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Archiv: Mittwoch, 24. August 2016

„Richtig“ essen

In der letzten Zeit befasse ich mich wieder öfter mit den Themen Ernährung und Gewicht. Ich hatte dazu schon mal zu bloggen versucht, aber wie so oft, seit ich dieses Blog hier schreibe, blieb ich mitten im Artikel stecken. Ich denke, ich habe noch immer nicht für mich rausgefunden, wo ich die Grenze zwischen Privatleben und Blog ziehe.

Ernährung ist kein konfliktfreies Thema für mich. Es ist verknüpft mit Traumatisierungen, und das auch noch in unterschiedliche Richtungen, so daß ich eigentlich ein wenig konfus fühle, was die Frage nach gesunder Ernährung betrifft. Ich habe mich in meinem Leben omnivor, ovo-lakto-vegetarisch und vegan ernährt und fühle mich insgesamt der Vollwertkost nach Bruker verbunden, wenngleich ich sie weder vollständig umsetzen kann noch will. Das Einzige, was ich wirklich als korrekte Aussage über gesunde Ernährung anerkenne, ist ein Satz von Pollmer. Sinngemäß hat er in einem Internetvortrag gesagt, daß der Terminus „gesunde Ernährung“ Schwachsinn sei, weil gesunde Ernährung für jeden Menschen etwas anderes ist. Meine eigene Idealernährung zu finden, ist ein Prozeß, der auch nach Jahren des Experimentierens nicht an einem vermeintlichen Ziel angekommen ist. Ich finde immer noch Neues heraus und habe auch noch immer Spaß daran.

Ich glaube, in den letzten zwei Jahren bin ich etwas gemäßigter geworden, was meine Überzeugungen von Richtig und Falsch angeht, nicht nur, aber auch in puncto Ernährung. Das Thema ist zu komplex und die einzelnen Dinge sind zu verwirrend miteinander verquickt, als daß ich alles im Blick haben könnte. Wenn man allein versucht, eine einzige Sache, die man als richtig für sich erkannt hat, konsequent zu verfolgen, zupft man damit an so vielen anderen Fäden, daß letztlich ja doch wieder das ganze Netz mitschwingt. Ich habe z.B. das Problem, daß ich mich eigentlich gern vorrangig regional ernähren würde, daß ich aber allein mit Äpfeln echt nicht durch den Winter komme. Ich würde gern plastikfrei(er) einkaufen, aber selbst Radieschen werden mit Gummiband verkauft. Ich neige dazu, bei sowas schnell extremistisch zu werden, und ehrlich gesagt tut mir das nicht besonders gut.

In den letzten Monaten habe ich mich wieder vermehrt mit Vollwertkost beschäftigt. Wie ich weiter oben schon schrieb, kann und will ich diese nicht konsequent umsetzen. Ja, sie funktioniert, ja, sie schmeckt, und ja, ich habe das auch schon zu 100% gemacht. In meiner derzeitigen Lebenssituation würde 100% Vollwert nach Bruker für mich aber einen Verzicht auf ein paar Dinge bedeuten, die ich sehr gern esse, wie etwa aushäusige Pizza (nachdem ich endlich einen Pizzabäcker gefunden habe, der milchfreien Teig anbietet, mir Pizza ohne Käse macht und einen Steinbackofen hat), ein paar süße und deftige Knabbereien, Zucker in den Tee etc. Freilich könnte ich für diese Dinge Alternativen finden – aber das würde ich nur tun, wenn es mir mit 100% Vollwert ernst wäre. Und das ist es eben nicht.

Ich kann mich wirklich für Ernährung, Kochen und Backen begeistern, aber mir ist auch klar geworden, daß das für mich immer ein Tanz am Rande des Vulkans ist. Ich habe eine Eßstörung, die schrägerweise ziemlich in Mode ist, nämlich Orthorexie. Das bedeutet, ich möchte mich möglichst gesund ernähren. Klingt ja erstmal etwas merkwürdig: warum soll es ein Problem sein, wenn man sich gesund ernähren will? Weil es zu Schwarz-Weiß-Denken führt und man im Extremfall einen Kontrollfimmel kriegt. Das Ganze hat sich bei mir natürlich nicht im luftleeren Raum entwickelt. Wie ich schon schrieb, hängen meine Traumatisierungen auch mit Essen, Körperbild und Bewertung zusammen, und wie alle Traumainhalte hat sich auch das in meinem Denken und Leben eingenistet – und in meinem Körper.

