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Traumasensibles Yoga

Im Moment lese ich das Buch von Emerson/Hopper („Trauma-Yoga. Heilung durch sorgsame Körperarbeit“). Ich kann das Buch allen, die sich für das Thema auch nur ansatzweise interessieren, sehr empfehlen. Es hat mich derart gefesselt, daß ich es  geradezu verschlinge 🙂

Bei der Lektüre ist mir klar geworden, daß Kundalini Yoga viele der Aspekte, die die Autoren in Hinblick auf traumasensibles Yoga für wichtig halten, erfüllt, und daß ich, als ich mich für diese Yogaform entschieden habe, (vielleicht unbewußt) eine für mich goldrichtige Wahl getroffen habe. Kundalini Yoga wird „hands off“ unterrichtet. Das heißt, der Unterrichtende berührt seinen Schüler nicht, sondern gibt lediglich verbal Hinweise, worauf er achten sollte. Oder könnte, denn wie in keiner anderen Yogaform, die ich ausprobiert habe, betont das Kundalini Yoga die Eigenverantwortlichkeit für den eigenen Körper und die eigene Praxis. Das heißt, man ist angehalten, nur soweit in jede Position hineinzugehen, wie es die eigenen (körperlichen oder emotionalen) Grenzen zulassen. Für alle Übungen gibt es Varianten, die ggf. einfacher nachzuvollziehen sind, z.B. im Sitzen oder im Liegen. Man kann die Anzahl der Wiederholungen oder die vorgegebene Zeit reduzieren. Und wenn man sich gar nicht imstande sieht, eine Übung zu machen, dann kann man versuchen, in ihr Atemmuster einzustimmen und sie ansonsten zu visualisieren. Obwohl man dazu aufgefordert wird, sich seinen Grenzen zu nähern oder, falls einem das möglich ist, über sie hinauszugehen, hat man also stets die Wahlmöglichkeit und behält damit jederzeit die Kontrolle über die Situation. Außerdem kommt Kundalini Yoga ohne spezielle Hilfsmittel wie Gurte aus, die für manche traumatisierte Menschen schwer bis unmöglich zu ertragen wären.

Der Atem spielt im Kundalini Yoga eine zentrale Rolle. Die bewußte Atemführung ist essentieller Bestandteil der Kundalini Yoga Erfahrung. Es gibt verschiedene Atemtechniken, die jeweils bestimmte Energien fördern (oder auch dämpfen). Während der Asanas achtet man besonders auf die korrekte Atemführung: beim Hineingehen atmet man ein und denkt „Sat“, beim Hinausgehen atmet man aus und denkt „Nam“. Sat Nam ist eins der wichtigsten Mantren in dieser Yogaform und bedeutet soviel wie „wahrer Name“. Durch das bewußte Atmen lernt man, es überhaupt wahrzunehmen, und erfährt es als lenkbar. Das, was ich beeinflussen kann, entzieht sich mir nicht länger – für Traumatisierte kann das bedeuten, daß sie ihren Körper nicht mehr als Gegner oder Feind betrachten, sondern allmählich lernen, ihn zu kontrollieren und dadurch an Vertrauen zu ihm dazugewinnen. Atem und dynamische Bewegung zusammen helfen dabei, die Rhythmen des eigenen Körpers kennenzulernen, und indem man die Asanas mit den anderen Kursteilnehmern synchron ausführt, begreift man, daß man fähig ist, sich auf andere Menschen einzulassen. Insofern kann Kundalini Yoga dabei helfen, sich anderen Menschen auch im Alltag zu öffnen und sie möglicherweise nicht länger als potentielle Aggressoren wahrzunehmen.

Eine Kundalini Yoga Einheit besteht immer aus einer Einstimmung, einer Kriya (also einer Übungsfolge), einer Entspannungssequenz, einer Meditation und einer Ausstimmung. Durch ihren rituellen Charakter ist sie sehr verläßlich und das wiederum sorgt dafür, daß man Sicherheit dazugewinnt. Gerade für Traumatisierte sind ja solche verläßlichen, ritualisierten Abläufe ein stabilitätsstiftendes Element.

In seiner spirituellen Dimension kann Kundalini Yoga helfen, mit der inneren Stimme, dem inneren Führer oder, wie es in dieser Yogaform formuliert wird, dem inneren Guru in Kontakt zu treten. Die Chance für Traumatisierte liegt hierbei meiner Meinung nach darin, daß sie, wenn sie das zulassen können und möchten, begreifen können, daß sie Teil der Schöpfung und darum in ihrer Individualität und mit all ihren Bedürfnissen, Erlebnissen und Fähigkeiten ganz einzig und wunderbar sind. Das kann zu größerer Wertschätzung für die eigene Person und zu der Erkenntnis führen, daß der ureigene Wert von der Traumatisierung gänzlich unangetastet bleibt.

Alles in allem denke ich, daß Kundalini Yoga ausgesprochen gut für Traumatisierte geeignet ist. Jedenfalls erlebe ich selbst das so. Das Einzige, was mich ein wenig stört bzw. merkwürdig berührt ist der Personenkult um Yogi Bhajan. Ich bin ihm sehr dankbar dafür, daß er Kundalini Yoga in den Westen gebracht und mit uns geteilt hat, aber ich betrachte ihn nicht als Guru und käme sicherlich nicht auf die Idee, mir ein Bild von ihm in meine Yogaecke zu stellen oder so – aber das muß ich ja auch nicht 🙂

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Sonntag, 1. März 2015 und wurde abgelegt unter "Yoga". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback senden von deiner eigenen Seite.

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