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Archiv: Dienstag, 21. Juni 2016

Räucherstäbchenfrau

Früher ist es mir oft passiert, daß ich „seltsame“, aber irgendwie doch immer bereichernde Begegnungen mit Menschen hatte. Ich habe im ursprünglichen Text an dieser Stelle ein paar Beispiele genannt, die ich aber wieder gelöscht habe, weil ich fand, daß sie nur für mich gedacht waren, obwohl es schön war, mich daran zu erinnern. Jedenfalls gab es in den letzten Jahren keine dieser Begegnungen mehr. Ich hatte die Tür zu anderen Menschen komplett geschlossen und wer selbst mit kPTBS und/oder sozialen Phobien lebt, wird das nachvollziehen können. Ich war nicht mehr offen und bereit für solche intensiven Begegnungen mit Fremden.

Durch die Therapie hat sich scheinbar etwas geändert. Ich kann es selbst nicht benennen, aber seit ein paar Monaten ergeben sich plötzlich wieder solche Begegnungen. Manchmal werde ich im Supermarkt angesprochen, manchmal auf offener Straße oder während ich in einem Wartezimmer sitze. Etwas an mir, meiner Gestik und Mimik muß sich geändert haben, denn mein eigentliches Verhalten habe ich nicht verändert. Jedenfalls scheine ich wieder zu signalisieren, daß ich offen bin.

Und das ist das Seltsame, denn wenn ich die Wahl hätte, würde ich solche Begegnungen nach wie vor vermeiden. Ich bin nicht gut mit Menschen. Mir leuchtet nicht ein, wozu Smalltalk gut sein soll, weil er vermutlich Ziele verfolgt, die nicht meine sind. Ich habe allgemein wenig Interesse an Menschen, halte sie in der Regel für unberechenbar und daher gefährlich (bestes Beispiel: Fahren auf der Autobahn). Mich auf Menschen einzulassen, war und ist immer ein Kampf. Ironischerweise ist mir oft gesagt worden, daß ich ein guter Zuhörer bin. Ich habe mich stets gefragt, warum niemand die auf der Hand liegende Frage stellt, nämlich: warum erzählst Du nichts von Dir? Irgendwann ging mir auf, daß ich sowas wie eine Fassadenidentität habe. Ich schaffe es also, Menschen glauben zu machen, daß sie sehr viel über mich wüßten oder daß es nicht viel zu wissen gäbe. Habe durch ein früheres Blogprojekt auch die Erfahrung gemacht, daß Menschen glauben, das, was ich ganz bewußt von mir im öffentlichen Raum zeige, gäbe Auskunft darüber, wer ich wirklich bin und was wirklich in meinem Leben und in mir drin passiert. Das fand ich immer rührend und irgendwie auch lustig, weil ich stets davon ausgegangen bin, daß anderen – genau wie mir selbst – klar ist, daß das, was man sieht, immer nur ein kleiner Ausschnitt ist, der verschiedene Instanzen der Zensur durchlaufen hat, bis er dann mal öffentlich wird. Aber vielleicht ticken andere Menschen gar nicht so. Vielleicht schützen andere Menschen sich selbst, ihre inneren Prozesse gar nicht so stark wie ich das tue. Ich nehme an, auch das unterscheidet Traumatisierte von Nichttraumatisierten.

Während ich jetzt gerade schreibe, merke ich, wie spannend ich das Thema finde, obwohl ich eigentlich etwas ganz anderes erzählen wollte 🙂

Heute jedenfalls hatte ich mal wieder eine kurze, intensive Begegnung mit einer Fremden. Ich saß im Auto, stand auf einem Parkplatz und wartete. Die Frau kam mit einer Kiste zu mir und drückte mir Räucherstäbchen in die Hand. Dazu erzählte sie mir die Geschichte von dem indischen Dorf, in dem diese Stäbchen aus Naturingredienzien handgerollt werden. Sie habe diese Räucherstäbchen mit nach Deutschland gebracht und verkaufe sie hier, um diesem Dorf zu helfen. Ich hörte ihr eine Weile zu, kaufte ihr dann zwei Päckchen ab. Drei Stäbchen schenkte sie mir noch dazu, und dann, als sei es ganz wichtig und der eigentliche Grund ihrer Kontaktaufnahme, hat sie mir etwas gesagt, das mich im Grunde geschockt hat. Weil es so paßt, zu mir, meinem Leben, meinen Wünschen und irgendwie auch zur aktuellen Zeit, wo das besagte Thema gerade mal wieder am Köcheln ist. Und das klingt jetzt in mir nach.

