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Viva Emptiness

Die letzten anderthalb Jahre waren für mich extrem belastend. Mir ist klar, daß ich aufgrund meiner komplexen PTBS schon vorgeschädigt bin und daher auf Streß, Veränderungen und andere destabilisierende Faktoren anders reagiere als nicht-traumatisierte Menschen, aber ich habe das Gefühl, daß die Dinge, mit denen ich fertig werden mußte, auch psychisch gesunde Menschen belastet hätten. Wenn mir diese schwere Zeit etwas gezeigt hat, dann daß ich mich auf mich selbst verlassen kann und mir selbst sehr effizient beistehen und helfen kann. Was mir die Zeit aber auch gezeigt hat, ist leider, daß ich ziemlich allein dastehe.

Der erste Schlag war, daß sich Menschen, die ich für meine Freunde gehalten habe, in einer Phase, in der ich akut Beistand und Bestärkung gebraucht hätte, abgewandt haben. Die meisten ganz feige, ohne mit mir darüber zu sprechen. Sie haben sich einfach nicht mehr gemeldet. Es gab aber auch Menschen, die mir erklärt haben, daß sie die Prozesse, durch die ich gehe, nicht mittragen wollen. Das war mutig und ehrlich, aber angesichts der Dinge, die ich für diese Menschen getan habe, armselig.

Ich habe mich vor kurzem aus einem Projekt zurückgezogen, das ich fast sieben Jahre sehr enthusiastisch gepflegt habe. Ich bin sang- und klanglos verschwunden und habe die Tür hinter mir zugezogen. Es war vielleicht nicht ganz fair, doch ich sah keinen anderen Weg mehr, weil ich in diesem Projekt immer sprachloser wurde, weil die Dinge, die ich getan und gesagt habe, stark negativ bewertet wurden. Vielleicht war es auch einfach naiv von mir, offen zu sein, wo mir eigentlich klar ist, daß nicht jeder Mensch für Traumatisierte sensibel genug ist. Da prallen einfach zwei grundlegend andere Weltsichten aufeinander, und darum wird der Dialog schwierig. Oder sogar unmöglich. Es ist gut, daß ich dieses Projekt verlassen habe. Gleichzeitig jedoch verspüre ich so etwas wie Verwirrung und Enttäuschung über die ausbleibenden Reaktion auf meinen Abschied. Ein einziger Mensch hat mich gefragt, warum ich gegangen bin. Einer. Was ist mit all den anderen, die mich die Jahre über begleitet haben, die gern angenommen haben, was ich gegeben habe? Daß da nicht einmal eine Nachfrage kommt („alles ok mit Dir?“), finde ich schon sehr verletzend. Ganz besonders von den paar Individuen, mit denen ich näher zu tun hatte.

In der Folge fühle ich mich jetzt gerade bestürzend frei. Vor allem frei von Bindungen und Verbindlichkeiten. Es ist außer meinem Partner niemand geblieben – ist das nicht verrückt? So allein stand ich noch nie in meinem Leben da und es fühlt sich komisch an. Verunsichernd, aber auch verlockend. Ich habe gedacht, daß es mich verängstigen würde, doch dem ist nicht so. Ich fühle eher Verbitterung und Verletzung angesichts dieses breiten Spektrums menschlichen Versagens.

Darüber, wie sich diese vollständige Leere entwickeln könnte, mag ich noch gar nicht nachdenken. Die kPTBS macht es mir in sozialen Belangen ohnehin schwer genug und angesichts dieser Enttäuschung habe ich gerade keinerlei Offenheit für neue Kontakte. Das ist ok, ich kann diese Leere aushalten, ich kann sie sogar genießen. Vielleicht ist sie die Abwesenheit von Druck, die ich gerade so dringend brauche. Jedenfalls sehe ich auf einmal viele Perspektiven für die Zukunft, die mir bisher eher vage und nicht so wahrscheinlich vorkamen, zum Beispiel ein Leben im Ausland. Hier bindet mich nichts mehr.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Montag, 25. Mai 2015 und wurde abgelegt unter "Allgemein". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback senden von deiner eigenen Seite.

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