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Archiv: Freitag, 25. März 2016

Frühjahrsequinox 2016

Wenn es etwas gibt, daß die Symptome der PTBS erträglicher macht, dann sind es Regelmäßigkeiten und Alltagsrituale. Und auch wenn ich schon lange kein spirituelles Ritual z.B. zu den Jahreskreisfesten mehr gefeiert habe, fühle ich mich im Ablauf der Jahreszeiten gut eingebettet. Wie das Ein- und Ausatmen trägt mich der Jahreskreis mit seinen natürlichen Rhythmen und Zyklen. Er ist vertraut und dadurch sicheres Terrain.

Was mir noch immer fehlt, sind sinnhafte rituelle Handlungen, die mit den Jahreskreisfesten verbunden sind. Jahrelang habe ich keinen Zugang mehr zu Dingen wie Kürbisfratzenschnitzen zum Ahnenfest oder dem Flechten von Strohkreuzen zu Imbolc bekommen. Darum hat es mich überrascht, daß zum Equinox diesmal der Wunsch auftauchte, Eier zu färben. Wenn ich auf meine aktive Zeit zurückblicke, fallen mir so viele Rituale rund um das Ei ein, die ich gefeiert habe, daß ich direkt wieder das Gefühl bekommen könnte, nichts auf die Reihe zu kriegen. Aus irgendeinem Grund jedoch konnte ich das diesmal einfach schulterzuckend ignorieren und zwei Päckchen Eierfarbe kaufen. Und nicht nur das, ich habe es tatsächlich geschafft, mit Mann und Kind Eier abzukochen und zu gestalten. Davon war ich richtig überrascht, und es freut mich.

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Als ich im letzten Winter meine über Jahre hinweg angesammelten Spiri-Sachen durchgeschaut und aussortiert habe, fand ich ein Ei wieder, das mir eine Freundin gestaltet hatte. Sie hatte das Ei rot gefärbt und aufwendig mit einer Schlange verziert, die aus lauter mit Glitzerpulver gestalteten Dreiecken bestand und Augen aus Straßsteinen hatte. Dieses Ei war mit einem Heilungszauber verbunden und begleitete mich seit vielen Jahren. Als ich das Ei im letzten Winter wiederfand, hatte ich das Gefühl, ich müßte es zerschlagen. Ich habe diesen Impuls nicht verstanden und empfand, obwohl diese Freundschaft längst nicht mehr besteht, ein schlechtes Gewissen bei diesem Gedanken. Die ganze Arbeit, die sie sich gemacht hatte. All ihre guten Wünsche, die an den Zauber gebunden waren. Lange saß ich da, das Ei in der Hand, bis ich es einfach tat. Es brauchte mehrere Anläufe, um die Schale zu zerschlagen, und als mir die ganzen Kräuter entgegenrieselten, mußte ich erstmal tief durchatmen. Ich hatte es echt getan. Ich bedankte mich noch einmal in Gedanken bei meiner verflossenen Freundin und als ich später nochmal auf die Scherben blickte, begriff ich, daß der Zauber, den sie damals für mich gewebt hatte, sich erfüllt hat. Darum konnte ich das Ei zerschlagen – mußte es zerschlagen.

Ähnlich ging es mir noch mit anderen Dingen, die ich von Menschen, die längst nicht mehr an meinem Leben teilhaben, bekommen hatte. Gestricktes, Gehäkeltes, Getöpfertes, Gefilztes, Genähtes…es war wirklich viel, mehr als zwei Kisten voll. Ich hatte alles aufgehoben, weil es mich mit einer wichtigen Phase meines Lebens verbunden hatte, von der ich gehofft hatte, ich könnte in sie zurückkehren – bis mir aufging, daß ich das gar nicht mehr will. Ich kann es nicht nur nicht, ich will es noch nicht einmal! Im Winter habe ich das alles aufgegeben. Manches wanderte in den Müll, aber die meisten Dinge habe ich ausgesetzt und sie wurden mitgenommen. Ich mag diesen Gedanken, daß Sachen, die mir Menschen gegeben haben und die für mich nicht mehr funktionieren, nun woanders ihre Wirkung entfalten, bezaubern und berühren. Durch das Loslassen ist mir klar geworden, daß für mich nicht die Dinge zählen, die ich von Menschen erhalte, sondern einfach nur die Tatsache, ob sie an meiner Seite stehen oder nicht. Ich brauche keine Erinnerungsstücke, sondern aktives Miteinander, aktives Gestalten, hier und jetzt.

Welche Erkenntnis paßt besser zum Equinox als diese? Jetzt, wo sich das Leben wieder regt und alles gedeiht und aufblüht, habe ich eine Ahnung davon erhalten, daß auch ich nach vorn schauen, dem Licht entgegenwachsen darf. Das, was war, darf zu Kompost zerfallen, darf die Basis sein, aber ich verspüre Sehnsucht nach neuen Erfahrungen.

Liam, 25.03.2016, 14:08 | Abgelegt unter: Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | 1 Kommentar
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