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Archiv: Dienstag, 8. September 2015

Dissoziation – Versuch einer Erklärung

Ich habe heute auf Hinterherleben einen Beitrag über das persönliche Empfinden dissoziativer Zustände gelesen. Dieser Artikel hier ist der Versuch, zu erklären, wie sich Dissoziation für mich anfühlt.

Zum ersten Mal habe ich dissoziiert, als ich ungefähr 14/15 war, zur Zeit, wo die ersten Traumatisierungen stattfanden. Ich habe das so empfunden, als würde ich aus mir heraustreten, mich irgendwie von mir selbst lösen oder in eine Art „Raumtasche“ gleiten. Diese „Raumtaschen“ sind ein Bild, das ich erst viele Jahre später fand, im Zuge von Erlebnissen mit Ketamin. Es fühlt sich an, als würde es auf einmal einen Schlitz in der Realität geben, welcher sich in eine Tasche öffnet. In diese Tasche kann man hineingleiten. Ist man darin, gelten die Regeln, die außerhalb dieser Tasche funktionieren, nicht mehr. Zeit und Raum funktionieren dadrin anders, Naturgesetzmäßigkeiten sind aufgehoben. In dieser Raumtasche kann sich alles auflösen, auch ich mich selbst, meine Psyche/Seele, selbst mein Körper. Dadrin ist alles fremd und komisch und weit weg. Beängstigend.

Normalerweise ist Dissoziation eine Fähigkeit, ein Skill. Der Körper schaltet auf disso um, weil er Dinge (Reize, Gedanken, …) nicht mehr erträgt. Eine Schutzfunktion. Merkwürdigerweise hat sich Dissoziation für mich nie nach Schutz angefühlt, sondern nur nach Irrewerden. Mit 14/15 habe ich versucht, über diesen Zustand zu reden. Ich habe gesagt „ich fühle mich so daneben, von mir selbst entfernt, als wenn nichts mehr real ist“. Das hat niemand verstanden. Der Psychiater/Neurologe, bei dem ich war, wußte damals nichts über PTBS und Dissoziation. Er riet mir in seiner Ahnungslosigkeit dazu, ab und zu mal eine Zigarette zu rauchen, und behandelte mich später auf Schizophrenie, obwohl ich keine habe. Das war nicht hilfreich, denn ich habe gelernt, wenn ich dissoziiere, bin ich gefährdet, von Menschen für irre gehalten und falsch/mißbräuchlich behandelt zu werden. Das hat natürlich nicht dazu geführt, daß ich nicht mehr dissoziiere, sondern dazu, daß ich einen extrem undurchdringlichen Panzer trage. Selbst meine Therapeutin kann nicht erkennen, was ich fühle, was in mir vorgeht oder ob ich dissoziiere. Wenn ich dissoziiere, übernimmt ein Persönlichkeitsanteil von mir, der extrem beherrscht ist. Er übernimmt die Führung, weil ich das nicht mehr kann. Er lächelt und kann alles managen, kann sogar mich managen, bis ich in Sicherheit (=allein!) bin und „durchdrehen“ oder „wegdriften“ kann.

