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Non-Cis-Yoga

Ich muß jetzt mal festhalten, daß ich stolz auf mich bin. Ich habe es letzte Woche und diese Woche so far geschafft, mehr Yoga zu machen, als ich ursprünglich als mein Ziel definiert hatte. Außerdem habe ich ein paar Kriyas gemacht, die ich schon lange nicht mehr oder sogar noch nie gemacht habe und die durchaus fordernd waren. Meistens habe ich zum Aufwärmen 10 statt meiner bisher üblichen 5 Kilometer geradelt. Whoohoo! 🙂

Diese Woche haben mich ein paar Gedanken bezüglich Yoga und meiner persönlichen Yoga-Praxis umgetrieben, angestoßen u.a. von diesem Video hier, in dem Nisha Ahuja über Yoga und kulturelle Aneignung spricht. Sie sagt, daß das Bild, das wir im Westen von Yoga haben, von weißen, schlanken Cis-Menschen dominiert wird und daß dadurch ein verzerrtes Bild von der Realität von Yoga entsteht. Der Ursprung von Yoga wird hinter diesem Image unsichtbar und dieses Image trägt die Verantwortung dafür, daß Yoga vermarktbar geworden ist (Yogakleidung, Bücher und DVDs, sog. Yoga-Experten, hochpreisige Kurse, spezielle Musik und Accesoires etc.).

Bei mir persönlich rennt dieses Video offene Türen ein, denn ich bin – offensichtlich – weder schlank, noch fit, noch Cis. Gleichzeitig stellt mich das aber auch vor ein gewisses Wahrnehmungsproblem. Ich sehe natürlich, daß das Vorzeigebild des Yogapraktizierenden, dieses Klischeebild also nicht besonders viel mit mir zu tun hat. Allerdings ist das meine alle Bereiche betreffende Realität, die sich eben nicht nur auf den Yoga-Space beschränkt. Daher habe ich mir über die Jahre hinweg angewöhnt, schlanke, weiße Cis-Menschen als eine Art Platzhalter zu betrachten. Für die schlanke, weiße Cis-Frau auf dem Yoga-Magazin trifft das genauso zu wie für den schlanken, weißen Cis-Mann, der für Maultaschen auf dem Plakat neben der Bushaltestelle wirbt. Ich nehme diese Photos zwar wahr, aber ich halte sie nicht für wahr. Das macht für mich einen Unterschied. Es ist irgendwie so, als würde ich eher die Message dahinter herausfiltern, bei der Yoga-Zeitschrift etwa „die Person auf dem Cover ist glücklich mit ihrer Yoga-Praxis“ und bei der Maultaschenwerbung etwas Vergleichbares. Es ist schwer in Worte zu packen. Vielleicht kann ich es so formulieren: meine Bild von Realität, meine Lebenserfahrung und meine eigene Realitätsbubble haben mich mit dem Wissen ausgestattet, daß das, was sich mir zeigt, immer nur ein Aspekt ist. Oder ein Vorschlag. Möglicherweise bin ich auch zu bequem, um mich von jedem schlanken, weißen, fitten Cis-Menschen, der für irgendetwas stehen oder werben soll, angepisst zu fühlen.

Ich möchte auch noch dazuschreiben, daß ich finde, daß es einen großen Unterschied macht, wie man mit Kulturgütern anderer Länder umgeht – und das ganz unabhängig davon, ob diese Länder mal von Weißen kolonisiert wurden oder nicht. Will sagen: ich kann Dinge einfach nur benutzen und auslutschen, oder ich kann respektvoll und bewußt mit ihnen umgehen. Ich bezweifle aber einfach, daß Menschen, die wie Heuschrecken über etwas herfallen (ob nun über Kulturgüter anderer Länder, das Büffet im Restaurant oder natürliche Ressourcen ist ganz egal) und es „verbrennen“/aussaugen, imstande wären, sich überhaupt irgendeiner Sache respektvoll zu nähern. Mindfulness ist etwas, das sich meiner Meinung nach nicht auf Teilgebiete erstreckt. Ich habe für mich den Anspruch, mich allen Dingen respektvoll und achtsam zu nähern – es muß gar nicht immer zu 100% gelingen, denn wichtiger ist die Einstellung, die dem zugrunde liegt. Klar, irgendwo muß ein Anfang gemacht werden, und vielleicht ist das für irgendwen ja tatsächlich im Kontext von Yoga und kultureller Aneignung, aber alles in allem bezweifle ich, daß un-bewußte Menschen verstehen werden, worum es geht.

