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Archiv: Donnerstag, 9. Juli 2015

Der Garten am 9.7.2015/Garten und Trauma

Diese Woche mußte ich leider meine beiden großen, blühenden Salatpflanzen aus dem Kasten reißen, denn sie nahmen zum Teil dem wachsenden Blumenkohl den Platz weg und wurde zum anderen Teil vom starken Wind umgeknickt. Demnach werde ich leider keine Salatsamen ernten können, aber immerhin weiß ich jetzt, wie er blüht (nämlich klein und gelb).

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In dem Beet haben nun Blumenkohl und Mangold das Sagen, doch angeregt durch die Lektüre von Alys Fowlers Buch überlege ich gerade, zu deren Füßen etwas anzupflanzen, das den Boden bedeckt. Mal sehen.

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Die Habanero-Chilis werden größer ♥

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Und genau das tun auch die Tomaten. Da ich die beiden Pflanzen optismistisch wie ich war in einen Kübel gesetzt und dann versäumt habe, frühzeitig auszugeizen, bilden sie einen ziemlichen Busch und ich muß ständig kontrollieren, ob die Früchte genug Platz zum wachsen haben. Habe aber in einem Tutorial gehört, daß man keinesfalls Blätter entfernt, also abwarten und Tee trinken 🙂

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Der Grünkohl wächst sehr schnell. Alys Fowler empfiehlt, ihn wie Salat von außen nach innen zu ernten, damit man länger was von ihm hat, aber ich denke, ich gebe ihm erst noch ein paar Wochen, bevor ich ihn koste.

In ihrem Buch, das ich übrigens ganz fabelhaft finde, hat mich ein kurzer Abschnitt bis ins Mark getroffen. Darin schreibt sie sinngemäß, daß man, da die meisten Pflanzen ja ohnehin nur eine Saison lang leben, im folgenden Jahr Fehler, die man gemacht hat, nicht wiederholen muß, sondern etwas Neues ausprobieren kann, selbst wenn man auf diesem Erkenntnisweg nun ein paar Pflanzen verloren hat, ob nun an Schädlinge oder andere Widrigkeiten. Mir ist bei der Lektüre dieses Abschnitts bewußt geworden, daß ich das bei weitem nicht so locker sehen kann. Natürlich, das Gartenprojekt sollte eigentlich ein entspannendes Fun-Projekt sein, bei dem hin und wieder etwas Eßbares abfällt. Mein Ziel war, ein paar Pflanzen besser kennenzulernen, und gemäß Hugh Fearnley-Whittingstall wenigstens einen kleinen Bruchteil dessen, was ich zum Leben brauche, selbst anzubauen. Gehofft hatte ich, daß das eine befriedigende Freizeitbeschäftigung wird, der ich auch mit meinen eingeschränkten Mitteln nachgehen kann. Tatsächlich hat mein kleiner Kübel-Garten schon eine Menge abgeworfen: wir hatten mehrere Male Mahlzeiten mit Kohlrabi, unzählige Salate und warme Speisen mit Salat, wir konnten jede Menge Kräuter ernten und wenn auch nur 60% der Tomaten reifen, ist das mehr als reichlich.

Aber dennoch quälen mich ständig Gedanken, deren Wurzeln in den Traumatisierungen liegen, die ich erlitten habe. Ich habe die Befürchtung, daß meine Pflanzen mich hassen, daß ich mich nicht anständig um sie kümmere, sei es nun aus Unwissenheit oder weil ich sie an Schädlinge verloren habe wie die beiden Kapuzinerkressen. Ich fühle mich gerade angesichts von Schädlingen macht- und hilflos, zupfe dann jedes einzelne Schmetterlingsei und jede einzelne Blattlaus von meinen Pflanzen, im Bemühen, sie zu hegen und zu pflegen. Ich fühle mich grundsätzlich stark besorgt in Hinblick auf meinen Garten, denn ich habe nicht alles unter Kontrolle, was in ihm passiert – und die Kontrolle zu haben (zumindest scheinbar, denn wie wir alle wissen, ist absolute Kontrolle eine Illusion), ist für mich essentiell wichtig, weil mir das das Gefühl vermittelt, daß ich zumindest irgendwo in dieser Welt einen „sicheren“ Platz habe. Traumatisierungen crashen ja meist absolut unkontrolliert in das Leben hinein und alles, was dann ungeplant und spontan passiert, ohne daß man Einfluß darauf nehmen kann, ist für viele Menschen mit komplexer posttraumatischer Belastungsstörung (kPTBS) schwer zu ertragen. Manchmal habe ich den Gedanken, daß es einfacher wäre, wenn ich alle Pflanzen herausreißen würde – das wäre dann eine kontrollierte Zerstörung und nicht dieser Kampf mit inneren Zweifeln und äußeren Umständen. One part of PTSD is fucking things up regularly.

Ein weiterer belastender Aspekt ist die ständig im Hinterkopf existierende Frage, wie der Garten von anderen wahrgenommen und bewertet wird. Manchmal ist es so schlimm, daß ich mich nicht vor die Tür traue, um die Pflanzen zu wässern. Es ist mit äußerster Willensanstrengung verbunden, mich dazu zu überwinden und mich auf den Garten und nicht „die Leute“ (wer immer das sein mag) zu fokussieren. Dabei kann ich noch nicht einmal erklären, was genau mich so streßt, denn eigentlich wäre es doch schön, von anderen Gärtnern noch etwas dazuzulernen und Tips zu bekommen oder andere Greenhorns zu inspirieren, selbst etwas anzubauen.

Ich will damit sagen, daß mein Garten für mich weit mehr als ein nur ein paar eßbare Pflanzen ist. Ich habe es nicht erwartet, aber er bringt meine kPTBS ziemlich auf den Punkt.

Liam, 09.07.2015, 22:13 | Abgelegt unter: Der Garten,Fruit & Root | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare
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