Ich erlebe Dissoziation dreigeteilt. Erstens ist da die Depersonalisation. Das ist ein Gefühl, als wäre ich nicht mehr ich selbst. Das ist ein gefährlicher Zustand, denn nichts, was mir begegnet, erscheint real. In diesem Zustand gab es schon zu oft Regungen wie „ich könnte mich jetzt einfach aus dem Fenster werfen“ oder „ich könnte jetzt einfach vor den LKW laufen“, einfach weil es ja nicht real wäre. Ich spiele keine Computerspiele, aber ich nehme an, ungefähr so wäre das. Man glaubt, man kann machen, was man will, weil man dann einfach auf Reset drückt und alles ist wiederhergestellt – nur daß es das sicher nicht wäre. Wenn ich in depersonalisiertem Zustand an mir runtergucke, gehören meine Arme nicht zu mir. Meine Hände sind fremd, als wären sie auf einmal an mich drangenäht.  Zweitens ist da die Derealisation. Nichts ist mehr real. Ich erlebe alles wie auf Droge, wie in Watte gepackt. Alles ist weit weg. Ganz normale Dinge erscheinen monströs oder absurd. In diesem Zustand kann ich Angst vor allem Möglichen entwickeln, insbesondere vor anderen Menschen, weil sie unberechenbar sind und ich davon ausgehe, daß sie mir grundsätzlich übelgesonnen sind. Es gibt kein verläßliches Hier und Jetzt mehr, sondern nur dieses wie von außen wahrgenommene Geschehen, das nichts mit mir zu tun hat. In diesem Zustand ist Autofahren extrem gefährlich, weil ich es dann z.B. für unwahrscheinlich halte, daß ein Baum, auf den ich zufahre, tatsächlich zu einem Crash führen könnte. Drittens gibt es die allgemeine Dissoziation, die verschieden stark ausgeprägt sein kann. Manchmal passieren auch Dinge, bei denen ich mich frage, ob ich gerade dissoziiere (z.B. wenn ich Sachen nicht erwartet habe oder Lichtpunkte vor den Augen, wenn ich in die Sonne geschaut habe oder so).

Dissoziation läßt mich meist verzweifeln. Ich weiß eigentlich erst jetzt, was genau da passiert, und daß es normal ist, daß sich das abspielt, weil ich eben traumatisiert bin. In den letzten 22/23 Jahren hielt ich mich dabei immer nur für irre und verrückt und krank. Insofern machen mir dissoziative Zustände Angst. Ich habe aber noch nicht gefunden, was wirklich dagegen hilft. In der Therapie habe ich gelernt, daß alles hilfreich sein kann, das mich HIER und JETZT verankert, nur daß ich noch nichts gefunden habe, was das tut. Körperliche Reize (Düfte, Berührungen, Geräusche etc.) finde ich in dissoziativem Zustand eher unangenehm. Essen hilft manchmal und hilft noch am besten. Schmerz hilft manchmal auch. Wenn ich dissoziiere, möchte ich allein sein, am liebsten bei Nacht und wenn alles still ist. Ich finde Menschen ohnehin schon so verwirrend, und wenn ich dissoziiere, verwirren und ängstigen sie mich noch mehr. Insgesamt führt die Dissoziation also dazu, daß ich mich isoliere, mehr noch als ich das ohnehin schon tue, weil ich PTBS habe. Ich ertrage keine Berührungen, will nicht reden, nicht zuhören, nicht reagieren müssen.

In dissoziativen Zuständen bin ich mir selbst gegenüber noch emotionsloser gnadenloser als ich das ohnehin schon bin. Ich möchte das nicht ausführen, aber es hat mit selbstverletzendem und selbstverachtendem Verhalten zu tun.

Manchmal fühlt sich dissoziieren an, als würde ich mich auflösen. Ungefähr wie sich eine Tablette in Wasser auflöst. Stücke fliegen vom Rand weg, werden absorbiert, weitere Stücke folgen, am Ende ist man einfach weg. In diesem Zustand nehme ich mich als so eine Art Augen im Nirgendwo wahr. Ich sehe ja noch, aber der Rest gehört nicht zu mir dazu.

Wenn ich dissoziiere, kann ich mich nicht mehr konzentrieren. Alles ist zuviel. Ich erstarre, mein Körper erstarrt. Manchmal bin ich wie gelähmt und kann mich nicht mehr bewegen.

Während ich das hier schreibe, dissoziiere ich ebenfalls stark. War vielleicht blöd, diesen Artikel in einer akuten Phase zu schreiben.

Liam, 08.09.2015, 12:32 | Abgelegt unter: PTBS | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare
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