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Räucherstäbchenfrau

Früher ist es mir oft passiert, daß ich „seltsame“, aber irgendwie doch immer bereichernde Begegnungen mit Menschen hatte. Ich habe im ursprünglichen Text an dieser Stelle ein paar Beispiele genannt, die ich aber wieder gelöscht habe, weil ich fand, daß sie nur für mich gedacht waren, obwohl es schön war, mich daran zu erinnern. Jedenfalls gab es in den letzten Jahren keine dieser Begegnungen mehr. Ich hatte die Tür zu anderen Menschen komplett geschlossen und wer selbst mit kPTBS und/oder sozialen Phobien lebt, wird das nachvollziehen können. Ich war nicht mehr offen und bereit für solche intensiven Begegnungen mit Fremden.

Durch die Therapie hat sich scheinbar etwas geändert. Ich kann es selbst nicht benennen, aber seit ein paar Monaten ergeben sich plötzlich wieder solche Begegnungen. Manchmal werde ich im Supermarkt angesprochen, manchmal auf offener Straße oder während ich in einem Wartezimmer sitze. Etwas an mir, meiner Gestik und Mimik muß sich geändert haben, denn mein eigentliches Verhalten habe ich nicht verändert. Jedenfalls scheine ich wieder zu signalisieren, daß ich offen bin.

Und das ist das Seltsame, denn wenn ich die Wahl hätte, würde ich solche Begegnungen nach wie vor vermeiden. Ich bin nicht gut mit Menschen. Mir leuchtet nicht ein, wozu Smalltalk gut sein soll, weil er vermutlich Ziele verfolgt, die nicht meine sind. Ich habe allgemein wenig Interesse an Menschen, halte sie in der Regel für unberechenbar und daher gefährlich (bestes Beispiel: Fahren auf der Autobahn). Mich auf Menschen einzulassen, war und ist immer ein Kampf. Ironischerweise ist mir oft gesagt worden, daß ich ein guter Zuhörer bin. Ich habe mich stets gefragt, warum niemand die auf der Hand liegende Frage stellt, nämlich: warum erzählst Du nichts von Dir? Irgendwann ging mir auf, daß ich sowas wie eine Fassadenidentität habe. Ich schaffe es also, Menschen glauben zu machen, daß sie sehr viel über mich wüßten oder daß es nicht viel zu wissen gäbe. Habe durch ein früheres Blogprojekt auch die Erfahrung gemacht, daß Menschen glauben, das, was ich ganz bewußt von mir im öffentlichen Raum zeige, gäbe Auskunft darüber, wer ich wirklich bin und was wirklich in meinem Leben und in mir drin passiert. Das fand ich immer rührend und irgendwie auch lustig, weil ich stets davon ausgegangen bin, daß anderen – genau wie mir selbst – klar ist, daß das, was man sieht, immer nur ein kleiner Ausschnitt ist, der verschiedene Instanzen der Zensur durchlaufen hat, bis er dann mal öffentlich wird. Aber vielleicht ticken andere Menschen gar nicht so. Vielleicht schützen andere Menschen sich selbst, ihre inneren Prozesse gar nicht so stark wie ich das tue. Ich nehme an, auch das unterscheidet Traumatisierte von Nichttraumatisierten.

Während ich jetzt gerade schreibe, merke ich, wie spannend ich das Thema finde, obwohl ich eigentlich etwas ganz anderes erzählen wollte 🙂

Heute jedenfalls hatte ich mal wieder eine kurze, intensive Begegnung mit einer Fremden. Ich saß im Auto, stand auf einem Parkplatz und wartete. Die Frau kam mit einer Kiste zu mir und drückte mir Räucherstäbchen in die Hand. Dazu erzählte sie mir die Geschichte von dem indischen Dorf, in dem diese Stäbchen aus Naturingredienzien handgerollt werden. Sie habe diese Räucherstäbchen mit nach Deutschland gebracht und verkaufe sie hier, um diesem Dorf zu helfen. Ich hörte ihr eine Weile zu, kaufte ihr dann zwei Päckchen ab. Drei Stäbchen schenkte sie mir noch dazu, und dann, als sei es ganz wichtig und der eigentliche Grund ihrer Kontaktaufnahme, hat sie mir etwas gesagt, das mich im Grunde geschockt hat. Weil es so paßt, zu mir, meinem Leben, meinen Wünschen und irgendwie auch zur aktuellen Zeit, wo das besagte Thema gerade mal wieder am Köcheln ist. Und das klingt jetzt in mir nach.

Ich habe das Gefühl, wieder auf dieser Welle zu reiten, wie ich das von früher kenne. Ich weiß nicht, ob ich dafür bereit bin, aber scheinbar muß ich dazu auch gar nicht mein Einverständnis geben – es passiert einfach so. Verwirrend und irgendwie auch schön…

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Dienstag, 21. Juni 2016 und wurde abgelegt unter "Spirit & Verse". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback senden von deiner eigenen Seite.

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