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In Bewegung geraten

Teil meiner PTBS-Symptomatik ist es, daß ich mich nicht nur eingefroren fühle, sondern daß mein Körper sich auch erstarrt verhält. Mich aus dem Sessel oder dem Bett zu erheben, ist oft ein schwerer Kampf. Nicht weil ich faul bin, sondern weil es sich anfühlt, als würde ich mich aus tiefster Tiefe heraufkämpfen müssen. Zäh, beängstigend und nicht unbedingt mit Aussicht auf Erfolg. Manchmal ist es so schlimm, daß ich regelrecht überrascht bin, wenn ich dann doch endlich auf den Beinen bin. Das hat überhaupt nichts mit physikalischen Gesetzen, sondern ausschließlich mit meiner durch die PTBS veränderten Wahrnehmung zu tun.

Diese Erstarrung bezieht sich auch auf Handlungen, die eigentlich ganz einfach wären, die ich aber einfach nicht hinkriege. Das kann so etwas Triviales wie das Wegräumen einer Teetasse in den Schrank sein, es kann sich aber auch bei größeren Dingen bemerkbar machen. Nach außen hin könnte das alles wie Faulheit wirken, wie „den Arsch nicht hochkriegen“. Dabei halte ich mich nicht für faul. Ich bin nur gelähmt. Sogar bei der Ausübung von Hobbies.

Seit dem Frühsommer mache ich jetzt Krafttraining. Ich versuche, alle zwei Tage eine Einheit (= zwei Stunden) zu absolvieren, und das gelingt mir ganz gut. Es ist wirklich jedesmal eine Überwindung, mich dazu aufzuraffen, zu beginnen, aber sobald ich diesen Punkt einmal überwunden habe, fühlt es sich großartig an. Ich habe nun das Gefühl, daß durch den regelmäßigen Sport auch andere Dinge in Bewegung geraten.

Zum einen mein Körper. Ich habe eine beachtliche Menge an Muskeln aufgebaut und die wollen beschäftigt werden. Ich kann viel weniger lang stillsitzen und möchte mich öfter neuplatzieren, recken und räkeln. Wenn ich stehe und gehe, spüre ich, wie die neuerworbenen Muskeln mich halten. Mehr noch als diese großen Bewegungen jedoch faszinieren mich Mikrobewegungen, die mein Körper macht. Mir ist bislang nie aufgefallen, wie sich mein Körper z.B. verhält, wenn meine Katze auf meinem Schoß sitzt oder wenn ich aufgeregt bin. Er reagiert auf alle Reize, und das in sehr differenzierter Weise.

Zum anderen mein Geist. Ich habe, eigentlich nur weil ich einen Gutschein dafür bekommen habe, ein Handyspiel heruntergeladen. Es ist ein Wimmelbildspiel, bei dem man bestimmte Gegenstände im Bild suchen und dann kleine Rätsel erfüllen muß. Ich habe bisher überhaupt nicht gespielt, weder am Handy noch am PC, denn es erschien mir wie Zeitverschwendung. Jetzt bemerke ich, daß mein Gehirn wirklich gefordert wird – nach zehn Minuten spielen fühle ich mich richtig matschig, als hätte ich gerade einen kniffligen Text gelesen, den ich erstmal verarbeiten muß. Ich nehme an, mein Gehirn strukturiert sich gerade ein bißchen neu, weil das ein ungewohnter Reiz ist. Durch diesen Anstoß kommen auch andere Gedanken und Prozesse in Bewegung. Spannend, das zu beobachten.

Durch diese neue Bewegungsfreiheit im Innen und im Außen habe ich es diese Woche geschafft, zwei Dinge zu tun, die ich schon lange aufgeschoben hatte. Es hat sich befreiend und gut angefühlt, sie zu erledigen, und ich hoffe, daß mir das ein so positives Erlebnis verschafft, daß ich noch andere Dinge angehen kann. Auf Dauer würde ich z.B. gern mein Zimmer neugestalten, weil es mich schon lange stört, wie die Möbel stehen. Aber das braucht noch Zeit und vor allem Ideen.

Was ich in diesem Prozeß außerdem noch sehr hilfreich fand, war und ist mein Skizzenbuch, das ich unterwegs immer dabei habe. In ihm halte ich die Welt so fest, wie ich sie sehe, was für mich eine Versicherung ist, daß meine Wahrnehmung gültig ist.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Donnerstag, 12. November 2015 und wurde abgelegt unter "PTBS". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback senden von deiner eigenen Seite.

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