotzdem an
als Deinen Sohn?
Liam, 09.09.2015, 22:15 | Abgelegt unter: Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

Schamanismus und Deprivation

Nachdem ich „Alone in the wild“ (Season 1) mit Ed Wardle gesehen habe, frage ich mich, ob der Ursprung des Schamanismus nicht auch die Erfahrung der Einsamkeit und die Hinwendung zu einem Gegenüber gewesen sein könnte. Also, die Erfahrung, als Mensch allein in der Natur zu sein, und das Bedürfnis, sich mit einem Gegenüber auszutauschen. Wardle z.B. findet, als er sich bereits in einem eher instabilen psychischen und physischen Zustand befindet, einen moosüberwucherten Elchschädel, den er Bruce nennt und dem er einen Platz an seinem Feuer anbietet. Er interagiert mit Bruce, redet mit ihm etc. Es hat mich an den Film „Cast Away“ mit Tom Hanks erinnert, der sich aus einem Volleyball sein Gegenüber „Wilson“ erschafft.

Schamanismus macht für mich u.a. aus, alles als beseelt wahrzunehmen, und ich frage mich, ob soziale Deprivation (vielleicht in Kombination mit Umständen, die die psychischen Vorgänge verändern wie etwa Hunger) die Bereitsschaft verändert, alles als beseelt wahrzunehmen, aus dem Bedürfnis heraus, ein Gegenüber zu erfahren und in Resonanz zu gehen.

Liam, 04.09.2015, 13:28 | Abgelegt unter: Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

Lammas / Das Opfer

„Mitten im Winter habe ich erfahren, daß es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt“ (Albert Camus). Dieses Zitat habe ich diese Woche zufällig in einem Buch aus dem Bücherschrank gefunden, das schon seit dem Winter in meinem Regal steht. Es paßt perfekt in diese Zeit. Lammas ist eins der Jahreskreisfeste, zu denen ich den direktesten und persönlichsten Bezug habe, auch deswegen, weil der Todestag eines Menschen, der mir sehr nahe stand, in diese Zeit fällt. Diese Woche jährt er sich zum zehnten Mal und wirft Fragen bezüglich der Wahrnehmung von Zeit, Zyklen und auch vom Opfer(n) auf.

Grundsätzlich mag ich den Begriff des Opfers nicht. Im naturspirituellen Kontext ist damit ja meist das Darbringen bestimmter Speisen, Getränke, anderer Substanzen oder Handlungen für das Göttliche gemeint. Für mich persönlich ist das Wort jedoch mit Gewalt und Traumatisierung verbunden und daher vermeide ich es in der Regel im spirituellen Kontext. Dieses Jahr jedoch fällt es mir schwer, weiterhin von Geschenken an das Göttliche zu sprechen, sowohl in Hinblick auf den oben erwähnten zehnten Todestag als auch im Zusammenhang mit bestimmten inneren Prozessen, die sich gerade in mir vollziehen. Mir wird klar, daß ich viele Dinge tatsächlich geopfert und nicht hergeschenkt habe und daß ich sie nach wie vor als Verlust empfinde, wenngleich manches über 20 Jahre zurückliegt. Darin regen sich Wut und Verlustgefühle und auch der bittere Wunsch nach Wiedergutmachung (die es nicht geben wird). In esoterischen Kreisen heißt es oft sehr verallgemeinernd und für Traumatisierte absolut unpassend: Du mußt Dir einfach selbst verzeihen und loslassen. Manchmal gibt es nichts zu verzeihen, schon gar nicht Tätern. Und ich glaube, loslassen kann für Traumatisierte ab einem bestimmten Punkt der Integration des Traumas in den Lebenskontext als Bedrohung und Vorstufe zum Zusammenbruch aufgefaßt werden. Ich betrachte die Traumata manchmal als Verletzungen, die einem noch wachsenden Baum zugefügt werden. Seine Rinde wird borkig und narbig, er wächst in eine andere Richtung, aber selbst die esoterisch-verklärteste Person würde dem Baum nicht raten, diese Verletzungen einfach loszulassen. Das ist Schwachsinn. Ich glaube lieber daran, daß es Hoffnung gibt, solange es Leben gibt. Daß da Sommer ist, auch wenn viele Teile der Existenz im Winter liegen.

