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Foraging in der Stadt

Ich selbst wohne seit ein paar Jahren auf dem Land, nachdem ich den Großteil meines Lebens in der Großstadt gelebt habe (rund 350.000 Einwohner). Es war eine bewußte Entscheidung, die Stadt hinter mir zu lassen. Vielleicht klingt es komisch, aber auch hier spielte die PTBS eine Rolle. In der Stadt war es leichter, in der Masse unterzugehen (das war positiv), aber es war auch viel lauter und es waren viel mehr Menschen um mich herum (das war negativ). Den typischen (oder klischeehaften) Aspekten des Landlebens habe ich mich allerdings nie hingegeben. Ich habe keinen Kontakt zu meinen Nachbarn, ich bin in keinem Verein, gehe in keine Kirche und versuche auch ansonsten, ein unberührtes Leben zu führen, weil es mir das sehr viel einfacher macht. Was mir aber fehlt und weiterhin vertraut ist, ist der „Spirit“ der Stadt. Ich bekomme sehr guten Zugang zu den Stadtgöttern oder Stadtdämonen oder wie immer man sie nennen will. Die Spirits auf dem Land sind ganz anders. Ich würde sagen, verschlossener, mürrischer, schrulliger. Sie sind vermutlich „baumischer“, wie Tolkien gesagt hätte. Es braucht länger, um Kontakt zu machen, aber wenn der Kontakt hergestellt ist, ist er bereichernd und reicht sehr tief. Hier auf dem Land kann ich die Wurzeln besser spüren, dafür ist die Stadt chaotischer – eine Energie, in der für mich immer auch Kreativität liegt.

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auch schon in der Stadt gefunden: (unreife) Zitronen

Stadt und Land bieten unterschiedliche Nahrungsquellen. Ich würde das nicht werten oder das eine dem anderen vorziehen, ich persönlich empfinde es sogar als Bereicherung, mobil zu sein, um die Vorteile beider Lebensräume zum Foraging zu nutzen. Viele Leuten scheuen davor zurück, wilde Nahrung in der Stadt zu suchen, weil sie befürchten, sie sei dreckig (Autoabgase, Hundewege etc.). Natürlich muß man in der Stadt schauen, von wo man Nahrung sammelt, aber das muß man doch auf dem Land genauso. Wir haben hier auch Bundesstraßen und Hundewege, obendrein Flugplätze, stark gespritzte Felder und ausgedehnte Industriegebiete. Wenn man einen Ort öfter besucht, am besten noch an unterschiedlichen Wochentagen und zu unterschiedlichen Tageszeiten, wird man mit ihm vertraut. Dann weiß man, ob er von vielen Hunden benutzt wird, ob es viel Verkehr gibt oder ob man hier unbedenkliche Nahrung sammeln kann. Ich habe zudem das Gefühl, daß sich der Ort an einen erinnert und, wenn er spürt, daß man ihm Wertschätzung entgegenbringt, irgendwann beginnt, mit einem zu kommunizieren.

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Mangold in einem Zierbeet

In der Stadt sammle ich gern in den entlegeneren Gebieten, zum Beispiel in Parks, an Bachläufen, in Hinterhöfen, auf großen, brachliegenden Grundstücken und ähnlichem. Wie auf dem Land gilt hier: im Zweifelsfall den Besitzer fragen, ob er Foraging gestattet. Die meisten Menschen reagieren positiv auf freundliche Anfragen, mögen es aber überhaupt nicht, wenn man ungefragt ihr Land betritt. Selbst wenn sie die dort wildwachsenden Schätze niemals selbst ernten würden, reagieren sie eifersüchtig darauf, wenn sie ihnen einfach weggenommen werden. Indem man den Dialog sucht, kann man möglicherweise obendrein Interesse für das, was vor der eigenen Haustür wächst, wecken. Und wenn man weiß, was man vor sich hat, steigt die Wertschätzung dafür.

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Noch ein Zierbeet. Hier könnte man Mangold, unterschiedliche Salbeisorten und Hibiscusblüten für Tee ernten.

Die frühen Jäger- und Sammlerkulturen waren ja vor allem deswegen keine Schriftkulturen, weil sie vom großzügigen Austausch von Wissen lebten, also eine starke mündliche Tradition hatten. Ich finde, mit diesem Geist kann man sich verbinden, wenn man anderen davon erzählt, was man da sammelt, wozu es gut ist und wie man es zubereitet.

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wächst mitten in der Stadt und ist sehr genügsam: wilde Rauke (Rucola), die ihresgleichen sucht

Im Gespräch mit den wenigen Menschen, die mich beim Sammeln ansprechen (interessanterweise sind das fast ausschließlich Frauen aus Ländern wie Kroatien, Rumänien, Polen etc., die das Sammeln wilder Kost noch aus ihrer Kindheit kennen), ist mir klar geworden, daß es große Ängste bezüglich der Giftigkeit von Pflanzen gibt. Ich denke, da hilft es dann besonders, wenn man erzählt, woran man die Pflanze erkennt, wann sie erntereif ist und wie man sie ggf. verarbeitet, falls man sie nicht roh essen kann. Im Zweifelsfall demonstriere ich einfach, daß man keine Angst haben muß, indem ich sie mir in den Mund stecke, während mein Gegenüber mir dabei zuguckt. Das nimmt die Furcht. Naja. Oder man wird für verrückt gehalten 😉

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nicht giftig, obwohl signalrot: die Kornellkirsche

Gerade in der Stadt ist es wichtig, beim Sammeln genug von der Pflanze für andere übrig zu lassen. Vögel und andere Tiere sind in der Stadt mehr noch als auf dem Land auf die vorhandenen Ressourcen angewiesen. Würde man z.B. alle reifen Früchte eines Baumes abernten, könnte es sein, daß sich deswegen eine Tierart nicht vernünftig ernähren kann. Wichtig ist auch, daß man die Kerne und Samen von Pflanzen ausspuckt und ihnen die Möglichkeit gibt, sich an einem anderen Standort anzupflanzen. Die Devise lautet: foragen, nicht plündern!

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neben Katzenhaaren haben sich hier Samenkapseln mit feinen Widerhaken in meiner Hose festgehalten. Ich habe sie ein ganzes Stück weit mitgetragen und dann abgelegt

Für mich hat Foraging neben dem schieren Nutzen der Sammlung von Nahrung auch immer einen spirituellen Aspekt. Ich gehe ein enge Beziehung mit dem Land und mit den Pflanzen ein. Pflanzen erzeugen Resonanz. Sie schwingen in uns weiter, ob wir sie nun ansehen, sie berühren oder gar durch den Mund in uns aufnehmen. Alles, was ich esse, wird zu einem Teil von mir, und ich werde zu einem Teil von ihm.

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ok, so einen Ausblick gibt es nur auf dem Land… 😉

Ich hoffe, ich habe Euch Lust gemacht, selbst einmal zu schauen, was in Eurer Umgebung wächst – die Stadt lebt 🙂

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Sonntag, 9. August 2015 und wurde abgelegt unter "Foraging, Fruit & Root". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback senden von deiner eigenen Seite.

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