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Archiv: Freitag, 7. August 2015

Traumatisierungen fressen Seele

Ich hatte diese Woche eine Begegnung, die mich ziemlich stark verwirrt hat. Zum einen war es für mich absolut ungewöhnlich, daß ich überhaupt einen Menschen an mich herangelassen habe. Wir hatten lange, intensive Gespräche, die mich nicht angestrengt oder ermüdet haben – das ist sonst selten bis nie der Fall. Zum anderen habe ich mich getraut, diesen Menschen dann auch noch zu treffen. Persönlichen Treffen gehe ich ansonsten aus dem Weg. Und zuletzt mußte ich feststellen, daß es äußerst kompliziert ist, bestimmte Dinge zu erklären, ohne konkret zu werden. Und wenn ich konkret geworden wäre, hätte ich mich wie ein Freak gefühlt. Unterm Strich würde ich sagen, daß alle diese Wahrnehmungen mit den Traumatisierungen zu tun haben.

Traumata verändern die Hirnstruktur. Sie beeinflussen, welche „Wege“/Synapsen oft benutzt werden und welche verkümmern. Traumatische Ereignisse bleiben bei Menschen mit PTBS im „Alarmgedächtnis“, den sog. Amygdalae, gespeichert und werden nicht in das Langzeitgedächtnis überführt. Das hat zur Folge, daß Menschen mit PTBS bei Triggerreizen genauso reagieren, als würden sie sich noch immer mitten in der traumatisierenden Situation befinden (Flashbacks). Dadurch werden Situationen, die gar nichts mit den Traumatisierungen zu tun haben, als gefährlich und belastend bewertet. So reagieren beispielsweise viele Soldaten gestreßt auf Feuerwerk, weil der akustische Reiz sie an Gefechtssituationen erinnert. So ein Trigger kann im Grunde alles sein: Gerüche, Geräusche, Bilder, Gedanken, Worte etc. Das macht den Alltag unberechenbar, denn man weiß ja nie, wo so ein Trigger lauert. Man erwartet ständig eine Bedrohung der eigenen Sicherheit, des Körpers und der Seele.

Traumatisierungen lassen eigene Grenzen verschwimmen, bis zur Unkenntlichkeit. Eigene Grenzen kann ich nur wahren, wenn ich sie kenne und wahrnehme – ist das nicht der Fall, können sie schnell überrannt werden, weil ich mir der Grenzüberschreitungen im ersten Moment (der manchmal Jahre dauern kann) nicht bewußt bin.

Traumatisierungen machen es schwer, zu wissen, wer man ist, was man mag, was man will. Ich stelle an mir selbst fest, daß ich zu vielen Dingen einfach keine Meinung habe. Es kann schon unmöglich sein, mich für ein Eis oder ein Getränk zu entscheiden. Ungleich schwerer sind kompliziertere Entscheidungen mit weitreichenderen Folgen. Traumatisierung heißt auch: ich kenne mich nicht. Ich weiß nicht, was ich will. Oder wer ich bin. Oder wie ich bin.

Traumatisierung heißt für mich auch, ich kann nicht darüber reden. Mein Blog ist ein Versuch, es zu tun, aber ich kann immer nur allgemein bleiben. Andeuten. Verschleiern. Es klar auszusprechen, würde zuviel Kraft und Mut kosten. Es würde die Dinge zu wahr machen.

Weil ich traumatisiert bin, nehmen Menschen mich als Freak wahr. Als abwesend, desinteressiert, komisch, nicht sociable, anders, verstörend, seltsam, introvertiert, verstummt, scheu, ängstlich, dauergestreßt, besorgt, auf der Hut. Und noch anderes.

Das Traurige ist eigentlich, daß ich mir inzwischen gar kein nicht durch ein Trauma verkorkstes Leben mehr vorstellen kann. Das liegt außerhalb meiner imaginativen Fähigkeiten. Ich kenne es nicht. Es muß schön sein, nehme ich an, relativ unkompliziert und beschwerdefrei. Ich habe nicht einmal mehr Sehnsucht danach. Ich möchte bloß als der erkannt werden, der ich bin. Vielleicht gelingt das in der Begegnung, die ich oben angesprochen habe. Das würde ich mir sehr wünschen, aber ich wage nicht, darauf zu hoffen.

Cracked beyond repair.

Liam, 07.08.2015, 23:17 | Abgelegt unter: PTBS | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare
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