Überhaupt, Trauma und der innere Sommer – das ist so ein schönes Bild. Ich empfinde mein Innenleben als reich, aber durch die komplexen Traumatisierungen dringt von diesem Sommer nicht viel (oder ehrlich gesagt: meist gar nichts) nach außen. Das Trauma hat die Fähigkeiten, Freundschaften aufzubauen und zu erhalten, Vertrauen zu haben und sich hinzugeben, als Opfer gefordert. Dieser Ast wurde gekappt. Die Frage ist eigentlich nur, ob ich Techniken erlernen kann, die mir helfen, in der Welt, die nach den traumatisierenden Erfahrungen ein fremder, gefährlicher Ort geworden ist, neu auszutreiben. Mich zu öffnen. Die ehrliche Antwort ist im Moment: nein. Ich bin glücklicher allein.

Jetzt gerade, wo das Korn eingefahren wird, betrauere ich all die Opfer in meinem Leben. All die Dinge, die mir genommen wurden. Ich fange aber auch an, zu begreifen, daß diese Dinge ganz unabhängig von mir selbst passiert sind. Mir wurden Opfer abverlangt, und es hatte nichts damit zu tun, daß ich nicht gut oder „lieb“ genug gewesen wäre. Manchmal passieren guten Leute schlimme Dinge. It’s that simple.

Wenn ich in dieser Zeit zum Foragen gehe, bin ich mir dieses Bildes vom Opfer(n) immer bewußt. Ich denke dann an Susun Weed, die einmal von der Erde schrieb: „Now you eat me…soon I’ll eat you“. Jetzt ißt Du mich, bald esse ich Dich. Es geht dann wohl doch ums Festhalten und Loslassen. Um das Bewußtsein von der eigenen Sterblichkeit und von der Notwendigkeit, ständig anderes Leben zu opfern, um selbst zu leben. Die Fülle jetzt enthält schon das Versprechen auf den Mangel. Die Lammassonne läßt mich an den Imbolcschnee denken. Foragen ist wahrscheinlich der Versuch, das Versprechen der Wiederkehr festzuhalten.

Opfer und Trauer, Ernte und Fülle, Sonne und Wolken, äußerer Sommer und innerer Winter – das sind gerade meine Themen zu Lammas.

Liam, 30.07.2015, 12:22 | Abgelegt unter: Foraging,PTBS,Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

Männerspiritualität – was mir fehlt

Wie ich schon schrieb, habe ich mich lange und intensiv mit gynozentrisch-feministisch ausgerichteter Spiritualität befaßt. In diesem Bereich gibt es inzwischen unzählige Publikationen: Bücher, Blogs, aber auch Orakelsets und allerlei mehr. Im Bereich männlicher Spiritualität ist es damit nicht so weit her. Zwar gibt es glücklicherweise Autoren, die darüber schreiben, aber verglichen mit der Menge auf weibliche Spiritualität ausgerichtete Werke, sind das (noch) nicht so viele. Immer wieder merke ich, daß mir bestimmte Dinge in Hinblick auf männliche Spiritualität fehlen, und ich möchte das hier mal festhalten, um sie nicht aus dem Fokus zu verlieren.

  • es gibt zahlreiche Kräuterbücher, die auf weibliche Themen ausgerichtet sind. So etwas würde ich mir auch für Männer wünschen.
  • ein Orakeldeck mit Göttern (und „Helden“). Ich muß fairerweise hinzufügen: eins, das mich anspricht^^
  • Publikationen über (Lebens)rituale für Männer
  • Online-Workshops
  • Bücher über männliche Symbolik
  • mehr Bücher mit Anregungen für spirituelles Schaffen (Feuer machen, wilde Nahrung finden, magische Gegenstände herstellen etc.)
  • Männerspiri-Kalender
  • Blankobücher zur Benutzung als magisches Tagebuch mit männlichen Motiven
  • Bücher über den männlichen Zyklus bzw. männliche (Lebens-/Tages-/whatever-) Rhythmen

