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Archiv: Mittwoch, 2. September 2015

PTBS in Filmen

Mir fällt in der letzten Zeit auf, daß Charaktere in Spielfilmen und/oder Serien immer öfter als an PTBS leidend dargestellt werden. Aktuelles Beispiel aus meinem DVD-Player ist die Serie „True Detective“, Staffel 1. Der von Matthew McConaughey dargestellte Polizist Rustin Cohle sagt in Episode 2 selbst von sich, daß er u.a. an posttraumatischer Belastungsstörung leide.

Ich nehme dieses vermehrte Auftauchen von PTBS in Filmen und Serien mit gemischten Gefühlen wahr (was irgendwie eine witzige Formulierung ist, weil ein Symptom meiner PTBS gerade ist, daß ich keinen Zugang zu meinen Gefühlen habe, haha!). Einerseits habe ich die Hoffnung, daß damit ein Bewußtwerdungsprozeß innerhalb der Gesellschaft unterstützt wird. Viele Menschen mit PTBS leiden unter sozialer Isolation und dem Gefühl, nicht verstanden zu werden und ich glaube, vielen wäre damit geholfen, wenn die breite Masse eine ungefähre Ahnung und dann vielleicht auch ein gewisses Verständnis für Traumatisierte hätte. Andererseits befürchte ich, daß PTBS durch die Charaktere, die vorgeblich an ihr leiden, als „cool“ betrachtet wird. Mir würde nicht ganz einleuchten, warum man PTBS für cool oder erstrebenswert halten sollte. PTBS zu haben, ist nicht cool oder interessant. Ich selbst tendiere dazu, sie als seelische Behinderung zu sehen (danke an B. für diese Sichtweise!).

Ich merke allerdings durchaus, daß ich als von PTBS Betroffener mich durchaus mit den Figuren, die als an PTBS leidend dargestellt werden, identifiziere, weil mir ihre Verhaltensweisen und ihre Art, die Welt/die Menschen/Handlungen zu bewerten, verständlicher ist als alles, was Figuren tun/sagen/denken, die als mehr oder weniger geistig/seelisch gesund dargestellt werden. Um mal ein Beispiel aus der Serie True Detective zu geben: als Rustin von seinem Kollegen Martin Hart gefragt wird, wie er das Abendessen fand, zu dem Harts Frau Rustin eingeladen hatte, antwortet dieser „es war nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte“. Mir war völlig klar, daß Rustin das als Kompliment meint, denn es ist die Art von Kompliment, die ich auch mache bzw. machen würde, wenn ich nicht gelernt hätte, daß nicht-traumatisierte Menschen sowas als sehr rüde auffassen. Die Figur Martin reagiert gekränkt und entsetzt – eine Reaktion, die ich nur deswegen objektiv (nicht jedoch emotional) nachvollziehen kann, weil ich durch Beobachtung gelernt habe, daß nicht-traumatisierte Leute eben so emotional reagieren: ihren fehlt das Verständnis dafür, daß soziale Interaktion für Traumatisierte erstmal eine Menge Streß bedeutet und daß man dann froh ist, wenn es nicht so stressig war wie befürchtet.

Ich frage mich immer, warum Drehbuchautoren und Regisseure Traumatisierte so erschreckend gut darstellen können…

Liam, 02.09.2015, 21:47 | Abgelegt unter: PTBS | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare
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