Ich habe das Gefühl, wieder auf dieser Welle zu reiten, wie ich das von früher kenne. Ich weiß nicht, ob ich dafür bereit bin, aber scheinbar muß ich dazu auch gar nicht mein Einverständnis geben – es passiert einfach so. Verwirrend und irgendwie auch schön…

Liam, 21.06.2016, 23:00 | Abgelegt unter: Spirit & Verse | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

Mittsommer 2016

Wie ich schon schrieb, ist mein Terminkalender gerade rappelvoll mit Terminen, die viel Zeit und Energie brauchen. Da ich seit Jahren keine eigentlichen Rituale mehr feiere, war ich etwas überrascht davon, plötzlich wahrzunehmen, daß ich zu Litha gern „irgendwas“ machen wollte. Mir war allerdings auch direkt klar, daß das sicher nichts mit Kerzen, Räucherwerk und unterm Vollmond tanzen zu tun haben würde 🙂

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Am Samstag hatte ich ja meine alte Knetmaschine aus dem Keller geholt und war so begeistert davon, wieder ohne Hilfe Brot backen zu können, daß mir direkt in den Sinn kam, mal wieder ein Flechtbrot bzw. einen Hefezopf zu backen. Backen bzw. Kochen sind meine täglichen Rituale, die dem Alltag Struktur geben. Beides kann aber auch zu einem spirituellen Ritual werden.

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Ich denke, der Unterschied zwischen diesen beiden Ritualformen ist eigentlich nur das Einlassen bzw. die Energielenkung. Im Alltag geht es meist darum, möglichst effektiv und damit zeitschonend zu kochen und dabei gleichzeitig meine Familie und mich selbst mit Nahrung und Gemeinschaft (beim Essen) zu versorgen. Dahinter steckt letztlich auch ein Wert, den ich gern pflege und weitergeben möchte, nämlich sich für die Mahlzeiten Zeit zu nehmen und das Essen bzw. den Koch zu würdigen. Mit PTBS ist es immer wieder ein Thema, für sich selbst gut zu sorgen und sich in jeder Hinsicht zu nähren.

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Dahingegen macht für mich das spirituell-rituelle Kochen und Backen aus, mich auf einer Art Meta-Ebene auf das Geschehen einzulassen. Während ich das Korn mahle, wandern meine Gedanken zu John Barleycorn und zum Kornwolf. Die Eidotter in meiner Schüssel leuchten mir wie kleine Sonnen entgegen und lösen Erinnerungen an längst vergangene Zeiten aus, wo ich gar nicht fassen konnte, daß in jeder Eierschale so eine perfekte orange-goldene Kugel schwimmt.

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Der Knetvorgang wirft für mich die Frage auf, aus welchen heterogenen Elementen ich selbst bestehe, und wie sie sich zusammen zu einer Einheit fügen. Ich schaue dem Teig zu und prüfe ihn hin und wieder. Es braucht seine Zeit. Wo will ich Dinge überstürzen, wo bin ich geduldig?

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Der Teig muß bei der Wärme eigentlich nur eine halbe Stunde gehen, aber wie bei meinen Broten drücke ich ihn mehrmals zusammen und lasse die Hefe noch länger arbeiten. Wieder kommen Erinnerungen hoch. Vor 20 Jahren habe ich mit einem geschenkten Brotbackautomaten angefangen. War ich damals schon der, der ich heute bin?

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Während ich den Teig auswelle, denke ich an den Tag, als ich das Holz gekauft habe, und während ich die Füllung auftrage und schließlich den Teig flechte, kommen mir Erinnerungen an andere Ritualbrote, die ich gebacken habe.

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Beim Flechten der Teigstränge muß ich auch über die Frage nachdenken, mit wem ich verbunden bin. Bin ich bindungsfähig? Lieber ein einsamer Wolf? Wo bin ich Verknüpfungen eingegangen, aus denen ich mich gern lösen würde? Wo werde ich mit anderen „verbacken“, ohne das zu wollen?

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Daß dazu die Sonne in meine Küche scheint – am bisher einzigen richtig sonnigen Tag seit langem – paßt absolut. Hin und wieder berühren meine Gedanken Dinge, die ich mit vergangenen Mittsommerfesten verbinde, und ehe ich es mich versehe, ist der Zopf im Ofen.

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Am Abend spüre ich meinen Körper schwer und müde. Was sich in einem Blogpost in zwei Minuten liest, hat vier Stunden gedauert – definitiv ein langes Ritual. Ich esse vom Zopf, teile ihn mit anderen, und schaue mir noch einmal im Kurzdurchgang meine Gedanken und Emotionen vom Nachmittag an. Da war Sonne und Schatten, Süße und Bitterkeit. Wenn alles im Ausgleich ist, bin ich in Balance. Mittsommer markiert den Abschied von der Sonne, denn auch wenn uns die richtig heißen Tage noch ins Haus stehen, die Sonne wird von jetzt an weniger lang am Himmel stehen. Wie gehe ich in die Hitze hinein? Wie in die Dunkelheit?

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