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Negativität fasten: Selbstverletzung

Diese Woche hat sich ein Konflikt entwickelt, mit dem ich nicht gerechnet habe. Ich finde es schon nicht einfach, Konflikte, die vorhersehbar sind, auszuhalten und souverän zu meistern, aber wenn ich ohne Vorwarnung in eine Situation gerate, in der ich das Gefühl habe, mit Ungerechtigkeit oder Ausgeliefertsein konfrontiert zu werden, kostet es mich alle Kraft, beherrscht und besonnen zu bleiben. Ich habe in der Vergangenheit erfahren, daß ich offenbar imstande bin, in Situationen, die mich verunsichern oder auch nerven nach außen sehr ruhig und eben souverän zu wirken, oft bis zur Arroganz. Das heißt ja eigentlich nur, daß ich es schaffe, das, was wirklich in mir vorgeht, zu verstecken – und da weiß ich nun nicht, ob das etwas Gutes ist. Das Bemühen, Situationen zu kontrollieren bzw. zumindest den Anschein zu erwecken, alles unter Kontrolle zu haben, ist für mich eng mit der PTBS verknüpft. Das Gefühl, die Kontrolle zu haben, gibt mir die Gewißheit, mein Leben und mich selbst samt aller Traumata und Erinnerungen im Griff zu haben. Wenn ich, wie in diesem oben angesprochenen Konflikt, die Kontrolle abgeben muß, ist das nur schwer zu ertragen.

Kontrollverlust kann zu Dekompensation führen, also dazu, daß bestimmte PTBS-Symptome schlimmer werden, daß Intrusionen auftauchen, daß ich dissoziiere und letztlich auch zu dem Wunsch, mich selbst zu verletzen. Diesen Teil meiner PTBS würde ich am liebsten ausklammern und gar nicht anschauen, denn er ist häßlich, fies und nicht vorzeigbar. Zumindest habe ich das sehr lange geglaubt. Ich habe versucht, mein selbstverletzendes Verhalten gar nicht als solches wahrzunehmen, weil es „nicht echt“ war. Als „echt“ habe ich Sachen wie Ritzen, Verbrennen und Bulimie/Magersucht angesehen – das war praktisch, denn da das alles nichts war, das ich tat, konnte das, was ich tue, ja nicht Selbstverletzung sein. Ziemlich krude Logik, aber naja.

Meiner Selbstverletzung ins Auge zu schauen, fiel mir sehr schwer. Ich bin dankbar dafür, daß ich das in therapeutischer Begleitung tun durfte und daß mir mit Akzeptanz und Offenheit begegnet wurde. Als ich die ersten Male vor einer anderen Person benannte, was ich tue, und wie sich dieser Schmerz und der Haß, der sich dadurch ausdrückt, anfühlen, war das ein wichtiger und seltsamer Moment. Wichtig, weil er mir ins Bewußtsein rief, was ich da tue. Seltsam, weil ich anfangs überhaupt kein schlechtes Gewissen dabei hatte, es im Gegenteil gar nicht begreifen konnte, daß mir jemand Mitgefühl (nicht Mitleid!) entgegenbrachte und es schade fand, daß ich diesen inneren Druck so kompensiere. Seither sind viele Monate vergangen. Ich habe es geschafft, über Dinge zu sprechen und sie so nach außen zu befördern. Ich wurde gehört. Meine Geschichte und meine Wahrnehmung spielen eine Rolle. Einen Zeugen zu haben, hat meine Perspektive auf viele Vorkommnisse verändert. Das alles nahm viel Druck, aber nicht den gesamten. Noch immer gibt es Momente, in denen ich dazu tendiere, mir wehzutun. Warum? Weil es ein über Jahre hinweg eingeübtes Ritual ist, das allein durch seinen einstudierten Ablauf beruhigt. Weil es leicht ist, in Momenten des Kontrollverlustes und der Dekompensation außer Schmerz nichts mehr zu fühlen bzw. nichts mehr fühlen zu wollen, und weil das dazu führt, daß ich mir sehr viel einfacher egal sein kann.

Ich habe in der Therapie gelernt, daß Selbstverletzung nicht immer das Schlechteste ist. Das klingt zynisch, denke ich, zumindest für Menschen, die mit dem Thema nichts am Hut haben. Aber manchmal ist es der Schmerz und das Zulassen des Selbsthasses, was hilft, diese Emotionen zu fühlen und dann auch wieder gehen zu lassen.

Ich wäre stolz darauf, wenn ich diesen Artikel, den ich im Zusammenhang mit meinem Vorhaben schreibe, in der Fastenzeit auf Negativität gegenüber mir selbst zu verzichten, damit abschließen könnte, daß ich feststelle, mich schon sehr lange nicht mehr selbst verletzt zu haben. Leider kann ich das nicht. Gerade in diesem aktuellen Konflikt wurde Selbstverletzung der einzige Ausweg, den ich für meine Gefühl von Kontrollverlust, Zorn und Aggression gesehen habe. Anders als zuvor ist jedoch, daß ich meine Fastenzeit damit nicht als gescheitert betrachte. Vielmehr möchte ich es so sehen, daß ich einen weiten Weg gekommen bin, auf dem ich viel gelernt habe, daß es aber manchmal einen Rückschritt gibt, der mich dazu animiert, es nochmal zu versuchen.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Mittwoch, 16. März 2016 und wurde abgelegt unter "PTBS, Spirit & Verse". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback senden von deiner eigenen Seite.

1 Kommentar

  1. Athena:

    Kontrollverlust ist für mich auch ein großes Thema… Also wie groß meine Angst davor ist. Sobald ich die Kontrolle über eine Situation verliere oder vermeintlich über mein weiteres Leben, dann spult sich ein Programm ab und all die Angstkrisen gehen von vorn los… Die Depression, die Panik… Sollte ich mich wohl doch mal näher mit der Trauma-Thematik auseinander setzen…

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