Spannend ist für mich die Frage, warum es nur so wenig, auch so wenig Produkte, zu männlicher Spiritualität gibt. Leben Männer ihre Spiritualität anders als Frauen? Introvertierter, versteckter?  Ich habe oft den Eindruck, daß Männer sich für ihre spirituelle Sehnsucht durchaus schämen, vielleicht weil sie sie für sentimental und zu subjektiv halten oder weil sie damit in Bereiche vorzudringen fürchten, die ihnen bereits in der Kindheit als suspekt und nicht männlich verkauft wurden. Mir erscheint der „männliche Geist“ als einer, der auf Objektivität, Distanzierung und Leistung gedrillt wurde – da bleibt für sensitives spirituelles Erleben nur wenig Platz.

Oder ist männliche Spiritualität gar nicht so verborgen, sondern sehr gegenwärtig? Mein Partner behauptet z.B. immer, daß es Teil der männlichen Spiritualität sei, in den Baumarkt zu gehen oder auf einvernehmliche Weise bei einem Glas Bier ein Gespräch nicht zu führen. Es scheint in unserer Kultur bestimmte Nischen zu geben, die vorrangig von Männern besetzt sind, die darin ihre Spiritualität ausleben, ohne das so zu nennen, ja womöglich ohne sich dessen überhaupt bewußt zu sein. In Dingen wie Grillevents, Angeln, Fußballturnieren und dem Interesse an Survival-Abenteuern in der Natur erkenne ich durchaus männliche Spiritualität bzw. die Sehnsucht nach ihr. Aber da diese Räume, diese Möglichkeiten etabliert existieren, werden sie vielleicht weniger wahrgenommen und noch seltener reflektiert.

Liam, 15.01.2015, 18:09 | Abgelegt unter: Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

Standortbestimmung: Spiritualität

Ich finde es nicht leicht, über meine Spiritualität zu schreiben. Obwohl ich mich für einen sehr spirituellen und bewußten Menschen halte, mangelt es mir seit einiger Zeit an Praxis. Ich habe mich ausprobiert und im vergangenen Jahrzehnt herausgefunden, welche Dinge für mich funktionieren, wo meine Stärken und Schwächen liegen und was mich im rituellen Kontext anspricht (und was nicht). Ich hatte meine Nische gefunden. Jedenfalls dachte ich das, denn im Inneren spürte ich Unzufriedenheit und die Gewißheit, bestimmte Inhalte nicht mit Leben füllen zu können. Ich habe mich lange mit gynozentrisch-feministischer Spiritualität befaßt, weil sie mir zu meiner damaligen Lebenssituation zu passen schien und außerdem „verfügbar“ war. Will sagen: ich habe recht viele Leute gekannt, die in ihr zuhause waren, und hatte einfachen Zugriff auf entsprechende Quellen und Medien. Trotzdem blieb das Bild der Großen Göttin, der Urmutter für mich seltsam konturlos. Ich fand sie nicht in meinem Leben und schon gar nicht in mir selbst. Gleichzeitig hatte ich jedoch auch Probleme damit, mich mit ihren männlichen Begleitern zu identifizieren. Archetypen wie der Jäger oder der Königshirsch erscheinen mir nach wie vor fremd.

Dazu kam, daß viele ritualmagische Praktiken wie das Ziehen eines Kreises, das Anrufen der Winde (Windrichtungen) u.a. sich für mich meist unnötig anfühlen bzw. in den Ritualen, die andere leiteten und denen ich beiwohnen durfte, einen für meinen Geschmack viel zu großen Raum einnahmen, wohingegen das eigentliche rituelle Geschehen relativ knapp kam. Wenn ich eines Schutzkreises (oder korrekter: einer Schutzsphäre) bedarf, dann visualisiere ich sie bzw. bitte um sie und fertig. Das dauert keine zwei Sekunden und funktioniert für mich. Dabei bleibt natürlich gerade das auf der Strecke, was die Seele anspricht: das Kerzenlicht, der Duft von Räucherwerk, das Hantieren mit symbolträchtigen magischen Utensilien (wobei ich der Symbolik von Kelch und Dolch auch noch nie etwas abgewinnen konnte). Einen Mittelweg habe ich für mich (noch) nicht gefunden. Ich brauche diese ganzen äußeren Zeichen nicht mehr. Die Magie der hohlen Hand steht mir nah – sie ist ja auch so praktisch, weil immer verfügbar. Gleichzeitig fehlt es mir an einer gewissen Feierlichkeit. Wahrscheinlich ist das genau dasselbe wie mit meiner Wohnung: sie zu dekorieren, liegt mir nicht, und ich finde es super, wenn ich sie ohne großen Aufwand sauberhalten kann, doch gleichzeitig kommt sie mir manchmal etwas kahl und im weiteren Sinne lieblos vor.

