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Archiv: Freitag, 15. Januar 2016

PTBS und Konsum

Die Überschrift klingt ein bißchen, als hätte ich da zwei beliebige Begriffe, die nichts miteinander zu tun haben, in Relation gesetzt, finde ich, dabei sind sie für mich eng verbunden.

Ich mag Minimalismus. Ich habe 2009, als ich das erste Mal nach zehn Jahren in einer Wohnung umgezogen bin, damit begonnen, meinen Besitzstand radikal zu reduzieren. Ich besaß z.B. mehrere tausend Bücher, von denen ich einen Großteil zurückließ. Bei einem weiteren Umzug zwei Jahre später sortierte ich noch einmal mehrere hundert Bücher aus und seither versuche ich, mit den zwei Bücherregalen hinzukommen. Ich kaufe mir nur selten neue Bücher und nutze stattdessen kostenfreie Bücherquellen wie Bibliotheken und Bücherschränke. Auf diese Weise habe ich eine gute Fluktuation und bekomme nicht das Gefühl, von der schieren Menge an Büchern überwältigt zu werden.

Bücher waren jetzt nur ein Beispiel aus meinem Alltag. Dasselbe Verhalten habe ich aber auch bei vielen anderen Dingen. Ich bin gut darin, Besitztümer loszulassen und auszumisten, und ich habe nie verstanden, warum Menschen an ihrem Besitz festhalten. Aus dem Blickwinkel des Minimalismus betrachtet, ist das ziemlich erstrebenswert, und ehrlich gesagt macht es die Pflege des vorhandenen Besitzes einfacher und übersichtlicher.

Daß ich aber ein echtes Problem damit habe, Dinge in Besitz zu nehmen und mir mal etwas zu gönnen, ist die Kehrseite der Medaille. Und hier kommt die PTBS ins Spiel. Bevor ich mit der Therapie begonnen habe, habe ich jahrelang nicht geschafft, auf meine Bedürfnisse zu achten, weil ich nicht imstande war, sie zu identifizieren. Insofern war es leicht, Dinge wegzugeben, denn ich konnte nicht spüren, ob sie mir wichtig waren, ob ich sie brauchte oder ob sie mir dienten. Ganz zu schweigen von der Empfindung, ein Ding einfach zu mögen. Wenn sich das Gefühl von „ich mag XY“ überhaupt mal regte, habe ich das ganz schnell mit rationalen Argumenten unterdrückt: „was willst Du denn damit? Es staubt nur voll und Du benutzt es sowieso nicht“. Wenn Menschen davon sprachen (und sprechen), daß sie sich etwas leisten, etwas gönnen, ist das, als würde ich versuchen, auf einen blinden Fleck zu gucken. Ich verstehe das nicht. Warum sollte man sich etwas gönnen wollen?

In der Therapie habe ich begriffen, daß ich mich selbst nicht spüre und daher auch keine Aussagen darüber treffen kann, was ich mag, was ich brauche, was mir guttut und letztlich: wer ich bin. Das zu verstehen, hat mir viele merkwürdige Momente in meinem Leben erklärt, beispielsweise das große Problem, Steckbriefe auszufüllen oder so simple Fragen wie „was ist Deine Lieblingsfarbe?“ oder „welchen Film möchtest Du schauen?“ zu beantworten. Zu den meisten Dingen habe ich keine Meinung. Wenn ich eine Meinung habe, dann ist diese oft von der PTBS und den traumatisierenden Erfahrungen geprägt und daher für Nichttraumatisierte nicht oder nicht richtig nachvollziehbar. Die PTBS verändert die Funktionsweise des Gehirns und ein Symptom ist, daß man zur Wahrnehmung bestimmter Dinge nicht mehr fähig ist, wohingegen die „Fähigkeit“, Dinge, die man als potentiell belastend oder gefährlich einstuft, wahrzunehmen, ansteigt. Unterm Strich führt das dazu, daß man durch die PTBS eine ziemlich eingeschränkte Wahrnehmung der Realität mit all ihren Möglichkeiten hat – das trifft auch auf die eigenen Vorlieben und Bedürfnisse zu.

Nicht zu wissen, wer man ist, und sich selbst nicht oder nur teilweise spüren zu können, führt dazu, daß man sich selbst gegenüber nicht richtig fürsorglich sein kann. Es ist sehr schwer für mich, darauf zu achten, genug Schlaf zu bekommen, vernünftig zu essen, mir Pausen einzuräumen etc. Alles, was dann auch noch über die Erfüllung der absoluten Grundbedürfnisse hinausgeht, ist kompliziert. Ich finde es nicht einleuchtend, warum ich mir Extras kaufen oder besondere Erlebnisse gönnen sollte. Schon mit Vokabeln wie „Selbstliebe“, „Selbstfürsorge“, „sich verwöhnen“ und „sich etwas gönnen“ habe ich meine Probleme. Werbung gleitet absolut an mir ab – ich könnte mich nicht daran erinnern, wann ich überhaupt je losgegangen bin, um mir ein beworbenes Produkt zu kaufen.

Mir ist durch die Therapie und die begleitende Lektüre von Fachbüchern bewußt geworden, daß es für PTBS-Patienten ziemlich normal ist, sich für wertlos zu halten. Dieses Wissen hilft mir zumindest manchmal über das schlechte Gewissen hinweg, das ich wegen des Gefühls der eigenen Wertlosigkeit habe. Es hilft mir auch, zu verstehen, warum ich teilweise extrem unangemessen reagiere – warum ich z.B. lachen muß, wenn ich jemandem von den erlittenen Traumatisierungen erzähle und er dabei weinen muß oder wieso ich auf die emotionale Bedürftigkeit von anderen scheinbar hämisch, verletzend oder gleichgültig reagiere.

Das Gefühl der eigenen Wertlosigkeit, die empfundene Scham hinsichtlich irgendwelcher „Vergünstigungen“ oder „Belohnungen“ sowie die Unsicherheit über die eigene Person und die eigenen Vorlieben führen letztlich dazu, daß ich es vermeide, Sachen für mich zu kaufen, die über die Erfüllung von Grundbedürfnissen hinausgehen. Darum, nehme ich an, ist meine minimalistische Haltung zumindest zu einem Teil krankheitsbedingt.

An diesem Artikel schreibe ich jetzt seit mehreren Wochen und habe immer noch das Gefühl, daß ich nicht wirklich in der Lage bin, das auszudrücken, was ich sagen möchte: es fühlt sich seltsam an, daß Minimalismus so gehyped wird, wo ich ihn als Symptom der PTBS identifiziere. Mein Haushalt ist leicht sauber zu halten, aber mir wäre lieber, ich würde mich hier nicht nur als Gast fühlen, sondern mit den Dingen wirklich etwas verbinden können. Ein Gefühl von Heimat in meinem Haus und in mir selbst entwickeln können…

Liam, 15.01.2016, 13:39 | Abgelegt unter: PTBS | RSS 2.0 | TB | 2 Kommentare
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