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Archiv: Samstag, 18. Juli 2015

MännerRäume

Eine diskussionsreiche Woche liegt hinter mir. In einer gemischten Gruppe kam seitens einiger Männer der Wunsch auf, sich einen Raum nur für uns erschaffen zu dürfen, in dem wir unter uns sind. Wir alle hatten das Gefühl, daß es in so einem Raum möglicherweise leichter wäre, uns auszutauschen, gerade über die Dinge, die wir als kompliziert erleben: Beziehungen, den Umgang mit psychischen Problemen, das männliche Selbstbild vs. das Bild vom Mann in unserer Gesellschaft, Patriarchatskritik, männliche Spiritualität, Initiation, das eigene Verhältnis zum Vater und anderes mehr.

Nachdem wir dieses Bedürfnis formuliert haben, haben wir sehr gemischte Reaktionen seitens der beteiligten Frauen erhalten. Die einen haben uns ringoros unterstützt, sich sogar für uns gereut, da es nämlich bereits zwei reine FrauenRäume gibt, die auch genutzt werden. Die anderen haben uns mit Vorwürfen überschüttet, die allesamt emotionale Wurzeln hatten. Beispielsweise wurde gesagt, wir hätten alle einen Ödipuskomplex, würden Frauen für „zu dumm“ zum Diskutieren halten, würden einen Keil in die Gemeinschaft treiben und so weiter.

Obwohl mich diese irrationalen Vorwürfe stark verletzt haben, habe ich mich viele Tage lang bemüht, weiterhin offen und verständnisvoll zu argumentieren. Ich habe mir die Bedenken hinsichtlich einer reinen Männergruppe angehört und versucht, zu begreifen, warum eine reine Frauengruppe ok ist, eine reine Männergruppe jedoch nicht. Heute ist mir dann nach mehreren Tagen immer erhitzterer Diskussion der Kragen geplatzt, nämlich als deutlich wurde, daß die lauteste Gegnerin dieser Männergruppe einfach nur provozieren will. Ich fühle mich nicht besonders gut damit, am Ende doch emotional geworden zu sein, kann aber nachvollziehen, warum ich Klartext gesprochen habe. Es macht mit wütend, wenn es keine echten Argumente gibt, sondern nur dumme Stereotypen heruntergeleiert werden. Und es macht mich mehr als wütend, wenn es als wichtig und richtig betrachtet wird, daß Frauen Räume haben, wo sie sich untereinander austauschen können (was natürlich richtig und wichtig ist!), während Männer dieses Recht abgesprochen werden soll. Als mir dann sowohl Männer als auch Frauen beisprangen, hat mich das ehrlich gesagt erleichtert, denn ich kam mir schon wie ein Troll vor.

Im Moment denke ich, angeregt von dieser unsäglichen Debatte, darüber nach, wo es in meinem Leben MännerRäume gibt und was sie von FrauenRäumen unterscheidet. Der eklatanteste Unterschied besteht meiner Meinung nach in der schieren Existenz des Bewußtseins dafür, wie wichtig FrauenRäume sind, wohingegen MännerRäume in der Regel nicht mal als Möglichkeit in Betracht gezogen oder sogar marginalisiert werden („beim Fußball kannst Du Dich ja austoben“ und dgl. mehr).

Ich empfinde eine tiefe Sehnsucht nach einem geschützten Raum, wo Männer zusammenkommen und sich austauschen. In der o.g. Gruppe haben wir uns diesen Raum nun erstritten (ja, so fühlt sich das leider tatsächlich an), und im Moment klingt der Streit in diesem leeren Raum noch nach. Keiner traut sich recht, alle sind ängstlich und wissen nicht, wo beginnen. Das finde ich unfaßbar schade. Jedenfalls überlege ich, wo in meinem Leben ich sonst noch einen MännerRaum erfahre bzw. wo ich ihn vielleicht etablieren könnte.

Liam, 18.07.2015, 23:34 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare
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