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Mittsommer 2016

Wie ich schon schrieb, ist mein Terminkalender gerade rappelvoll mit Terminen, die viel Zeit und Energie brauchen. Da ich seit Jahren keine eigentlichen Rituale mehr feiere, war ich etwas überrascht davon, plötzlich wahrzunehmen, daß ich zu Litha gern „irgendwas“ machen wollte. Mir war allerdings auch direkt klar, daß das sicher nichts mit Kerzen, Räucherwerk und unterm Vollmond tanzen zu tun haben würde 🙂

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Am Samstag hatte ich ja meine alte Knetmaschine aus dem Keller geholt und war so begeistert davon, wieder ohne Hilfe Brot backen zu können, daß mir direkt in den Sinn kam, mal wieder ein Flechtbrot bzw. einen Hefezopf zu backen. Backen bzw. Kochen sind meine täglichen Rituale, die dem Alltag Struktur geben. Beides kann aber auch zu einem spirituellen Ritual werden.

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Ich denke, der Unterschied zwischen diesen beiden Ritualformen ist eigentlich nur das Einlassen bzw. die Energielenkung. Im Alltag geht es meist darum, möglichst effektiv und damit zeitschonend zu kochen und dabei gleichzeitig meine Familie und mich selbst mit Nahrung und Gemeinschaft (beim Essen) zu versorgen. Dahinter steckt letztlich auch ein Wert, den ich gern pflege und weitergeben möchte, nämlich sich für die Mahlzeiten Zeit zu nehmen und das Essen bzw. den Koch zu würdigen. Mit PTBS ist es immer wieder ein Thema, für sich selbst gut zu sorgen und sich in jeder Hinsicht zu nähren.

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Dahingegen macht für mich das spirituell-rituelle Kochen und Backen aus, mich auf einer Art Meta-Ebene auf das Geschehen einzulassen. Während ich das Korn mahle, wandern meine Gedanken zu John Barleycorn und zum Kornwolf. Die Eidotter in meiner Schüssel leuchten mir wie kleine Sonnen entgegen und lösen Erinnerungen an längst vergangene Zeiten aus, wo ich gar nicht fassen konnte, daß in jeder Eierschale so eine perfekte orange-goldene Kugel schwimmt.

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Der Knetvorgang wirft für mich die Frage auf, aus welchen heterogenen Elementen ich selbst bestehe, und wie sie sich zusammen zu einer Einheit fügen. Ich schaue dem Teig zu und prüfe ihn hin und wieder. Es braucht seine Zeit. Wo will ich Dinge überstürzen, wo bin ich geduldig?

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Der Teig muß bei der Wärme eigentlich nur eine halbe Stunde gehen, aber wie bei meinen Broten drücke ich ihn mehrmals zusammen und lasse die Hefe noch länger arbeiten. Wieder kommen Erinnerungen hoch. Vor 20 Jahren habe ich mit einem geschenkten Brotbackautomaten angefangen. War ich damals schon der, der ich heute bin?

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Während ich den Teig auswelle, denke ich an den Tag, als ich das Holz gekauft habe, und während ich die Füllung auftrage und schließlich den Teig flechte, kommen mir Erinnerungen an andere Ritualbrote, die ich gebacken habe.

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Beim Flechten der Teigstränge muß ich auch über die Frage nachdenken, mit wem ich verbunden bin. Bin ich bindungsfähig? Lieber ein einsamer Wolf? Wo bin ich Verknüpfungen eingegangen, aus denen ich mich gern lösen würde? Wo werde ich mit anderen „verbacken“, ohne das zu wollen?

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Daß dazu die Sonne in meine Küche scheint – am bisher einzigen richtig sonnigen Tag seit langem – paßt absolut. Hin und wieder berühren meine Gedanken Dinge, die ich mit vergangenen Mittsommerfesten verbinde, und ehe ich es mich versehe, ist der Zopf im Ofen.

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Am Abend spüre ich meinen Körper schwer und müde. Was sich in einem Blogpost in zwei Minuten liest, hat vier Stunden gedauert – definitiv ein langes Ritual. Ich esse vom Zopf, teile ihn mit anderen, und schaue mir noch einmal im Kurzdurchgang meine Gedanken und Emotionen vom Nachmittag an. Da war Sonne und Schatten, Süße und Bitterkeit. Wenn alles im Ausgleich ist, bin ich in Balance. Mittsommer markiert den Abschied von der Sonne, denn auch wenn uns die richtig heißen Tage noch ins Haus stehen, die Sonne wird von jetzt an weniger lang am Himmel stehen. Wie gehe ich in die Hitze hinein? Wie in die Dunkelheit?

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Dienstag, 21. Juni 2016 und wurde abgelegt unter "Fruit & Root, Housekeeping, Spirit & Verse". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback senden von deiner eigenen Seite.

2 Kommentare

  1. Athena:

    Sehr sinnhaft und schön, finde ich <3
    Und Glückspilz, der Du bist, hat bei Dir sogar die Sonne geschienen – davon kann ich hier nur träumen gerade 😉
    Ich wünsche Dir ein gesegnetes Litha, lass es Dir gut gehen und genieße den Sommer weiterhin. LG

  2. Liam:

    Danke Dir 🙂 Ab morgen soll es bei uns richtig heiß werden, da bin ich jetzt nicht so scharf drauf…

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