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Kreative Blockaden durchschwimmen

Letzte Woche habe ich mir bei meinem Lieblingskünstlerbedarf fast 5 kg Speckstein in verschiedenen Farben gekauft. Als ich mir daheim die Menge angeguckt habe, sah das doch etwas…mehr aus als im Laden. Fast ein bißchen entmutigend. Ich meine, ich gebe gern Geld für kreative Tools aus, und inzwischen habe ich eine zwar nicht überbordende, aber doch anständige Sammlung verschiedener Materialien und Werkzeuge. Aber oft, wenn ich Zeit und Muse hätte, kreativ zu werden, renne ich gegen eine Mauer. Ich bin blockiert. Nicht, weil es an Ideen mangeln würde (oder an Material), sondern weil ich mir selbst nicht zutraue, etwas zu erschaffen, das es wert wäre, erschaffen zu werden.

Es ist, als würde ich glauben, ich wäre es nicht wert, Materialien zu verbrauchen und Werkzeug möglicherweise zu verschleißen, wo ich oft gar nicht weiß, wie das Ergebnis aussehen wird. Das steht im krassen Gegensatz zu meinen kreativen Impulsen, aus denen oft Dinge hervorgehen, die ich wirklich mag. Wirklich verstehen kann ich das noch nicht. Ich bin es mir zwar wert, gute Dinge zu essen und (inzwischen) die Kleidung zu tragen, die mir gefällt, aber wenn es darum geht, daß ich auch nur ein Blatt Papier oder Farben oder gar einen ganzen Klumpen Speckstein „vergeuden“ könnte, dann kneife ich. Lieber lasse ich es dann sein, als das Material zu verschwenden, wenn die Umsetzung mißlingt.

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In der Kunsttheorie gibt es ja grundsätzlich zwei unterschiedliche Ansätze. Der Erste besagt, daß Kunst zu 99% aus Kreativität und zu 1% aus Können besteht, der Zweite behauptet genau das Gegenteil und deklariert, daß Technik und Können fast alles seien. Ich tendiere leider dazu, meine Meinung zu diesem Thema zu ändern, wie es gerade paßt. Es gibt kreative Bereiche (z.B. Nähen, Kochen und Schreiben), da traue ich mir praktisch alles zu. Da bin ich im Flow und habe auch kein Problem mit vermeintlichen Fehlschlägen, aus denen man ja doch immer noch Erfahrung für spätere Projekte zieht. Und dann gibt es kreative Bereiche (z.B. Malen), da traue ich mir rein gar nichts zu. Ich habe versucht, das Problem dadurch zu lösen, es einfach zu tun. Das Ergebnis war, daß ich mich als einen untalentierten Idioten empfunden habe, der überhaupt nichts malen kann. Nicht mal ein Strichmännchen. Ich habe versucht, dem Problem beizukommen, indem ich Technik gepaukt habe. Das hat zumindest dazu geführt, daß ich mir nicht mehr ganz tölpelhaft vorkomme. Aber wirklich wohl ist mir beim Malen dennoch nicht – und das, obwohl ich so gern male.

Ich denke dann gern an meine Kindheit zurück. Bis ich zwölf, dreizehn war, war es mir egal, was andere davon hielten, wie ich zeichnete. Ich fand es sogar überaus befremdlich, daß im Kunstunterricht Noten verteilt wurden. Und dann ist es irgendwie gekippt. Daß ich mir heute beim Zeichnen und Malen nichts zutraue, ist das Ergebnis verschiedener Beeinflussungen von außen und innerer Prozesse. Ich würde das gern ändern. Ich würde gern besser von meinen Fähigkeiten und meinen Werken denken, aber Zeichnen scheint so tief in meine Seele hineinzureichen, daß es schwieriger als beim Nähen oder Specksteinschleifen ist, die Denkmuster aufzulösen, die mich blockieren. Doch was ich bei anderen als individuellen Zeichenstil, als charmant, individuell oder interessant empfinde, finde ich bei mir selbst nur naiv und blöd. Verdammt schade. Schade auch, daß mich die Arbeiten anderer eher entmutigen als mich zu inspirieren – denn das ist in anderen kreativen Bereichen total anders.

Gestern und heute jedenfalls habe ich mich an mein drittes Specksteinprojekt gewagt. Diesmal habe ich keine Bilder vom Prozeß gemacht (Memo an mich selbst: wenigstens immer ein Bild vom ursprünglichen Stein machen!), sondern nur vom fertigen und bereits polierten Seehund.

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Ich bin sehr zufrieden. Er ist nicht ganz ebenmäßig und ein wenig mopsig, aber ok – für Specksteinarbeit Nummer 3 echt gut. Die Schwanzflossen habe ich darzustellen versucht, indem ich den Stein mittig mit der Säge geteilt und dann die „Zehen“ eingeritzt habe. Ich finde, das ist ganz gut gelungen. Interessant war an diesem Projekt, daß ich mir vorgenommen hatte, einen Seehund zu schleifen, als mein Blick auf einen schwarzen Speckstein fiel, der bereits ein wenig an einen Seehund erinnerte. Ich mußte die Form nur herausarbeiten und verfeinern. Vielleicht ist das ja überhaupt der Trick: mich darauf einlassen, was ohnehin schon vorhanden ist, und das dann „einfach“ in die Existenz holen.

Ursprünglich sollte der Seehund aufrecht sitzen, aber schwimmend gefiel er mir noch besser. Als Kind war der Seehund eine Weile bei mir. Meine Mutter hat mir einen Stoffseehund geschenkt, weil sie immer gesehen hat, wie ich bei einem Hörspiel, in dem ein Seehund vorkam, jedesmal ganz verzückt war, wenn er auftauchte. Und im Zoo meiner damaligen Heimatstadt gab es auch Seehunde, denen ich stundenlang zugucken konnte. Die Erinnerung an damals und meinen Seehundbegleiter scheint mir gerade zur passenden Zeit zu kommen. Es ist eine Verbindung in eine Zeit, die ich als heil und unbeschwert erlebt habe, nicht nur in kreativer Hinsicht. Ein bißchen was davon könnte ich gerade sehr gut gebrauchen…

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Montag, 2. März 2015 und wurde abgelegt unter "Craft & Creation". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback senden von deiner eigenen Seite.

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