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Der Dissoziation entkommen

Ich habe neulich darüber geschrieben, wie ich dissoziative Zustände empfinde. Heute möchte ich erzählen, welche Techniken ich persönlich anwende, um ihnen zu entkommen. Falls Du das Thema aufgreifen möchtest, würde ich mich freuen, wenn Du mir hier einen Link zu Deinem Posting dazu hinterlassen und Deine Skills teilen würdest.

Zunächst einmal muß ich sagen, daß ich verschieden starke/tiefe Formen von Dissoziation erlebe. Es gibt eher leichte Dissoziationen, aus denen ich auch wieder herauskommen kann, doch es gibt auch so schwere, daß ich nicht gegen sie ankomme. Diese sind am schwierigsten zu ertragen, weil ich mich ihnen absolut ausgeliefert fühle. Gegen sie habe ich noch überhaupt kein Mittel gefunden, nicht einmal stärkste Reize oder Schlaf oder sonstwas. Meine Mittel, gegen Dissoziationen anzugehen, betreffen also nicht diese krassen Ausprägungen.

Das beste und wirksamste Mittel gegen Dissoziation ist es, wenn ich mich einfach für längere Zeit (mehr als 8 Stunden, am besten incl. Nachtschlaf) zurückziehen und allein sein kann. Im Alleinsein ist Dissoziation nicht so schwer zu ertragen, weil ich dann keine Außenwirkung („alles ist ok, es geht mir gut“) aufrechterhalten muß, sondern so grumpy, genervt, ängstlich oder was auch immer sein kann, wie ich will und wie ich es fühle. Wenn ich dissoziiere, machen sämtliche Erwartungshaltungen anderer Menschen es schlimmer, vor allem wenn von mir erwartet wird, daß ich in irgendeiner Weise reagieren oder aktiv werden soll. Das betrifft insbesondere auch meinen Sohn, der als Kind natürlich den Anspruch hat, daß ihm interessiert zuhören und mit ihm interagieren soll. Das macht Dissoziation übrigens sogar oft noch schlimmer, weswegen ich dann froh und dankbar bin, wenn mein Mann übernimmt und ich mich einfach zurückziehen kann.

Ein weiteres gutes, aber nicht ganz unproblematisches Mittel ist es, aktiv zu werden, also z.B. etwas im Haushalt oder etwas Kreatives zu machen. Auch Sport hilft. Das Problem ist allerdings, daß meine Form von Dissoziation mit einer inneren und äußeren Erstarrung einhergeht, daß ich also gerade dann, wenn ich es am nötigsten bräuchte, nicht unbedingt in der Lage bin, mich zu bewegen. Es kostet dann sehr viel Überwindung und Kraft, mich zu regen. Manchmal fühlt sich das an, als wäre ein Sofa kein Sofa, sondern eher eine Art Urwald oder Sumpf, aus dem man sich regelrecht herauskämpfen muß…

Neue Reize sind ebenfalls ein gutes, aber nicht unproblematisches Mittel. Normalerweise bin ich ja gern viel unterwegs, aber wenn ich dissoziiere, bereitet mir eine neue und nicht vertraute Umgebung Unbehagen. Das kann also funktionieren, kann aber auch dazu führen, daß ich noch stärker dissoziiere. Wichtig ist in jedem Fall, daß jemand dabei ist, dem ich vertraue und der schon Erfahrung damit hat, daß ich möglicherweise ängstlich reagieren könnte, sobald ich neuen Reizen ausgesetzt bin.

Abgesehen von neuen Reizen (vor allem einer Umgebungsveränderung) helfen auch starke bis unangenehme Reize wie z.B. das Lutschen eines minzigen Bonbons, das Essen von etwas sehr Scharfem, das Riechen an Ammoniak. Die Gefahr ist aber auch hier, daß diese Reize, wenn sie mich auf dem falschen Fuß erwischen, mich noch weiter dissoziieren lassen könnten. Kommt immer auf die Tageskondition an. Blöderweise gehört leider auch Schmerz zu den Mitteln, die durchaus helfen können (selbstverletzendes Verhalten). Ich versuche seit einiger Zeit, die Selbstverletzung zugunsten anderer, nicht-invasiver Mittel beiseite zu lassen, aber das ist ein langwieriger Prozeß, vor allem, weil Selbstverletzung so viele Jahre lang funktioniert hat und daher entsprechend eingeübt wurde.

Als hilfreich bei Dissoziation empfinde ich alles, was vertraut ist. Daheim ist das natürlich recht leicht umzusetzen, weil da alles vertraut ist. Für unterwegs habe ich immer bestimmte Gegenstände dabei bzw. im Auto, die helfen, mich zu stabilisieren. Für mich gehört dazu z.B. mein Aquarell-Skizzenbuch, das ich überall mit hinschleppe, aber auch mein Handy, auf dem ich Lieblingsmusik und Photos habe.