Manchmal denke ich, ich bin auch einfach zu unbedarft. Ich nehme mir, was funktioniert, und lasse den Rest weg. Ich nehme mir die Freiheit heraus, Dinge für meine Bedürfnisse anzupassen, sie umzuwandeln und weiterzuentwickeln. Ich halte das für ein Phänomen von Globalisierung. Um beim Yoga zu bleiben: viele Asanas kann ich nur in einer abgewandelten Form praktizieren, weil ich sie aufgrund meiner körperlichen Realität nicht wie im Original beschrieben hinbekomme. Meine Yoga-Richtung ist eng mit Sikhi verbunden, mit dem ich so gar nichts am Hut habe. Aufgrund dieser beiden Dinge funktioniert Kundalini Yoga für mich nicht weniger gut. Ich würde eher sagen, es funktioniert noch besser, weil ich es personalisiert habe. Ich bekomme einen echten Bezug dazu, weil ich einen Teil von mir hineingebe und nicht nur unreflektiert wiederhole, was mir vorgekaut wird. Ich bin extrem interessiert an anderen Menschen und Kulturen, an anderen Lebens-, Ernährungs- und Heilweisen und das hilft mir sicher, open-minded zu bleiben und zu reflektieren.

Möglicherweise stellt sich die Frage nach kultureller Aneignung im Kundalini Yoga auch nicht, weil es von Yogi Bhajan ganz bewußt in den Westen gebracht wurde. Das unterscheidet Kundalini Yoga von anderen Yoga-Richtungen. Ich selbst betrachte es als ein Geschenk, das Yogi Bhajan uns gemacht hat, und ich nehme dieses Geschenk freudig und mit Respekt an. Jedesmal, wenn ich Yoga praktiziere, und jedesmal, wenn ich in meinem Alltag ganz klar wahrnehme, welche Benefits mir Yoga schenkt, bin ich unglaublich dankbar. Yoga hat mein Leben um einiges bereichert und es in vielen Teilen verbessert.

Ich merke, daß es für mich ziemlich schwierig ist, über kulturelle Aneignung nachzudenken, weil ich mich selbst nicht als „Beutegreifer“ sehe, der andere Kulturen ausplündert. Im Dialog mit Menschen aus anderen Kulturkreisen ist mir auch nie das Gefühl gegeben worden, ich wäre übergriffig, weil ich mich für ihre Kultur interessiere – im Gegenteil. Oft wurde ich ermutigt, mich näher mit den Themen, die mich ansprachen, zu beschäftigen, und mir wurde gesagt, daß es schön ist, daß ich so offen und interessiert bin. Auch weil es die Menschen dazu bringt, selbst nochmal näher hinzugucken. Dazu fällt mir noch ein Beispiel aus dem Kundalini Yoga/Sikhi ein: neulich sah ich ein Video, in dem ein Sikh, der im Punjab geboren und aufgewachsen ist, diejenigen Amerikaner, die durch Yogi Bhajan zum Sikhi konvertierten, aufforderte, nach Indien zu kommen und über Sikhi zu sprechen. Er sagte, in Amerika würde die Sikh-Tradition prosperieren und durch die weißen Konvertierten weiterentwickelt werden, und er würde genau das in Indien vermissen. Das ist doch ein wunderbares Beispiel dafür, wie ein kultureller Dialog funktionieren kann.

Noch ein Video-Tip: Who owns Yoga?

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Donnerstag, 26. Februar 2015 und wurde abgelegt unter "Yoga". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback senden von deiner eigenen Seite.

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