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Archiv: Dienstag, 8. März 2016

Notizen zu Saatgut

Ende Februar habe ich Radieschen-, Sauerampfer-, Kürbis- und Zucchinisamen in Anzuchtschalen bzw. in einen Karton gesetzt. Schon acht Tage später tut sich doch einiges:

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Links die Radieschen, rechts der Ampfer. In der mittleren Schale ist bisher leider keine Aktivität zu verzeichnen, aber die Samen waren auch bereits 2012 abgelaufen. Sollten sie sich bis zum kommenden Wochenende noch immer nicht gerührt haben, hole ich sie heraus und setze etwas anderes hinein.

Gestern habe ich noch fünf ebenfalls 2012 abgelaufene Saatscheiben für Küchenkräuter in Töpfe gesetzt. Dabei ist mir aufgefallen, wieviel Saatgut ich um 2010 herum gekauft und nie benutzt habe. Warum? Ich hätte damals so gern gegärtnert, aber mir fehlte die Kraft, körperlich und mental. Die Samen in den Tüten zu belassen und nur davon zu träumen, etwas anzubauen, schien mir außerdem weniger riskant. Ich hätte es nicht gut verkraftet, Pflanzen zu verlieren. Meine Frustrationstoleranz ist also seither gewachsen. Mein Garten dokumentiert also in gewisser Weise, was für innere Fortschritte ich mache, ist ein Therapieprojekt für mich.

Eine wichtige Frage, die immer wieder für mich aufkommt, ist die nach der Quelle meines Saatguts bzw. meiner Pflanzen. Ich weiß darüber erschreckend wenig. In den Gartencentern hier in meiner Region wird zwar vereinzelt Bio-Saatgut angeboten, aber meist nur für Kopfsalat, Petersilie und andere Standardsachen. Seit die Tradionsmarke Kiepenkerl von Monsanto gekauft wurde, traue ich ihr eigentlich nicht mehr über den Weg…nicht mal, wenn Bio draufsteht. Konsequenterweise müßte das für mich bedeuten, nur noch reines Bio-Saatgut zu verwenden und das ist auf Dauer auch mein Ziel. Warum auf Dauer, warum nicht jetzt? Weil ich gerade noch ausprobiere. Das ist meine zweite Saison und das erste Mal, daß ich Pflanzen aus Samen ziehe. Wenn ich sehe, daß das Erfolg hat, werde ich im Laufe der Zeit auf Bio umstellen, also mein bereits gekauftes Saatgut aufbrauchen und nur noch Bio neukaufen.

Noch seltener als Bio-Saatgut sind Bio-Jungpflanzen in den Gartenmärkten meiner Region vertreten. Mal könnte man einen Bio-Salbei erhaschen, aber das war’s auch schon. Wenn ich vollständig auf Bio umstellen will, heißt das, daß ich im Grunde nur noch selbst ziehen und keine vorgezogenen Pflanzen mehr kaufen könnte.

Ist für mich reiner Bio-Anbau allerdings wirklich die Lösung, wo um mich herum sicherlich nicht nur Bio angebaut wird? Pflanzen streuen. Ich erinnere mich, als Anfang oder Mitte der 90er das erste Mal gentechnisch veränderter Raps ausgebracht wurde und Kritiker damit beschwichtigt werden sollte, daß gesagt wurde, der Raps würde ja auf seinen Feldern bleiben. Wenn man sich jetzt so anguckt, wo überall Raps wild wächst, sich also selbst ausgesät hat, würde ich sagen, das war eine glatte Lüge. Und wer das den Konzernen wirklich geglaubt hat, hat nur wenig über Pflanzen gewußt oder war sehr naiv. Mein Garten ist jedenfalls kein geschlossenes System. Pflanzen siedeln sich von außen an, meine Pflanzen streuen ebenfalls. Natürlich weiß ich, daß eine Kürbispflanze, die ich aus einem Bio-Samen ziehe, Bio-Kürbisse hervorbringt, aber bestäubt wurde sie vorher von Bienen, die auch an Nicht-Bio-Pflanzen genuckelt haben.

Angesichts der Tragweite dieser Gedanken (auch in Hinblick darauf, daß ich vielleicht gern selbst Bienen hätte), fühle ich mich ziemlich überwältigt und machtlos. Mich diesen Gedanken zu stellen, ist sehr schwer für mich, weil es schnell dazu führen könnte, daß ich das ganze Gartenprojekt wieder einmotte. Ich muß mich daran erinnern, worum es mir in erster Linie geht (überhaupt gärtnern, Natur beobachten, Therapieprojekt), und daß ich nicht jede Baustelle, die sich auftut, direkt abbacken kann. Immer schön einen Schritt nach dem anderen. Und atmen.

Liam, 08.03.2016, 13:04 | Abgelegt unter: Der Garten,Fruit & Root | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare
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