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Schwule Spiritualität

Wenn ich versuche, über männliche Spiritualität zu schreiben, fühle ich mich hilflos. Schon vor rund einem Jahr schrieb ich darüber, daß es in meinen Augen so viel mehr zu weiblicher Spiritualität gibt: mehr Quellen, mehr Informationen, mehr Accessoires, mehr Bewußtsein, mehr Veranstaltungen und vor allem mehr Praktizierende. Männliche Spiritualität gibt es entweder nicht so sehr, oder sie entfaltet sich im Verborgenen. Das finde ich bemerkenswert, wo ich aus Richtung der weiblichen Spiritualitätsbewegung so oft vernehme, daß wir ja in einem Patriarchat leben (was wir zweifelsfrei tun) und daher Männer das Zentrum der Welt und der Wahrnehmung seien. Meines Empfindens werden da zwei Dinge vermischt, die nicht zusammengehören. Auch Männer leiden unter dem Patriarchat. Diese Herrschafts- und Gesellschaftsform hat auch uns Männern vieles genommen, hat uns von unseren Gefühlen, von unseren Werten und nicht zuletzt von unserer Spiritualität abgeschnitten. Da es aber nunmal Patriarchat („Väterherrschaft“) heißt, wird automatisch vorausgesetzt, daß „wir Männer“ uns alle im Patriarchat aufgehoben, wahrgenommen und identifiziert fühlen, ja daß wir das System nicht nur gutheißen, sondern in jeder Hinsicht unterstützen.

Immer wieder bin ich in den letzten Monaten mit der Frage konfrontiert worden, was in meinen Augen einen „echten“ Mann ausmacht. Es ist schwierig, darauf eine Antwort zu finden. Ich habe mir angeschaut, wie das in dem Milieu war, in dem ich aufgewachsen bin. Da galt: ein Mann, ein Wort. Ein ganzer Kerl mußte ordentlich was einstecken können und auch kräftig mitanpacken. Er mußte was vertragen (Alkohol und Nahrung) und hatte daheim die Hosen an, wenigstens vordergründig. Für die Kindererziehung hätte er allenfalls am Wochenende Zeit gehabt, aber da war er von der Maloche so fertig, daß er vorm Fernseher verschlumperte, den Familiensonntagsausflug mal beiseite gelassen. Ein echter Mann hat sich die Hände dreckig gemacht, verstand was von Technik und Maschinen, war derjenige, der das Auto fuhr, der mit der dicken Uhr am Handgelenk. Er bekam das beste Stück vom Sonntagsbraten, aß sein Gemüse nur widerwillig und schaute am liebsten Fußball und Western. Er war heterosexuell – das stand gar nicht zur Debatte. Seine kreativen Hobbies waren Modellbau und das Reparieren von Haushaltsgeräten. Gefühle zeigte er nicht, weil er gewohnt war, der unerschütterliche Fels zu sein. Mit einem Buch in der Hand hat man ihn nie gesehen, wohl aber mit der Zeitung. Das Wort Spiritualität kannte er nicht. Mit Mitte 40 hatte er eine Halbglatze und einen Kugelbauch. Seine Körperpflege beschränkte sich auf Waschen und Duschen mit der Stückseife und gelegentliches Rasieren.

Klischee? Sicherlich. Aber damit bin ich groß geworden. Daß mit mir etwas nicht stimmte, wurde spätestens klar, als ich mein Coming Out hatte. Es gibt so viele Unterschiede zwischen mir und dem Bild von Mann, mit dem ich aufgewachsen bin, daß es für mich einfach nicht zutrifft. Vielleicht abgesehen von „ein Mann, ein Wort“ – das ist ein Wert, der mir nahsteht. Möglicherweise ist überhaupt meine Homosexualität die große Fußfessel im Finden männlicher Identität. Als Schwuler in einer heteronormativen Welt aufzuwachsen, ist manchmal spannend, manchmal lustig und sehr oft schmerzhaft. Ich weiß nicht, wie oft ich mich fremd und komisch gefühlt habe, verkleidet, angepaßt, verstellt. Wie ein Lügner. Es war nicht nur die Erkenntnis, daß ich auf Jungs stehe, es waren diese kleinen und großen Akte von Theaterkunst, die mein eigenes Empfinden verdrehten und es schwierig machten, zu begreifen, wer ich bin, als Mann.