Traumata manifestieren sich ja in verschiedener Weise auf physischer Ebene. Beispielsweise kann man abbilden, daß das Gehirn eines Menschen mit kPTBS anders „feuert“ und damit anders funktioniert als das Gehirn eines Nicht-Traumatisierten. Auch ist der Hormonstatus von Traumatisierten verändert. Insbesondere die sog. Streßhormone machen uns zu schaffen, und dabei denke ich jetzt z.B. an Cortisol. In Streßsituationen schnellt das Cortisol nach oben, was uns dazu befähigt, schnell Energie freizusetzen, um zu kämpfen oder zu flüchten. Macht in Gefahrensituationen absolut Sinn. Wenn einem das Gehirn aber vorgaukelt, daß permanent Streß besteht und der Cortisolspiegel dadurch dauerhaft hoch ist, führt das zu Problemen. Eins davon ist Übergewicht. In der Regel haben Ärzte nicht allzu viel Ahnung von den Zusammenhängen von PTBS, Streß, Cortisol und den ganzen möglichen Manifestationen wie Bluthochdruck, Übergewicht und Co. Für Schulmediziner ist ein übergewichtiger Mensch mit Bluthochdruck mit Blutdruckmitteln therapierbar. Ist er das nicht, macht er was falsch. Das heißt, eigentlich macht er eh etwas falsch, weil er nämlich übergewichtig ist. Klar.

Normalerweise glauben Ärzte mir nicht, wenn ich ihnen erzähle, was und wie viel ich esse und daß ich regelmäßig Sport mache, weil ich dabei nämlich irgendwann in den letzten zehn, zwölf Jahren mal Gewicht hätte verlieren müssen. Aber genau das passiert nicht. Umgekehrt kann ich soviel Fast Food in mich reinstopfen, wie ich will, ich nehme dabei nicht zu. Stoisch bleibt mein Körper bei seinem Gewicht. Irgendwie ist das ja auch gut, denn ein stabiles Gewicht ist immer eine gute Sache, selbst wenn es stabil hoch ist. Aber irgendwie nervt mich das auch, wenn sämtliches Optimieren nichts bringt (hallo Orthorexie, schön, daß Du mal wieder reinguckst).

Mir sind die Zusammenhänge zwischen PTBS, Streß, Gewicht und Orthorexie bewußt und ich kann damit alles in allem ganz gut umgehen. Die meisten anderen Menschen (auch die in weißen Kitteln) haben davon keine Ahnung. Was sie sehr wohl haben, sind allerhand Vorurteile und Ratschläge: nicht soviel essen. „Besser“ essen. Weniger naschen. Keine Softdrinks. Sport machen. Gähn. Als hätten wir Dicken davon nicht auch schon mal gehört, so am Rande. Als hätten wir das nicht schon alles durch.

Ich finde es durchaus schwierig, mit ernährungsbezogenen Traumata in einer Gesellschaft zu leben, in der so getan wird, als sei das eigene Körpergewicht nicht mehr als eine Entscheidung, und in der Fehl- und Mangelernährung hip und trendy sind (Stichworte Proteindiät, Süßstoffe, Convenience Food, Koffeinmißbrauch, Magenverkleinerung, Kleidergröße null). In unserer Gesellschaft werden Binsenweisheiten, die sich längst überholt und selbst als falsch entlarvt haben, dennoch weiterhin kolportiert, wie z.B. daß Fett das Problem sei (Stichwort fettfreie Kost) und daß Abnehmen funktioniert, indem der Kalorienverbrauch die Kalorienaufnahme übersteigt. Doppelgähn.

Was ich mir für mich wirklich wünsche, ist, endlich gelassener mit dem Diktat des Schlankseins umgehen zu lernen, und mich auf das zu besinnen, was mir wichtig ist: möglichst vollwertige, abwechslungsreiche Kost mit viel Vollkorn, Gemüse und Obst, in der auch für drei Würfel Zucker täglich und gelegentliche fabulöse Burger mit in Mayo ersoffenem Salat Platz ist. Nur mit Gelassenheit und radikaler Akzeptanz werde ich den Dauerstreß senken können, und Essen, das mich nicht nur am Leben hält, sondern das beim Zubereiten und Verzehren Freude bereitet, ist ein wichtiger Aspekt meiner Therapie.

Liam, 24.08.2016, 10:17 | Abgelegt unter: Fruit & Root,PTBS | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare
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