In den letzten drei Jahren habe ich mich intensiv mit Yoga und Zen befaßt, zwei Dingen, die sich meines Empfindens sehr nah sind. Am Yoga wie am Zen schätze ich, daß sie mit so wenig Equipment auskommen: ein Schaffell und ein Sitzkissen, fertig. Ich bin immer ziemlich überrascht davon, wie viele Yoga-Accessoires inzwischen feilgeboten werden… Jedenfalls habe ich im Zuge der Minimierung auf das Wesentliche durch den entsprechenden Fokus auf mich bzw. meinem Atem und das Einfach-Sein den Wunsch entwickelt, ohne schweres Gepäck durch mein Leben zu gehen. Es ist in jeder Hinsicht leichter, nicht so viel mit sich herumzuschleppen, seien es nun materielle Besitztümer, beziehungsmäßige Verwicklungen oder Erwartungen an sich selbst und an andere. Ich habe sehr viel Besitz abgegeben und die meisten meiner Beziehungen gelöst. Dabei durfte ich zwei essentielle Erfahrungen machen: erstens wird das Weggeben leichter, je mehr man losläßt, und zweitens ist der Raum, der entsteht, ist die Leere für mich verlockender als die Fülle, weil sie mehr Möglichkeiten bietet. Ich muß diese Möglichkeiten nicht ausschöpfen, es genügt mir, daß sie vorhanden sind. So verhält es sich wohl mit meinen recht kahlen Wänden in meinem Haus: die nackte Wand enthält tausende von Möglichkeiten, ein Bild ist immer nur eine einzige Tatsache.

Es war dann wohl folgerichtig, daß ich auch den Großteil meiner im Laufe der Jahre gesammelten spirituellen Sachen weggegeben habe, angefangen von (selbstgearbeiteten) Götterskulpturen über Räucherkram bis hin zu Altardekorationen und Fundstücken aus der Natur. Überhaupt habe ich rückblickend das Gefühl, daß die Magie bei selbstgemachten Ritualgegenständen sich für mich beim Erschaffen entfaltet, nicht beim Besitzen. Wenn ich kreativ und im „Flow“ bin, dann fällt es mir sehr leicht, die kreative, also erschaffende göttliche Kraft zu erspüren. Wenn ich Dinge lediglich verwalte, geht diese Macht nach und nach verloren, bis es irgendwann mehr Kraft kostet, diese Sachen aufrechtzuerhalten, als daß sie mir schenken.

Vielleicht liegt hierin ein möglicher Ansatzpunkt für mich auf meiner Suche nach einer authentischen männlichen Spiritualität: das erschaffende Prinzip, das nicht verweilt, das aber gerade in diesem ständigen Wandel von Erschaffung und Loslösung Vollendung findet. Diese Urkraft erspüre ich im Grünen Mann – eine Gestalt, die mich überdies schon viele Jahre lang fasziniert, wenngleich ich nie recht wußte, wie ich sie in mein Leben lassen kann, das ich stark an der Göttin zu orientieren versuchte.

Der Grüne Mann ist für mich Verkörperung der unbändigen schöpferischen Kraft. Er ist das Leben, das immer einen Weg findet. Ich empfinde seine Energie als ungebunden, wenngleich freiwillig verpflichtet, viril, authentisch und im besten Wortsinne eigenmächtig. In seiner Wildheit erlebe ich ihn nicht als rücksichtslos (obwohl er das sein kann), sondern vielmehr als Patron aller lebender Dinge.

Liam, 23.12.2014, 19:23 | Abgelegt unter: Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare
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