Ist männlich-schwule Spiritualität noch mal etwas anderes als männliche Spiritualität, wo schwules Leben per se anders ist als heterosexuelles? Dabei bin ich bestimmte schwule Klischees auch so müde… Es gelingt mir nicht, mich mit dem jungen, gehörnten Gott zu identifizieren – ich gebe zu, er erscheint mir immer wie eine Karikatur. Überhaupt scheint Schwulsein oft in der Karikatur zu enden, beim tuckigen Jungspund, beim dauergeilen jungen Mann, beim vom Leben frustrierten Mann mittleren Alters, der, wenn er es überhaupt schafft, sich gegen die ständige Bedrohung durch HIV und andere Geschlechtskrankheiten zu schützen, immer noch von seiner Libido getrieben wird, und letztlich beim älteren, alten Mann, der durch seine Lebenserfahrung und sein unerfülltes Leben als Schwuler vom Leben selbst angeekelt ist – oder bestenfalls jugendliche Liebhaber sammelt. Haben wir schwulen Männer uns emanzipiert? Ich weiß es nicht. Ich nehme wahr, daß unaufgeregter Umgang mit Schwulen noch nicht Alltag ist, daß es aber viele Schwule gibt, denen wichtig ist, jenseits der Klischees zu leben und wahrgenommen zu werden. Und ich selbst? Fühle mich in meiner Idylle von Familie und Co. angekommen und eher irritiert angesichts all der Klischees, mit denen ich konfrontiert werde. „Ach, Du bist schwul? Hätte ich gar nicht bemerkt!“. Heißt das, ich bin normal? Oder bloß, daß ich angepaßt und feige bin? Schwulsein scheint immer noch etwas Erwähnenswertes, selbst für den Schwulen.

Schwule Spiritualität ist für mich nur schwer zu fassen, weil so viele Systeme, so viele Traditionen stark binär sind, also auf das weibliche und das männliche Prinzip hin ausgerichtet. Das schwule Dilemma manifestiert sich in der (von Heteros) gestellten Frage: wer ist denn bei Euch die Frau? Eigentlich müßte die Frage lauten: wer von Euch ist der Empfangende? Für diesen Empfangenden habe ich aber noch keinen Archetyp gefunden, mit dem ich arbeiten möchte. Und mit dem Gebenden, zumindest in Form des gehörnten, geilen Gottes, habe ich meine liebe Not. Das eigentliche Problem ist nicht der Aspekt der Wildheit oder der Geilheit, denn beides erlebe ich auch im Grünen Mann, da jedoch in gewisser Weise moderater – als Wildheit/Geilheit unter Willen. Das ist für mich etwas anderes als Zahmheit. Nur wer gereift ist, kann die Energien lenken. Mag sein, daß das an meinem Alter und nicht an den Impulsen selbst liegt, jedenfalls steht mir das näher. Sehe ich das empfangende Prinzip auch im Grünen Mann? Durchaus. Er empfängt die Sonne, den Regen und letztlich auch das, was wir Menschen aussenden. Er transformiert es, verändert und lenkt diese Energien, bringt anderes hervor. An dieser Stelle setzt die feministische Spiritualität gern die Frage ein, ob wir Männer Gebärneid hätten, weil ein Mann doch kein Leben hervorbringen kann. Für mich persönlich ist diese Frage absurd. Sie erscheint mir lediglich als Versuch, mal wieder vom männlichen Blickpunkt auf den weiblichen umzuschwenken. Ich kann nicht gebären, aber ich kann dennoch etwas in die Welt bringen und mich am Leben erfreuen, sowohl an meinem Sohn als auch an den Pflanzen, die ich ziehe, oder an kreativen Dingen. Das Gebären überlasse ich gern anderen…

Im Grünen Mann sehe und erlebe ich die Union von empfangendem und gebendem Prinzip. Es würde mich interessieren, das empfangende männliche Prinzip näher kennenzulernen, aber irgendwie gibt es da eine Barriere, die ich noch nicht überwinden kann. Für mich scheint die schiere Existenz des empfangenden männlichen Prinzips außerhalb des Patriarchats zu stehen bzw. außerhalb dessen zu leben. Der empfangende Mann muß für das Patriarchat ein Anti-Mann sein in seiner Aufnahmebereitschaft, seiner Hingabefähigkeit und seiner Öffnung. Ich mag den Gedanken.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Samstag, 24. Oktober 2015 und wurde abgelegt unter "Spirit & Verse". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback senden von deiner eigenen Seite.

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