gruener-mann.de

Lebenslänglich

Im Austausch mit anderen PTBS-Betroffenen fiel neulich die Frage, ob wir alle lebenslänglich hätten, weil viele PTBS-Patienten ihr Leben lang in Therapie oder in diversen Kliniken sind und ihre Probleme doch nie in den Griff bekommen. Nach einigem Nachdenken habe ich versucht, meine Antwort zu formulieren.

Ja, ich habe lebenslänglich bekommen. Meine Traumata sind höchst komplex und da ich die meisten von ihnen über längere Zeiträume hinweg erworben habe (diese Formulierung ist irreführend: ich habe die Traumatisierungen nicht erworben, sie sind mir aufgenötigt worden) und obendrein nicht nur psychische sondern auch physische Schäden davongetragen habe, werde ich nie wieder ohne ihre Folgen leben können. Die PTBS wird sich immer in meine Bewertung der Welt und der Menschen, in meine Beziehungen und Freundschaften, in meine Fähigkeiten und Möglichkeiten einmischen. Es wäre utopisch, zu glauben, in der Therapie oder in einer Klinik könnte ich revidieren, was kaputt gemacht wurde. Wie wir heute wissen, verändert die PTBS die Gehirnstrukturen. Eine PTBS kann man mittels PET (Positronen-Emissions-Tomographie) bildlich darstellen: die sog. Mandelkerne (Amygdalae) bleiben bei einer PTBS dauerhaft aktiv und triggern durch ihre Aktivität immer wieder Hirnstamm und Großhirnrinde. Die von Traumata geschädigten Mandelkerne verursachen ständigen Streß, der sich auch mittels Bluttest nachweisen läßt (erhöhter Noradrenalinspiegel, supprimierter Cortisolspiegel).

Es gibt inzwischen dankenswerterweise überhaupt eine Bewußtsein für PTBS. Gerade in Deutschland, dem Kriegsverliererland, war das bis in die 90er hinein kein Thema. In den USA entwickelte sich nach dem Vietnamkrieg ein Bewußtsein für PTBS, aber es brauchte eben noch ewig, bis das über den Teich hier bei uns ankam. In letzter Zeit verwässert der Begriff des Traumas allerdings auch schon wieder – da werden „einfache“ schlimme Erfahrungen (oder auch bloße Mißgeschicke) als „traumatisch“ oder „Traumata“ bezeichnet. Das ist Quatsch. Wie auch immer. Jedenfalls gibt es inzwischen überhaupt ein Bewußtsein für PTBS und erste Therapieansätze wie z.B. Gesprächstherapie, EMDR, Somatic Experiencing u.a. Aber all diese Methoden können nur helfen, die durch die PTBS-Brille erstellte Bewertung der Welt zu relativieren. Eine echte Heilung von PTBS gibt es nicht. Auch insofern habe ich lebenslänglich. Die PTBS hat den Aufbau und die Funktionsweise meines Gehirns verändert und ich kann zwar üben, andere Synapsen, andere Wege zu benutzen, aber im Grunde ist das irreparabel.

So einschränkend eine PTBS auch ist und so sehr ich an den Folgen der Traumatisierungen leide – ich habe nicht vor, mir mein komplettes Leben davon bestimmen zu lassen. Ich habe im Austausch mit anderen PTBS-Patienten gesagt: ja, ich habe lebenslänglich, aber die Haftbedingungen bestimme ich! Ich versuche es zumindest. Ich versuche, mir selbst beizustehen, mir positive Erfahrungen zu verschaffen, mich selbst zu fordern und zu fördern. Ich versuche, für Neues offen zu bleiben, immer wieder etwas dazuzulernen und in der Therapie die erlittenen Traumatisierungen anzugucken und anzunehmen. Das ist schwer genug.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Donnerstag, 20. August 2015 und wurde abgelegt unter "PTBS". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback senden von deiner eigenen Seite.

Noch keine Kommentare.

Kommentar hinterlassen

*wird nicht angezeigt

XHTML erlaubte Tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

gruener-mann.de läuft unter Wordpress 4.6.6
Anpassung und Design: Weazel