In den letzten Monaten ist mir außerdem klar geworden, daß Dissoziation zu bestimmten Tageszeiten besser bzw. schlechter wird und daß sie auch wetterabhängig sein kann. Das finde ich ziemlich interessant.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Samstag, 19. September 2015 und wurde abgelegt unter "PTBS". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback senden von deiner eigenen Seite.

2 Kommentare

  1. hinterherleben:

    Danke für deinen interessanten Beitrag!

    Vieles von dem, was du hier beschreibst, kenne ich so oder ähnlich aus meinem eigenen Erleben. Bei mir treten Dissoziationen ebenfalls in verschiedenen Ausprägungen auf. Bis zu einem gewissen Grad ist es mir möglich, aktiv etwas zu tun, aber es gibt auch dissoziative Zustände, die derart ausgeprägt sind, dass ich mich ihnen (noch) hilflos ausgeliefert fühle. Auch das Ertarren ist ein mir bekanntes Phänomen – deinen Vergleich mit einem Urwald/Sumpf, aus dem man sich herauskämpfen muss, fand ich sehr treffend!

    Die meisten der von dir beschriebenen Skills sind für mich ebenfalls hilfreich (z. B. vertraute Umgebung/Gegenstände, Aktivität, starke Gerüche). Etwas, das mir oft zusätzlich bei Dissoziationen hilft, ist Kälte. Nicht im Sinne von „Frieren“, sondern durch das Berühren bestimmter Hautstellen (z. B. Hände, Handgelenke, Nacken) mit Kühlakkus/Eis, barfuß über kalte Fliesen gehen o. ä. Zu Trauma-Konfrontationen in der Therapie nehme ich z. B. immer mehrere Kältekompressen mit, die ich währenddessen in der Hand oder an den Nacken halte.

    Bei mir werden Dissoziationen eher erträglicher, wenn ich nicht alleine bin – ansonsten entsteht oft ein Empfinden, mich völlig in diesem Zustand „aufzulösen“ und die Grenzen zwischen Früher und Heute noch mehr aus dem Bewusstsein zu verlieren. Allerdings lässt sich nur die Nähe bestimmter, vertrauter Personen (bspw. mein Freund, mein Therapeut) ertragen. Der Kontakt mit weniger vertrauten oder gar fremden Menschen würde mich auch eher noch mehr stressen.
    Ist dir bei Dissoziationen ein völliges Alleinsein angenehmer oder eher ein Alleinsein, bei dem jemand zwar nicht direkt anwesend, aber in „greifbarer“ Nähe (z. B. in einem anderen Raum) ist?

    Eine Tageszeit- und Wetterabhängigkeit konnte ich auch feststellen. Bei mir ist es so, dass mit zunehmender Dunkelheit (und oft auch mit zunehmend kaltem Wetter) Dissoziationen zunehmen und/oder mitunter leichter ausgelöst werden können. Wie verhält sich das denn bei dir bzw. welche Beobachtungen hast du gemacht?

    Viele Grüße

  2. William:

    Kälte habe ich noch nicht gegen Dissoziation probiert, das werde ich mal machen. Danke für diesen Hinweis.

    Ich bin lieber ganz allein und werde von der schieren Anwesenheit von Menschen z.B. auf der Straße draußen oder irgendwo im Haus gestreßt. Wahrscheinlich, weil ich ständig abchecke, ob sie etwas von mir wollen (könnten). Habe mr aus dem Grund auch eine Schallschutztür in mein Zimmer einbauen lassen, um das, was ich von draußen mitbekomme, soweit wie möglich zu reduzieren. Leider vertrage ich keine Ohrstöpsel mehr, aber ich habe mir ohrumschließende Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung gekauft, die mir auch sehr helfen. Mache mir dann gern Regengeräusche an und lasse die Außengeräusche rausfiltern, um mich richtig abzuschotten.
    Ich glaube, grundsätzlich wäre ich dafür gemacht, ganz allein zu leben, so als Eremit im Wald ohne ungewollten/zufälligen Menschenkontakt.

    Mein Befinden wird allgemein besser ab dem Abend, insbesondere bei Dämmerung und Dunkelheit, weil ich es als Entspannung erlebe, wenn (die meisten) Menschen im Bett sind und keinen Druck mehr auf mich ausüben können.
    Sommerhitze und Minusgrade sind für mich schlecht. Am besten geht es mir bei Herbst- und Frühlingswetter (besser noch bei Herbstwetter), zwischen 10 und 22°C. Regen hilft mir immer sehr, pralle Sonne mag ich nicht. Wind macht es schlechter, je stärker er ist.

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