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Archiv: Donnerstag, 30. Juli 2015

Lammas / Foraging

Heute Nachmittag waren mein Mann, unser Sohn und ich hinter unserem Dorf in den Feldern foragen.

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Ich hatte im letzten Jahr einen Spot gefunden, an dem damals vielleicht fünf Stengel Minze aus dem Boden lugten, und ich hatte die Hoffnung, daß sie sich vielleicht vermehrt hätte.

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Hatte sie 🙂 Allerdings ist sie wohl erst kürzlich gemäht worden. Ich habe zwei Hände voller Blätter geerntet, vor allem aber zwei Wurzeln ausgegraben, die ich daheim in einen Topf gesetzt habe. So viril, wie Minze ist, müßte sie eigentlich austreiben. Und dann habe immer genug von dieser tollen Minze daheim.

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Etwas weiter den Weg runter haben wir Schafgarbe gefunden.

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Mein Sohn hat einen Strauß davon gepflückt und war ganz stolz darauf 🙂 Schafgarbe und Minze sind gerade im Dörrautomaten, damit sie uns im Winter leckeren Tee liefern.

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Noch etwas weiter gab es dann Johanniskraut bzw. eine Johanniskrautunterart, die bei uns in der Gegend wächst. Hatte kurz mit dem Gedanken gespielt, mit den Blüten ein Öl anzusetzen, das man z.B. bei kleinen Verletzungen verwenden kann, aber am Ende habe ich das Kraut doch einfach gebündelt und zum Trocknen aufgehängt, um es später in meinen Kräuterbuschen einzuarbeiten.

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Auf dem Rückweg habe ich dann Berberitzen gefunden. Noch sind sie nicht reif, aber ich freue mich schon jetzt auf die sauren Früchtchen 🙂

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Ich denke immer wieder, in was für einer schönen Region ich hier lebe. Aber dennoch zieht es mich Jahr für Jahr stärker in den Norden, auf die britischen Inseln…

Liam, 30.07.2015, 18:32 | Abgelegt unter: Foraging,Fruit & Root | RSS 2.0 | TB | 2 Kommentare

Lammas / Das Opfer

„Mitten im Winter habe ich erfahren, daß es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt“ (Albert Camus). Dieses Zitat habe ich diese Woche zufällig in einem Buch aus dem Bücherschrank gefunden, das schon seit dem Winter in meinem Regal steht. Es paßt perfekt in diese Zeit. Lammas ist eins der Jahreskreisfeste, zu denen ich den direktesten und persönlichsten Bezug habe, auch deswegen, weil der Todestag eines Menschen, der mir sehr nahe stand, in diese Zeit fällt. Diese Woche jährt er sich zum zehnten Mal und wirft Fragen bezüglich der Wahrnehmung von Zeit, Zyklen und auch vom Opfer(n) auf.

Grundsätzlich mag ich den Begriff des Opfers nicht. Im naturspirituellen Kontext ist damit ja meist das Darbringen bestimmter Speisen, Getränke, anderer Substanzen oder Handlungen für das Göttliche gemeint. Für mich persönlich ist das Wort jedoch mit Gewalt und Traumatisierung verbunden und daher vermeide ich es in der Regel im spirituellen Kontext. Dieses Jahr jedoch fällt es mir schwer, weiterhin von Geschenken an das Göttliche zu sprechen, sowohl in Hinblick auf den oben erwähnten zehnten Todestag als auch im Zusammenhang mit bestimmten inneren Prozessen, die sich gerade in mir vollziehen. Mir wird klar, daß ich viele Dinge tatsächlich geopfert und nicht hergeschenkt habe und daß ich sie nach wie vor als Verlust empfinde, wenngleich manches über 20 Jahre zurückliegt. Darin regen sich Wut und Verlustgefühle und auch der bittere Wunsch nach Wiedergutmachung (die es nicht geben wird). In esoterischen Kreisen heißt es oft sehr verallgemeinernd und für Traumatisierte absolut unpassend: Du mußt Dir einfach selbst verzeihen und loslassen. Manchmal gibt es nichts zu verzeihen, schon gar nicht Tätern. Und ich glaube, loslassen kann für Traumatisierte ab einem bestimmten Punkt der Integration des Traumas in den Lebenskontext als Bedrohung und Vorstufe zum Zusammenbruch aufgefaßt werden. Ich betrachte die Traumata manchmal als Verletzungen, die einem noch wachsenden Baum zugefügt werden. Seine Rinde wird borkig und narbig, er wächst in eine andere Richtung, aber selbst die esoterisch-verklärteste Person würde dem Baum nicht raten, diese Verletzungen einfach loszulassen. Das ist Schwachsinn. Ich glaube lieber daran, daß es Hoffnung gibt, solange es Leben gibt. Daß da Sommer ist, auch wenn viele Teile der Existenz im Winter liegen.

Überhaupt, Trauma und der innere Sommer – das ist so ein schönes Bild. Ich empfinde mein Innenleben als reich, aber durch die komplexen Traumatisierungen dringt von diesem Sommer nicht viel (oder ehrlich gesagt: meist gar nichts) nach außen. Das Trauma hat die Fähigkeiten, Freundschaften aufzubauen und zu erhalten, Vertrauen zu haben und sich hinzugeben, als Opfer gefordert. Dieser Ast wurde gekappt. Die Frage ist eigentlich nur, ob ich Techniken erlernen kann, die mir helfen, in der Welt, die nach den traumatisierenden Erfahrungen ein fremder, gefährlicher Ort geworden ist, neu auszutreiben. Mich zu öffnen. Die ehrliche Antwort ist im Moment: nein. Ich bin glücklicher allein.

Jetzt gerade, wo das Korn eingefahren wird, betrauere ich all die Opfer in meinem Leben. All die Dinge, die mir genommen wurden. Ich fange aber auch an, zu begreifen, daß diese Dinge ganz unabhängig von mir selbst passiert sind. Mir wurden Opfer abverlangt, und es hatte nichts damit zu tun, daß ich nicht gut oder „lieb“ genug gewesen wäre. Manchmal passieren guten Leute schlimme Dinge. It’s that simple.

Wenn ich in dieser Zeit zum Foragen gehe, bin ich mir dieses Bildes vom Opfer(n) immer bewußt. Ich denke dann an Susun Weed, die einmal von der Erde schrieb: „Now you eat me…soon I’ll eat you“. Jetzt ißt Du mich, bald esse ich Dich. Es geht dann wohl doch ums Festhalten und Loslassen. Um das Bewußtsein von der eigenen Sterblichkeit und von der Notwendigkeit, ständig anderes Leben zu opfern, um selbst zu leben. Die Fülle jetzt enthält schon das Versprechen auf den Mangel. Die Lammassonne läßt mich an den Imbolcschnee denken. Foragen ist wahrscheinlich der Versuch, das Versprechen der Wiederkehr festzuhalten.

Opfer und Trauer, Ernte und Fülle, Sonne und Wolken, äußerer Sommer und innerer Winter – das sind gerade meine Themen zu Lammas.

Liam, 30.07.2015, 12:22 | Abgelegt unter: Foraging,PTBS,Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare
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