gruener-mann.de

Archiv: Dienstag, 23. Dezember 2014

Standortbestimmung: Spiritualität

Ich finde es nicht leicht, über meine Spiritualität zu schreiben. Obwohl ich mich für einen sehr spirituellen und bewußten Menschen halte, mangelt es mir seit einiger Zeit an Praxis. Ich habe mich ausprobiert und im vergangenen Jahrzehnt herausgefunden, welche Dinge für mich funktionieren, wo meine Stärken und Schwächen liegen und was mich im rituellen Kontext anspricht (und was nicht). Ich hatte meine Nische gefunden. Jedenfalls dachte ich das, denn im Inneren spürte ich Unzufriedenheit und die Gewißheit, bestimmte Inhalte nicht mit Leben füllen zu können. Ich habe mich lange mit gynozentrisch-feministischer Spiritualität befaßt, weil sie mir zu meiner damaligen Lebenssituation zu passen schien und außerdem „verfügbar“ war. Will sagen: ich habe recht viele Leute gekannt, die in ihr zuhause waren, und hatte einfachen Zugriff auf entsprechende Quellen und Medien. Trotzdem blieb das Bild der Großen Göttin, der Urmutter für mich seltsam konturlos. Ich fand sie nicht in meinem Leben und schon gar nicht in mir selbst. Gleichzeitig hatte ich jedoch auch Probleme damit, mich mit ihren männlichen Begleitern zu identifizieren. Archetypen wie der Jäger oder der Königshirsch erscheinen mir nach wie vor fremd.

Dazu kam, daß viele ritualmagische Praktiken wie das Ziehen eines Kreises, das Anrufen der Winde (Windrichtungen) u.a. sich für mich meist unnötig anfühlen bzw. in den Ritualen, die andere leiteten und denen ich beiwohnen durfte, einen für meinen Geschmack viel zu großen Raum einnahmen, wohingegen das eigentliche rituelle Geschehen relativ knapp kam. Wenn ich eines Schutzkreises (oder korrekter: einer Schutzsphäre) bedarf, dann visualisiere ich sie bzw. bitte um sie und fertig. Das dauert keine zwei Sekunden und funktioniert für mich. Dabei bleibt natürlich gerade das auf der Strecke, was die Seele anspricht: das Kerzenlicht, der Duft von Räucherwerk, das Hantieren mit symbolträchtigen magischen Utensilien (wobei ich der Symbolik von Kelch und Dolch auch noch nie etwas abgewinnen konnte). Einen Mittelweg habe ich für mich (noch) nicht gefunden. Ich brauche diese ganzen äußeren Zeichen nicht mehr. Die Magie der hohlen Hand steht mir nah – sie ist ja auch so praktisch, weil immer verfügbar. Gleichzeitig fehlt es mir an einer gewissen Feierlichkeit. Wahrscheinlich ist das genau dasselbe wie mit meiner Wohnung: sie zu dekorieren, liegt mir nicht, und ich finde es super, wenn ich sie ohne großen Aufwand sauberhalten kann, doch gleichzeitig kommt sie mir manchmal etwas kahl und im weiteren Sinne lieblos vor.

In den letzten drei Jahren habe ich mich intensiv mit Yoga und Zen befaßt, zwei Dingen, die sich meines Empfindens sehr nah sind. Am Yoga wie am Zen schätze ich, daß sie mit so wenig Equipment auskommen: ein Schaffell und ein Sitzkissen, fertig. Ich bin immer ziemlich überrascht davon, wie viele Yoga-Accessoires inzwischen feilgeboten werden… Jedenfalls habe ich im Zuge der Minimierung auf das Wesentliche durch den entsprechenden Fokus auf mich bzw. meinem Atem und das Einfach-Sein den Wunsch entwickelt, ohne schweres Gepäck durch mein Leben zu gehen. Es ist in jeder Hinsicht leichter, nicht so viel mit sich herumzuschleppen, seien es nun materielle Besitztümer, beziehungsmäßige Verwicklungen oder Erwartungen an sich selbst und an andere. Ich habe sehr viel Besitz abgegeben und die meisten meiner Beziehungen gelöst. Dabei durfte ich zwei essentielle Erfahrungen machen: erstens wird das Weggeben leichter, je mehr man losläßt, und zweitens ist der Raum, der entsteht, ist die Leere für mich verlockender als die Fülle, weil sie mehr Möglichkeiten bietet. Ich muß diese Möglichkeiten nicht ausschöpfen, es genügt mir, daß sie vorhanden sind. So verhält es sich wohl mit meinen recht kahlen Wänden in meinem Haus: die nackte Wand enthält tausende von Möglichkeiten, ein Bild ist immer nur eine einzige Tatsache.

Es war dann wohl folgerichtig, daß ich auch den Großteil meiner im Laufe der Jahre gesammelten spirituellen Sachen weggegeben habe, angefangen von (selbstgearbeiteten) Götterskulpturen über Räucherkram bis hin zu Altardekorationen und Fundstücken aus der Natur. Überhaupt habe ich rückblickend das Gefühl, daß die Magie bei selbstgemachten Ritualgegenständen sich für mich beim Erschaffen entfaltet, nicht beim Besitzen. Wenn ich kreativ und im „Flow“ bin, dann fällt es mir sehr leicht, die kreative, also erschaffende göttliche Kraft zu erspüren. Wenn ich Dinge lediglich verwalte, geht diese Macht nach und nach verloren, bis es irgendwann mehr Kraft kostet, diese Sachen aufrechtzuerhalten, als daß sie mir schenken.

Vielleicht liegt hierin ein möglicher Ansatzpunkt für mich auf meiner Suche nach einer authentischen männlichen Spiritualität: das erschaffende Prinzip, das nicht verweilt, das aber gerade in diesem ständigen Wandel von Erschaffung und Loslösung Vollendung findet. Diese Urkraft erspüre ich im Grünen Mann – eine Gestalt, die mich überdies schon viele Jahre lang fasziniert, wenngleich ich nie recht wußte, wie ich sie in mein Leben lassen kann, das ich stark an der Göttin zu orientieren versuchte.

Der Grüne Mann ist für mich Verkörperung der unbändigen schöpferischen Kraft. Er ist das Leben, das immer einen Weg findet. Ich empfinde seine Energie als ungebunden, wenngleich freiwillig verpflichtet, viril, authentisch und im besten Wortsinne eigenmächtig. In seiner Wildheit erlebe ich ihn nicht als rücksichtslos (obwohl er das sein kann), sondern vielmehr als Patron aller lebender Dinge.

Liam, 23.12.2014, 19:23 | Abgelegt unter: Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare
gruener-mann.de läuft unter Wordpress 4.8.2
Anpassung und Design: Weazel