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Archiv: Dienstag, 9. Februar 2016

Negative Gedanken fasten

Genau wie letztes Jahr habe ich mir überlegt, ob und wie ich die Fastenzeit nutzen möchte. Und genau wie im letzten Jahr sehe ich auch dieses Jahr keinen Grund dafür, irgendwelche Lebensmittel zu fasten. Ich halte jetzt seit über einem Jahr hier fest, was ich abends koche, und das hat mir geholfen, nachzuhalten, wie zufrieden ich mit der Vielfalt, dem Gemüse- und dem Vollkornanteil meiner Ernährung bin. Derzeit wüßte ich nicht, was ich noch optimieren oder gar weglassen sollte. Ich fühle mich gesund und fit und die letzte Erkältung ist auch schon ziemlich lang her. Das alles kann also so bleiben, wie es ist. Dasselbe gilt für meinen ziemlich clutterfreien Haushalt, für meine Computerzeit und auch sonst ungefähr alles, jedenfalls ungefähr alles, das im Außen passiert.

Im Innen sehe ich gerade durchaus den Bedarf, zu fasten, vor allem in Hinblick auf meine nicht unbedingt besonders positive Selbstwahrnehmung. Ich möchte versuchen, besser von mir selbst zu denken und dabei negative oder sogar destruktive Gedanken über mich selbst fasten.

Den ersten Schritt (die Bewußtmachung der negativen Gedanken) habe ich dank Meditation und Therapie schon relativ gut verinnerlicht, d.h. ich merke, wenn diese Gedanken aufkommen. Der zweite Schritt (das Transformieren dieser Gedanken) erfordert noch immer Mühe und es gelingt mir bei weitem nicht immer, die negativen Dinge positiv umzuformulieren. Mir ist dabei wichtig, daß ich die positiven Umformulierungen wirklich glauben können muß. Zwar heißt es, daß, wenn man nur lange genug Positives (zu sich selbst) sagt, irgendwann der Glaube daran folgt, aber das erscheint mir wenig erfolgversprechend, wenn ich mir die Vergangenheit ansehe. Ich versuche also stattdessen, negative Gedanken so umzuformulieren, daß sie etwas Positives enthalten, das ich glaube/glauben kann. Der dritte Schritt (das Loslassen sogar noch von positiven Gedanken, um zu einem gleich-gültigen Geisteszustand zu gelangen), gestaltet sich manchmal erstaunlich einfach, ist manchmal aber auch verflixt schwer. Ich arbeite daran.

Mir ist durch die Therapie allerdings auch klar geworden, daß es allgemein nicht mein höchstes Ziel ist, diesen gleichgültigen Zustand zu erreichen, ob nun durch Reprogrammierung meines Gehirns durch Therapie, Meditation oder durch schiere Willensanstrengung. Wäre mir alles gleichgültig, hätte alles denselben Wert (oder Nicht-Wert?) für mich, dann würden bestimmte Vorkommnisse für mich ihre Gültigkeit verlieren, und das wiederum wäre verknüpft mit dem Verlust des Wissens über (Teile) meine(r) Identität. Ich muß wissen, daß bestimmte Dinge wirklich geschehen sind, weil ich nur dann begreife, daß ich nicht aus dem Nichts heraus geworden bin, was/wer ich bin. Ich muß wissen, daß das alles real ist.

Dabei hilft mir, für bestimmte Dinge oder Vorkommnisse Bilder und Symbole zu finden, die ich sozusagen wie in einen Container lege, außerhalb von mir selbst (alte Plätzchendose, Notizbuch etc.). Ich kann sie dann von den immer noch aktiven Erinnerungen (was ja typisch für ein Trauma ist) in das Langzeitgedächtnis überführen, sie aber immer wieder ansehen oder durchlesen, wenn ich mich vergewissern muß, daß meine Erinnerung und meine Wahrnehmung für mich wahr sind.

Ich bin unter diesem Aspekt betrachtet gespannt auf die Fastenzeit. Ich würde mir gern noch ein Symbol oder einen Gegenstand suchen, der mich im Alltag immer wieder daran erinnert, kurz zu kontrollieren, wie es gerade um meine Gedanken bestellt ist. Wichtig ist mir auch, das Ganze nicht zu verkniffen zu sehen. Es ist kein Wettkampf, sondern soll etwas Nettes sein, das ich für mich selbst mache.

Liam, 09.02.2016, 23:06 | Abgelegt unter: Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare
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