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Archiv: Freitag, 26. Februar 2016

Negativität fasten: ich habe einen Körper

In den letzten zwei Wochen bin ich damit sehr zufrieden, wie mein Fastenprojekt läuft. Negative Gedanken über mich selbst kommen seltener auf, was ich insgesamt jedoch der Arbeit in der Therapie und nicht allein der Fastenzeit zurechne. Wichtiger noch finde ich, daß, selbst wenn negative Gedanken entstehen, ich diese leichter wieder ziehen lassen kann als zuvor. Das ist für mich eine Entlastung und ich hoffe, daß ich diesen gedanklichen Flow, diese Nichtanhaftung, noch weiter einüben und vertiefen kann bzw. daß ich für Phasen, in denen es wieder mehr selbstkritische Gedanken geben wird, etwas Gelassenheit mitnehmen kann.

Negativität zu fasten ist auch verbunden damit, den Blick für das Gute zu schärfen bzw. das Schöne ins Leben einzuladen. Für mich aufgrund der PTBS nicht unbedingt einfach. Im Augenblick ist „Selflove“ chic und sowohl im Netz als auch in den Printmedien (Fernsehen schaue ich nicht) wird man damit regelrecht überfrachtet. Ich verstehe das meiste, das mit dieser Selflove-Welle schwappt, nicht oder nur bedingt. Warum eine „Buddha Bowl“ mich anders als ein Müsli mit Obst drin erfreuen soll (als Symbol für die Eigenliebe), ist mir nicht verständlich, aber ich akzeptiere, daß es zwischen mir und nicht-traumatisierten Menschen immer diese Verständnisbarriere gab und geben wird. Das heißt auch, daß mir vieles, was für andere Wellness oder Selbstfürsorge ist, suspekt erscheint bzw. daß es mich triggern kann. Ein Dankbarkeitstagebuch z.B. könnte dazu führen, daß ich mich als ein Versager fühle, weil ich nicht in der Lage bin, jeden Tag Dinge aufzuzählen, für die ich abseits vom bloßen Überleben dankbar bin. Also führe ich so ein Tagebuch erst gar nicht. Jede Form von Druck ist für mich kontraproduktiv, und gerade diesem Selflove- und Wellbeing-Druck möchte ich mich nicht aussetzen.

Für viele PTBS-Patienten ist der eigene Körper Schlachtfeld der Traumatisierungen. Das erklärt, warum Dinge, die nicht-Traumatisierte als Wohltat empfinden (wie eine Massage oder einen Besuch beim Friseur), triggern und dadurch negative Empfindungen auslösen können. Erst wenn bestimmte Inhalte aus dem Alarmgedächtnis ins Langzeitgedächtnis überführt wurden, können Traumatisierte beginnen, sich damit auseinanderzusetzen, was sie mögen, was sie brauchen und letztlich, wer sie eigentlich sind. Oft wird die Arbeit an der PTBS in drei Phasen eingeteilt: Stabilisierung, Konfrontation und Integration. Diese drei Phasen vermischen sich, verschwinden, kommen wieder. Eine klare Abgrenzung funktioniert nur in der Theorie, nicht in der Praxis, nicht im Leben mit PTBS. Im Moment befinde ich mich in einer Integrationsphase. Das heißt, ich arbeite daran, Dinge zu akzeptieren und sie in meinen Lebenskontext sinnvoll einzusortieren. Dazu gehört auch die Akzeptanz dafür, daß ich einen Körper habe, der wiederum Bedürfnisse, Erinnerungen und Emotionen hat. Im Augenblick will mein Körper ganz viel Aufmerksamkeit. Ich verspüre Impulse, die ich bislang nicht kannte. Ohne mich zuvor stabilisiert zu haben, würde ich das nicht aushalten.

In der letzten Woche habe ich mich überwunden und bin in ein Geschäft für große Männer gegangen. Bisher habe ich das tunlichst vermieden, denn ich wollte nicht wahrgenommen und schon gar nicht beraten werden. Ich hatte mir im Vorfeld einige Websites, Bücher und Videos mit Styling-Ideen für große Männer angeschaut – auch das war neu und es kam aus dem Nichts. Ich habe festgestellt, daß vieles, was ich ohnehin gern trage wie z.B. Krawatten, dunkle Farben und schlichte, klassische Formen allgemein für große Männer empfohlen werden, und war auf der Suche nach etwas, das dazu paßt und in dem ich mich vor allem wohlfühle. Mir selbst etwas zu gönnen, das im Grunde purer Luxus und nicht absolut notwendig ist, ist sehr schwer für mich. Ich bin ein Experte darin, Dinge zu vereinfachen und lebe inzwischen in einem recht minimalistischem Haushalt, und so eine Shoppingtour ist das absolute Gegenteil von dem, was ich normalerweise mache. Im Anschluß war ich total k.o., aber auch stolz darauf, es geschafft zu haben. Das Schöne und Gute ausprobiert zu haben, auch wenn es mich Überwindung gekostet hat und ich es nicht in jedem Moment genießen konnte, weil ich aufgeregt gewesen bin.

Ich denke gerade sehr viel darüber nach, was es heißt, nicht nur Verantwortung für meine mentale, sondern auch für meine körperliche Gesundheit zu übernehmen. Einem wird viel zu oft der Eindruck vermittelt, daß andere Instanzen wie Ärzte, Zeitschriften, Coaches o.ä. mehr darüber wüßten, was für den eigenen Körper gut ist als man selber. Ich nehme an, all das, was mir in Hinblick auf Übergewicht, Fat-Shaming und Male Body Positivity durch den Kopf geht, wäre nochmal einen eigenen Artikel wert.

Liam, 26.02.2016, 23:42 | Abgelegt unter: PTBS,Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

Speiseplan #60

Für die kommende Woche habe ich Folgendes geplant:

  • Freitag: Rahmporree mit Rösti und Rührei (vegetarisch)
  • Samstag: auswärts essen (vegan)
  • Sonntag: Chinasuppe mit Grünzeug und Nudeln (vegan)
  • Montag: Gemüsecurry mit Tofu, dazu Reis (vegan)
  • Dienstag: Kichererbsenpfanne mit Paprika und Chorizo, dazu Couscous (omnivor)
  • Mittwoch: Deep Dish Pizza (omnivor)
  • Donnerstag: Pastatopf mit Paprika und Zucchini (omnivor)

Am Wochenende würde ich gern ein neues Brotrezept (Dinkel-Kamut-Brot) ausprobieren und vollwertige Muffins mit Beeren backen.

Liam, 26.02.2016, 12:08 | Abgelegt unter: Fruit & Root,Speisepläne | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare
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